Die Coming-Out-Kolumne

Teil 1: Balthasar – Braut wider Willen Balthasar trägt keine rosa Hemden.
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Illustration: Julia Schubert

Teil 1: Balthasar – Braut wider Willen Balthasar trägt keine rosa Hemden. Frisör ist er auch nicht. Aber Sex mit Frauen findet er irgendwie langweilig. Außerdem verliebt er sich grundsätzlich nur in Typen. Deswegen ist Balthasar doch nicht etwa schwul, oder? Männlich. Balthasar fühlte sich extrem männlich, als er allmählich aufwachte. Denn während er vom Bett herunterschaute, sah er neben der halbvollen – gemessen an Balthasars Kopfschmerzen eher halbleeren – Flasche Whisky ein benutztes Kondom. Balthasar empfand großen Stolz angesichts dieses Zeichens der Eroberung und des Ruhmes. Im Leben gibt es nur wenige solcher Spuren. Denn die Fußabdrücke der mutigsten Abenteurer werden im Nu durch den fallenden Schnee zugedeckt, wenn sie versuchen, zu Fuß zum Nordpol zu gelangen. Der Schweiß, den lebende Muskelberge im Fitnessstudio auf Gewichten und Geräten verteilen, hält sich nie lang, wegen Wischlappen oder Verdunstung. Die Spuren von Balthasars Heldenritt auf Testosteron lagen in Form eines unverrottbaren Gummis vor ihm. Er – 22, 1,71 Meter kleiner Sohn von Eltern mit unglücklichem Namensgeschmack, Betriebswirtschaftslehre-Student – hatte endlich ein Erfolgserlebnis. Endlich mal wieder eine rumgekriegt. Eine Kommilitonin? Oder eine, die er gestern Abend erst kennen gelernt hatte? Egal. Hier ging es weniger darum, wer sie war, sondern darum, dass er es überhaupt mal wieder geschafft hatte. Balthasar drehte seinen Kopf ein wenig und entdeckte noch ein Kondom. Was musste das für eine Nacht gewesen sein! Wie ausdauernd musste er gewesen sein! Wie männlich!
Männliche Dinge im Rücken
Trotz der Nachwirkungen des Alkohols fühlte Balthasar sich stark wie ein Grizzlybär. Er fühlte sich größer als sonst. Er fühlte sich, als hätte er mehr Muskeln an Armen und Oberkörper. Er spürte sogar einen Ansatz von Waschbrettbauch an sich. Ganz genau: er spürte ihn an sich. Aber es war nicht sein eigener Bauch. Es waren nicht seine eigenen Muskeln. Es war nicht seine eigene Größe. Denn plötzlich bemerkte Balthasar, dass die Brust des warmen Körpers in seinem Rücken ungewohnt fest war. Männlich. Er spürte noch mehr männliche Dinge. Balthasar löste sich vorsichtig aus der Umklammerung und drehte sich langsam um. Wer oder was da auch immer hinter ihm lag, Balthasar wollte es sehen, ohne es aufzuwecken. „Ich brauche Zeit. Ich muss mich erinnern“, dachte er, während er in Kevins Gesicht blickte. Balthasar gefielen Kevins kurze schwarze Haare, die für einen großen Menschen sehr kleine Augen und sein ein zufriedenes Lächeln im Schlaf. Balthasar kannte Kevin vom Uni-Fußball, wo ihm bereits Kevins ansehnlicher Körperbau aufgefallen war. Auch wenn Balthasar so etwas nie denken würde. Aber warum dachte er es dann? Warum sah er sich gern Männer an? Warum hatte Balthasar (offensichtlich) mit dem Kumpel geschlafen? Warum war der Sex mit Sybille immer so langweilig gewesen? Warum waren auch seine vereinzelten One-Night-Stands nie wirklich gut gewesen? Was war verdammt noch mal schief gelaufen? War er deswegen jetzt etwa schwul? Gab es schwule Grizzlybären?

Balthasar musste raus aus dieser Situation. Aus diesem Bett. Er sprang auf und stand etwas hilflos nackt mitten in Kevins Studentenapartment, weil er seine Unterhose nirgends entdecken konnte. Dafür fiel sein Blick erneut auf die Kondome und den Whisky. Klar, die Lösung! Mehr als 40 Umdrehungen! Wenn man besoffen ist, kann das passieren. Dann kann man nichts dafür. Dann ist man nicht man selbst. Denn man selbst ist ja normalerweise normal. Mann, Mann, Mann, Gott sei Dank lässt sich alles normal und plausibel erklären. Rückhaltlos aufklären. Ein verfluchtes Versehen. Zuviel Whisky kann den stärksten Grizzlybären dazu bringen, sich not bärenlike zu verhalten. Aber nüchtern ist und bleibt der Grizzly ein Grizzly, basta. Jetzt, wo das so überzeugend und unzweifelhaft und perfekt geklärt war, musste Balthasar eigentlich nur noch schnell weg aus dieser Wohnung. Am besten, bevor Kevin aufwachte. Wo war bloß die blöde Unterhose?
Epilog:
Stimme (von hinten): Balthasar, was stehst du da so komisch?
Balthasar fuhr erschrocken herum, wobei er sich die rechte Hand zwischen die Beine hielt. Kevin lachte.
Balthasar: Warum lachst du so blöd?
Kevin: Ich hab’ dich bereits nackt gesehen, Süßer.
Kevin winkte Balthasar zu, in der Hoffnung, er würde zurück ins Bett kommen. Aber Balthasar blieb unbewegt stehen.
Balthasar (laut): Los, steh auf und hilf mir, meine Unterhose zu suchen.
Balthasar (nach kurzer Pause, leise): Bitte.
Balthasar (nach einer weiteren Pause, halblaut): War nur der Alkohol. War alles nicht gewollt. Ehrlich jetzt.

Bald trollte der Grizzlybär sich still und leise und mit gesenktem Kopf nach Hause. Er fühlte sich an diesem Tag unwohl in seinem Fell.
Und in seiner Unterhose. (Illustration: Karen Ernst)

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