Toleranter Tomatenketchup

Illustration: karen-ernst Balthasar hatte genug.
tobias-peter

Illustration: karen-ernst Balthasar hatte genug. Genug davon, immer wieder umständlich zu erklären, dass er schwul war. Zu erzählen, wie er es bemerkt hatte. Wie er sich entschieden hatte, der zu sein, der er war. Er hatte es satt, sich nach und nach mit jedem Einzelnen seiner Freunde über seine Sexualität zu unterhalten. Lieber wollte er leben. Klar, Balthasar sah ein, dass es Gesprächsbedarf gab. Freunde waren Freunde. Und Freunde sollten voneinander wissen, was in ihren Leben vorgeht. Von Balthasars Leben machten sich viele eine falsche Vorstellung. Deshalb hatte Balthasar die Gespräche anfangs auch noch sehr wichtig genommen. Genauestens hatte er geplant, wann und wie und wo er wem sagen wollte, was bei ihm los war. Gleichzeitig fand Balthasar es ungerecht, ständig Auskunft geben zu müssen. Es käme ja auch keiner auf die Idee einen Heterosexuellen zu fragen: “Wann hast du entdeckt, dass du dich für das andere Geschlecht interessierst? Kommt du damit klar? Wissen es deine Eltern und Geschwister? Schämen sie sich für deine Heterosexualität?” Schwulen Text abspulen Zugegeben, zwei oder drei Mal war das Outing vor einem Freund oder einer Freundin ja auch noch spannend gewesen. Was waren die richtigen Worte? Wie würde die erste spontane Reaktion ausfallen? Bald jedoch waren die Gespräche vor allem eins: langweilige Scheißroutine. Denn im Wesentlichen spulte Balthasar jedes Mal den selben Text ab. Was auch sonst, schwul war schwul war schwul. Da gab es nicht viel zu variieren. Auch die Reaktionen unterschieden sich in den meisten Fällen nicht allzu sehr. Fast immer zeigte sich der Gesprächspartner überrascht. Fast immer gab es Verständnis und Ermutigung, wenn auch nicht immer sofort. Eigentlich eine gute Sache. Aber auf Dauer etwas zu eintönig, als dass man ständig seine Zeit damit verbringen wollte. Das durchschnittliche Coming-Out-Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin war mit einem handelsüblichen Hamburger vergleichbar, dachte Balthasar. Where’s the beef? Das Rindfleisch, um das sich alles drehte, war die unvermeidliche “Was ich dir sagen wollte”-Nummer. Garniert wurde das Ganze dann meist mit einigen Gurken-Fragen, wie: “Warum hast du es mir nicht früher gesagt? Hattest du etwa kein Vertrauen zu mir?” Oder auch: "Identifizierst du dich eigentlich mit Guido Westerwelle? Wie findest du, dass er sich gerade verlobt hat?" Die am besten gemeinte und trotzdem dämlichste Frage war: “Machst du dir keine Sorgen wegen Aids?” Bevor schlechte Stimmung aufkommen konnte, wurde jedoch fix der industriell massengefertigte Tomatenketchup der Toleranz über das Ganze gegossen (“Das Wichtigste ist, dass du glücklich bist”). Voll okay, alles. Vor allem, wenn man den Coming-Out-Burger in einem weichen Brötchen platzierte. Da tut sich keiner die Zähne weh. Epilog: Burger sind lecker. Laut der weltweit verbreiteten Nährwerttabelle eines hoher Qualität und Glaubwürdigkeit verpflichteten Fastfoodkonzerns sind sie sogar gesund. Was für Burger im Allgemeinen gilt, muss erst recht für tolerante Burger gelten. Dennoch möchten die wenigsten Menschen immer das Gleiche essen. Balthasar wollte es jedenfalls nicht. Aber was war die Alternative? Sollte er alle Freunde zu sich nach Hause einladen, um es ihnen gleichzeitig mitzuteilen? Das war Balthasar zu viel. Sollte er lieber nichts sagen, bis es sich alles selbst herumsprach? Das war Balthasar zu wenig. War es besser, mit den Einzelgeprächen fortzufahren, aber sie interessanter zu gestalten? Zum Beispiel, indem Balthasar seinen “Ich bin schwul”-Satz mal in einer John-Wayne-Variante, mal in einer rührseeligen Heinz-Rühmann-Hommage und mal in einer weinerlichen Nummer à la Titanic vortrug? Das wäre zwar unterhaltsam, aber dafür fehlte ihm als mittelmäßiger Betriebswirtschaftslehre-Student das Talent. Fehlendes Talent sprach eindeutig auch gegen die Möglichkeit, vor seinen Freunden feierlich “Ich bin nämlich homosexuell” zur Melodie von Yellow Submarine zu intonieren. Wäre es nicht wunderschön, einfach auf einer Party mit dem Mann seiner Träume aufzutauchen? Dafür fehlte Balthasar die feste Beziehung. Vielleicht auch das Selbstvertrauen. Balthasar suchte nach einer Lösung, die es ihm ermöglichte, seine Freunde ohne großen Aufwand oder Zeitverlust ausreichend zu informieren. Dann fiel sein Blick auf seinen Computer. Er begann eine Mail zu schreiben: “Liebe Freunde, 1. Ich bin schwul. 2. Das ist kein Scherz. Dafür habe ich nicht den richtigen Humor. 3. Schluss mit Hamburgern! Verbrennt Nährwerttabellen! 4. Ich hasse Westerwelle. Aber er hat einen sehr geschmackvollen Verlobungsring. 5. Falls sich jemand sorgen um meine Gesundheit macht: Ich benutze Kondome. Und ich möchte alle Frauen, die das hier lesen, vorsorglich auf Folgendes aufmerksam machen: Ihr könnt das statistische Risiko, Euch mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken, um ein Vielfaches verringern, wenn Ihr von nun an lesbisch lebt. Genug zu dem Thema, viele Grüße, Balthasar.

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