"Rechnen 20 stärkt Ihre Stirnlappen"

Seit zwei Jahren rollt die Gehirnjogging-Welle über deutsche Konsolen hinweg. Unser Autor vermisst vor lauter Gesundheit die Pizzareste, Cola und viereckige Augen.
rudolf-inderst

Auf dem Kongress "Munich Gaming" Anfang April war von mehreren Tagungsteilnehmern zu hören, der Deutsche an sich bräuchte stets eine Ausrede, um sich Spielen hinzugeben. Wenn das wahr ist, dann ist es einem Mann namens Ryuta Kawanshima gelungen, die Deutschen zu Spielern umzufunktionieren. Seit 2006 die Gehirnjogging-Welle über uns. Alles begann mit "Dr. Kawashimas Gehirn Jogging" für den Nintendo DS. In zahlreichen Minispielen kann der geneigte Käufer seine Erinnerungsfähigkeit oder Auge/Hand-Koordination steigern. Zwei clevere Eigenschaften verhalfen dem Titel zum Durchbruch: Zum einen profitierte "Dr. Kawashimas Gehirn Jogging" von einem integriertem Sudoku-Feature, das sich extremer Beliebtheit erfreut und sich daran macht, das Kreuzworträtsel zu überholen. Zum anderen hatte, bei allem Streben nach Gesundheit, Harmonie und Ausgleich, das Spiel indirekt eine sehr kompetitive Komponente: den Alterscheck. Nichts ist schöner als seinen Mitmenschen unter die Nase zu reiben, dass das eigene geistige Alter weit unter dem eigentlichen, biologischen liegt.

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Illustration: Julia Schubert
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Illustration: Julia Schubert

Schaut man sich heute nach ähnlichen Spielkonzepten um, wird man mittlerweile von einer Titelflut erschlagen, die alle nur unser Bestes wollen – unsere geistige und körperliche Fitness. Und so finden wir heute "Spiele" wie "Big Brain Academy", "Dr. Reiner Knizias Logikcoach" oder "Practical IQ" in den Regalen der Händler. Wir können Augentraining, Mathematiküberstunden, Zweihänderübungen oder Sprachen durchexerzieren und unsere Freizeit endlich "sinnvoll" nutzen. Dies ist zweifellos Teil der Bemühungen der Firmen, neue Zielgruppen und damit unverbrauchte Absatzmärkte zu erschließen. Mit "Wii Fit", einem Heimfitnesstraining für Nintendos Konsole Wii steht der nächste Nützlichmacher in den Startlöchern.

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Illustration: Julia Schubert

Zur Hölle, was ist eigentlich aus Chips und Cola geworden? Eine ungesunde und geistig zurück gebliebene Melancholie packt die Gehirn-Jogging-Skeptiker. Sollten Spiele nicht einfach mal Spaß machen? Die unmissverständliche Aufforderung zur Produktivität erfasst eine Generation von Spielern und Spielen, die in ihrer Tragweite noch nicht absehbar ist. Andreas Rosenfelder beschreibt in seiner eleganten Darstellung "Digitale Paradiese" die digitale Unterhaltung als romantischen Gegenentwurf zu institutionalisierten Erfahrungen und bringt somit das Bild des zufälligen und aufregenden Lernens während der Wanderjahre auf. Titel wie "Entspannen Sie Ihre Augen", "Prof. Brain-Maniac" oder "Mindstorm stellen das Gegenteil dar. Sie sind organisierte Lehr- und Stundenpläne, die einem Verlangen nach heiliger Planhaftigkeit in die Hände spielen.

Text: rudolf-inderst - Fotos: www.touchgenerations.com, www.bigbrainacademy.com

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