Entertainment für 50 Millionen

Illustration: karen-ernst Klischee, Klischee! Die Gesamtzahl der Narben in Guido Westerwelles Gesicht war geringfügig im Vergleich zur Gesamtzahl an Klischees, die in den Medien und im Alltag über Schwule verbreitet wurden.
tobias-peter

Illustration: karen-ernst Klischee, Klischee! Die Gesamtzahl der Narben in Guido Westerwelles Gesicht war geringfügig im Vergleich zur Gesamtzahl an Klischees, die in den Medien und im Alltag über Schwule verbreitet wurden. Egal, ob behauptet wurde, alle Schwulen seien besonders reinlich und sensibel, sie würden selbst das Heranführen der Kaffeetasse an den Mund zu einer abendfüllenden Show umfunktionieren oder aber sie würden die Village People verehren - im Kern ging es immer darum, dass Schwule angeblich anders waren als andere Männer. Letztlich weniger männlich. War etwas dran, wenigstens ein bisschen? Balthasar kannte zu wenige Schwule, um das beurteilen zu können. Er wusste nur, dass er selbst kein Abziehbild medialer Klischees sein wollte. Er stand auf Männer, klar. Doch deswegen duschte, tanzte, trank, lachte, schwitze, redete und kiffte er jetzt nicht anders.

Leben als autistische Gummipuppe

Aber entsprach Balthasar etwa nicht dem Klischee, indem er zuerst einer Freundin erzählte, dass er schwul war? Machten es die Homo-Figuren bei “Verbotene Liebe” nicht auch immer so? Ging es in seinem Leben nicht zu, wie in einem “Gute Zeiten, schlechte Zeiten”-Drehbuch, als Nadine ihn anlächelte und umarmte und feierlich zu ihrer neuen besten Freundin ernannte? Aber warum hatte er dann nicht zuerst mit seinem guten Freund Matthias gesprochen? Die Antwort: Nadine war die weit risikolosere und praktischere Wahl. Nie käme sie auf die Idee, Balthasar könnte sie anbaggern wollen oder hätte seinen Arm in der Vergangenheit irgendwann mal zu lang um sie gelegt. Matthias hätte mit Balthasar nach dem Gespräch vermutlich auch nicht regelmäßig Schwulendiscos besucht. Erst recht hätte er sich dort nicht mit viel Einsatz und Charme bemüht, Balthasar mit Männern in Kontakt zu bringen - anders als Nadine, die zur Hochform auflief. Denn in seiner Unsicherheit versteckte sich Balthasar anfangs noch wie autistische Gummipuppe am Rand der Tanzfläche.

Balthasar verstand bald, dass es in Sachen Klischee im Wesentlichen drei Arten von Schwulen gab: 1. diejenigen, die bestehenden Klischeebildern im Großen und Ganzen entsprachen, ob absichtlich oder unabsichtlich; 2. die vielen, die Typen waren wie jeder andere auch; 3. einige bewundernswerte Virtuosen, die spielerisch mit den Klischees umgingen, indem sie sich gelegentlich ironischer Weise dementsprechend verhielten. Ein Virtuose, nein, das war Balthasar wirklich nicht. Aber er war zufrieden damit, dass er so war, wie er immer war - und sich dabei nach einer Phase der Eingewöhnung immer besser in der schwulen Szene zurechtfand. Je mehr Schwule Balthasar kennen lernte, desto klarer wurde ihm, dass es wirklich nur ein verbindendes Merkmal gab: Alle standen auf Männer. Nicht mehr. Nicht weniger. Anders als viele Heterosexuelle meinten, war auch die Behauptung „Die ficken sich gegenseitig in den Po“ nichts als ein pauschales Vorurteil, das nicht auf alle zutraf. In ihren Vorlieben waren Schwule so verschieden wie Heterosexuelle auch. Männer lieben konnte man auf vielerlei Art und Weise. Es war egal, wie sehr oder wenig man Klischee war. Hauptsache, man war dabei glücklich.

Balthasar arbeitete besonders gern mit dem Mund. Wer auch immer behauptet hat, er wisse nicht, wozu Männer überhaupt Brustwarzen haben, hat selbige noch nie mit der Zungenspitze berührt. Ohrläppchen, Bauchnabel und was Männer sonst noch so haben - Balthasars Zunge bespitzelte, massierte, bewegte und leckte. Bekanntermaßen leben in der Mundhöhle eines Menschen etwa 50 Millionen Mikroorganismen. Bei Balthasar war ihnen wenigstens nicht langweilig.

Epilog:

Nadine und Balthasar unterhielten sich beim Brunch. Sie waren am Vorabend gemeinsam in der Disco gewesen, und Balthasar hatte jemanden mit nach Hause genommen, der ihm bei mittelschwerer Alkoholisierung überaus attraktiv vorgekommen war. Beim Aufwachen am nächsten Morgen fand Balthasar ihn nicht mehr ganz so umwerfend, aber immer noch gut. Abgesehen davon war die Nacht ja vorbei, die Attraktivität des Mannes also nicht mehr wirklich wichtig.


Nadine: Erfolgreich gewesen?
Balthasar überlegte kurz und fuhr sich dann demonstrativ mit der Zunge über die Oberlippe.
Nadine (grinsend): Du wirst immer mehr zur Klischeeschwester.

Balthasar blickte verunsichert an sich herab. Er saß breitbeinig wie George W. Bush am Tisch und umfasste seine Kaffeetasse wie Clint Eastwood den Griff seines Revolvers. Der Kaffee darin war tiefschwarz. Das alles konnte sie also eigentlich nicht meinen.
Balthasar: Was meinst du? Warum?
Nadine: Du stehst irrsinnig auf Schwänze, Balthasar.
Balthasar nickte langsam, anfangs noch irritiert. Dann brach das Lachen aus beiden lauthals heraus. Denn so betrachtet, ja so betrachtet, war er wirklich eine Klischeeschwester.

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