Sophia beim Chinesen. Heute wird kräftig ausgegangen

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Lektion 3: Ausgehen oder: Nachtleben auf dem Mond Unser Abend beginnt in der Sanlitun Area in Peking. Das ist das Stadtviertel, das im Reiseführer als das „Weggehviertel“ für Ausländer beschrieben wird und für sogenannte „Newcomer“ geeignet sein soll. Für unsere Praktikanten-Crew, die an diesem Abend loszieht, ist das also zumindest für den Anfang genau das Richtige.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Wir sehen: Einen Mover und Shaker beim Verrichten seiner Cocktail-Show. Ich versinke in einem roten Plüschsofa in einer der kleinen Bars in der Sanlitun Street und beobachte. Die Live-Sängerin auf der Bühne trällert in ihr Mikrofon. Dabei wippt die hübsche Asiatin im Takt der Musik und wirft sich die langen gelockten Haare (Dauerwelle ist gerade total „In“) über die Schulter. Die Rüschchen auf ihrer Bluse schaukeln auf und ab. Ihr Begleiter, der fast ein bisschen aussieht wie sie, nur ohne Dauerwelle, schreddert über die Gitarre und wirft ihr nach jedem zweiten Takt einen schmachtenden Blick zu. Am Tisch links neben uns sitzen zwei chinesische Mädels. Sie haben eine große Flasche Rotwein bestellt, „Great Wall“ Rotwein, von dem man, wie ich gehört habe, eher die Finger lassen sollte. Zumindest lallen die Mädels am Tisch nebenan nach einer knappen halben Stunde nur noch. Doch das ist der beste Zeitpunkt für den Barbesitzer, mit dem zweiten Programmpunkt des Abends zu beginnen: Mit einer Kunst-Auktion. Auch das ist in den Bars üblich. Ein Künstler rollt auf der Bühne lange weiße Papierrollen aus. Eine Tiger-Gruppe vor einem Wasserfall ist darauf zu sehen. Die Szenerie ist in ein zartes Rosa getaucht. Doch die Mädels nebenan scheinen die kitschigen Amateurbilder ganz toll zu finden und strecken eifrig die Hände in die Höhe. Billig ist der Spaß nicht. Um die 100 Euro kostet ein solches Bild. Hoffentlich finden die Chinesinnen die Tiger in Rosa am nächsten Tag auch ohne „Great Wall“ Rotwein noch schön.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das ist: Das Mädchenklo. So much Glam! Es ist Zeit für einen Ortswechsel. Zunächst wagen wir einen Abstecher zu einer Pyjama Party im „Brown`s“. Das soll einer der besten Clubs der Stadt sein. Und das „Brown`s“ ist gut. Dort ist auch richtig viel los. Nur fühlen wir uns an diesem Abend unter den tanzenden Herzchen-Pyjamas an der Bar doch nicht so wohl. Zudem hat ein Spa in Peking für diesen Motto-Abend Schlafmützen in Rosa und Hellblau gesponsert, die jeder Gast am Eingang in die Hand bekommt. Die Tanzfläche gleicht einem Traum aus rosafarbenen Schlafwandlern. Wir beschließen, dass wir das „Brown`s“ lieber ein andermal ohne Schlafmützchen erkunden und fahren zum Westtor des Chaoyang Parks. Auch dort gibt es eine Straße voller Bars und Clubs. Zuerst tauchen wir in “The World of Suzie Wong” ab, der Kult-Disko Pekings schlechthin. Laut „Insider’s Guide“ für Peking ist das Suzie „The best place for People Watching”. Und Spaß kann man dort wirklich haben. Nicht nur, weil es dort viel zu beobachten gibt. Ins „Suzie“ gehen hauptsächlich Expats. Zumindest auf der männlichen Seite. Das würden nun vor allem diejenigen sagen, die das „Suzie Wong“ als „die“ Abschleppmeile für junge Chinesinnen sehen. Denn die Disko gilt auch als „The best place to find a date“. Und die Kombination männlicher Ausländer und junge Chinesin ist dort recht auffällig. Zielgerichtet scheinen die jungen Damen durchaus zu sein. Mein Mitpraktikant grinst breit, als die nächste Chinesin auf ihn zusteuert und ihn fragt, ob er denn schon belegt sei.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Sophia im Suzie. Umgeben von Expatriates und senioresken Disco-Maniacs. Die Ausländer-Gemeinde in China ist eine ziemlich eingeschworene Gemeinschaft. Man trifft sich immer an den gleichen Orten, in den gleichen Clubs und Restaurants. Wer aber die Expat-Orte meiden und in typisch chinesischen Restaurants mit Einheimischen Freundschaften schließen will - hm, das ist schwierig. Meine chinesische Kollegin Zhang, die an diesem Abend mitgekommen ist, kennt das Phänomen ziemlich gut. Sie ist mit einem Ausländer verheiratet und sie erklärt mir, dass es sehr schwierig sei, als Ausländer mit Chinesen wirklich gut befreundet zu sein. „Wir verbringen eben viel mehr Zeit zu Hause, mit unserer Familie. Und wir haben ein anderes Verständnis von Freundschaft“, sagt sie. „Das ist nicht so wie bei Euch.“ Selbst Freunde wären schon wie ein Teil der Familie. Zumindest bei den traditionell verankerten Chinesen. „Und selbst wenn Du mehr mit Chinesen unterwegs sein würdest, es ist trotzdem anders“, erklärt mir Zhang. "Deswegen bleibt Ihr Ausländer eben eher unter Euch und geht an andere Plätze", erklärt sie mir.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Die Sanlitun Bar Street am Tag. Mit Peking-Taxis. Als Gegenprogramm steuern wir an diesem Abend deswegen noch die „Chinesen“- Disko an, die gleich nebenan ist. Dort ist: kein Expat. Die Disko, die wie ein riesiges Ufo aussieht, das gerade am Chaoyang Park gelandet ist, muss der Besucher durch einen Tunnel betreten. Innen quetschen sich dann ein paar hundert Chinesen in eine riesige, kugelförmige Halle, in der Techno-Musik dröhnt. Die Decke ist mit weißen Polstern verkleidet, an den Wänden stehen riesige, weiße Knautschsessel aus Schaumstoff, die im Licht glitzern. Wir fühlen uns ein bisschen, als wären wie gerade auf dem Mond gelandet und lassen uns in einen dieser Knautschsessel fallen. Eine Dame, die etwas merkwürdig gestylt ist - mit weißem Häubchen auf dem Kopf, einer weißen Spitzenschürze und bestimmt zehn Zentimeter hohen High-Heels - bringt uns einen großen Tequila. Den schlürfen wir dann genüsslich. Und beschließen einstimmig, dass es sich als Expat auch auf dem Mond ganz gut aushalten lässt. Nächste Seite: In Lektion Nummer 4 erkundet Sophia die Skipisten in China. Und trifft auf Jausenstationen und Skilehrer mit Ösi-Slang.


Lektion 4: Skifahren in China Skifahren in China ist ein Erlebnis. Und das, obwohl die Messlatte hoch liegt, wenn sich eine Münchnerin auf den Weg in die chinesische Bergwelt macht. Denn auch das steht fest: Mit dem bayerischen Alpenpanorama können chinesische Skigebiete nicht mithalten. Dafür haben sie Anderes zu bieten. Das verspricht jedenfalls der Prospekt, den ich am Morgen auf der Autofahrt nach Nanshan, dem etwa 60 km von Peking entfernt liegenden Skigebiet in Händen halte. Blaue „Beginner Slopes“ finde ich zuerst auf der Skikarte. Aber was ich mir unter der „roxy chicken jam“ im Snowboard-Park vorstellen soll, weiß ich noch nicht so genau. Interessant finde ich auch den Hinweis auf der Karte auf die zwei „snow groomers introduced from Austria“. Das ist doch beruhigend. Bei meiner Ankunft in Nanshan bin ich aber doch ein bisschen skeptisch. Eigentlich ist hier alles bräunlich-graue Wüste. Das Dorf Nanshan besteht nur aus ein paar kleinen Häusern und einer „Range“, in der Gäste übernachten können. Sie sieht aus wie in einem schlechten Western-Film. Mittendrin: ein strahlend weißer Berg. In Nanshan fällt kein Schnee. Jedenfalls fast nie. In China wird ausschließlich auf Kunstschnee gefahren. Vor dem Berg: Ein riesiger Parkplatz, ein paar Lagerhallen und vor allem: ein paar hundert Chinesen. Mittendrin unsere Gruppe – eine Mischung aus Deutschen und Chinesen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Soderla. Mal kucken, ob die Chinesen den Schwung raushaben: Sophia vor dem Start. In den riesigen Lagerhallen stapeln sich Skischuhe und Kleidung, denn eine eigene Skiausrüstung hat in China fast niemand. Nahezu jeder leiht sich seine komplette Ausstattung direkt dort aus. Und auch ich muss am „Check-In“ anstehen, um auf meinen neonfarbenen Skianzug zu warten. Ich bin recht überrascht: Ich bekomme ganz ordentliche Ski und saubere Kleidung. Etwas Kopfzerbrechen bereitet mir allerdings die Sonnencreme, die ich mir dort im Laden kaufe. Vielleicht ziehe ich doch lieber den Sonnenbrand vor - in chinesischen Läden gibt es nur Sonnencreme mit Bleicheffekt. „Braun“ werden will nämlich kein Chinese. Das ist verpönt. Deswegen bewundern uns auch alle Chinesen für unsere schöne weiße Haut und schmieren sich täglich Bleichcreme, „Whitening Cream“, auf die Haut. Eine edle Blässe gilt als schick. Ich beschließe an diesem Tag, rot zu werden. Mit dem “quadruple chair lift“ fährt unsere Gruppe auf den Berg. Und der Blick von der Bergstation (ein Gebäude, das aussieht wie eine Tempelanlage) auf die „Beginner Slopes“ lässt mich erahnen, dass das ein lustiger Skiausflug werden könnte. Denn wie mir mein chinesischer Sitznachbar im Lift erklärt, lernen hier viele Chinesen Skifahren. Was nicht unbedingt heißt, dass sie einen Skikurs besuchen. „You can also go skiing without instruction“, erklärt der Chinese mir. Stimmt. Zumindest ergeben meine Feld-Studien an diesem Tag, dass Skifahren auch ohne Vorkenntnisse ganz gut möglich ist. Nur eben ohne Rücksicht auf Verluste. Und es waren weniger meine eigenen Skifahrkenntnisse, um die ich mich an diesem Tag gesorgt habe. Eher um die chinesischen Wurfgeschosse, die den ganzen Tag an mir vorüberflogen. Doch erstaunlich ist: Das Prinzip scheint zu funktionieren. Alle Chinesen kommen wieder am Ende der Skipiste an. Irgendwie halt. Dabei gibt es in Nanshan extra importierte Skilehrer aus Österreich. Und ich muss doch ein wenig grinsen, als ich den Einführungen des blondierten und braungebrannten Johann aus Österreich lausche, der einer Gruppe englischer und chinesischer Sprösslinge an diesem Nachmittag das Pflug-Fahren und „Turn left and right“ im Ösi-Slang beibringt. Aber selbst auf eine zünftige Jause muss ich nicht verzichten. Treffpunkt ist in Nanshan entweder das "Lavender Tea House" oder das chinesische Bergrestaurant. Statt Kaiserschmarrn stehen hier allerdings gegrillte Hühnerspießchen und Reiscurry auf der Speisekarte. Und statt Almdudler gibt es Tsingtao Bier. Auch wenn ich in Gedanken an den Kaiserschmarrn ins Schwelgen komme - um nichts in der Welt wollte ich an diesem Tag mein Bier gegen einen Almdudler tauschen. ---

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Sophia Seiderer --- Mehr Ausland auf jetzt.de: > Im ASA-Blog findest du Notizen aus der Entwicklungshilfe. > In der Erasmus-Kolumne schreibt philipp-braun über sein Studium in Madrid. > In der Sansibar-Kolumne beschrieb klaus-raab die Jugendkultur in dem afrikanischen Land. > In der Israel-Kolumne beschreiben gerade acht Autorinnen und Autoren ihre Begegnungen in Palästina und Israel.

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