Das ist... Chris Mintz

Der größte Held schlechthin.
Von Charlotte Haunhorst
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Illustration: Julia Schubert

Das ist...

Chris Mintz, 30 Jahre alt und angehender Fitnesstrainer, weshalb er Kurse am Umpqua Community College in Roseburg, Oregon, belegte. Jenes College wurde am Donnerstag, den 1. Oktober (Ortszeit), Schauplatz eines Amoklaufes, bei dem Attentäter Chris Harper Mercer mindestens neun (nach anderen Quellen auch zehn) Menschen tötete. Als um 10.38 Uhr der erste Notruf bei der Polizei wegen Schussgeräuschen einging, war Mintz ebenfalls in dem College - er hatte Unterricht.

Der kann...

ziemlich stolz auf sich sein - die USA sind es zumindest. Zwar gibt es unterschiedliche Versionen, was sich an diesem Donnerstagvormittag in Roseburg genau abspielte, aber eines ist sicher: Chris Mintz fing sieben Kugeln mit seinem Körper ab und rettete mehreren Menschen das Leben. Seine Kommilitonin Hannah Miles erzählte der ABC die Geschichte so, dass Mintz, nachdem die ersten Schüsse fielen, in die Bibliothek gerannt sei um den Alarm im Gebäude auszulösen. Danach habe er seine Kommilitonen gewarnt, sie sollen sofort das Gebäude verlassen. Er selbst sei dann zurück ins College zurückgelaufen, die genauen Motive dabei sind bisher unklar. Später soll er ein Klassenzimmer, in dem sich noch Menschen befanden, von innen verriegelt und sich vor die Tür gestellt haben. Hier traf ihn der Attentäter sieben Mal. Kurz darauf beging er Suizid. Angeblich soll Mintz, als der Täter zwischenzeitig aufhörte auf ihn zu feuern, noch gesagt haben: "Heute ist der Geburtstag meines Sohnes". Tatsächlich wurde sein Sohn Tyrik, für den Mintz nach zehn Jahren bei der Armee in North Carolina zurück nach Oregon gezogen war, an diesem Tag sechs Jahre alt.

Der geht...

... bald in die Reha, um wieder Laufen zu lernen und danach vermutlich in sämtliche Talkshows des Landes. Denn trotz der sieben Kugeln in seinem Körper hat Mintz das Attentat überlebt - und wird nun als Held gefeiert. Sein Cousin Derek Bourgeois, der nach dem Attentat eine Kampagne zur Deckung der Krankenhauskosten ins Leben gerufen hat, sagt: „Er konnte nicht einfach nur rumstehen und nichts tun. Er hat gehandelt. Das ist sein Instinkt. Er ist Sportler, war in der Army, ist ein Wrestler." Sätze, die einen Heldenmythos erschufen. In den sozialen Netzwerken und auch auf vielen Nachrichenseiten treten die Worte "Chris Mintz" und "Hero" nur noch zusammen auf. Chris Mintz selbst hat sich mittlerweile auch vom Krankenbett zu Wort gemeldet. Die ABC zitiert ihn mit dem Satz: "Ich hoffe, es geht allen anderen gut, nur darum habe ich mir Sorgen gemacht." Über die Kampagne für seine Behandlung kamen mittlerweile knapp 750.000 Dollar rein - 10.000 waren ursprünglich angesetzt.  

Wir lernen daraus:

Dass es gut ist, bei schlimmen Ereignissen auch positive Geschichten erzählen zu können - wenn man darüber hinaus nicht die großen Debatten vergisst. Das droht aber gerade: Viele Menschen schreiben auf den sozialen Netzwerken, man solle nicht mehr über den Attentäter Chris Harper Mercer sprechen, sondern nur noch über Mintz und seine Heldentaten. Aber ist das richtig? 

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Illustration: Julia Schubert

Die Facebook-Seite "Chris Mintz - Thank you", ist illustriert mit Soldaten, die vor einer amerikanischen Flagge salutieren. Und wer weiß, vielleicht hat Mintz' mutiges Handeln ja tatsächlich etwas mit seiner Ausbildung bei der US-Army zu tun. Aber über das ganze Gerede über den Helden wird vergessen, dass so ein Handeln wie von Chris Mintz nicht der Regelfall ist. Dass bei den 294 Schießereien mit mehr als vier Toten, die es allein innerhalb des Jahres 2015 (!) in den USA gab, meistens keinen Chris Mintz' gibt, den danach alle feiern können. Sondern einfach nur sehr viele, unnötige Tote. Der Attentäter Chris Harper Mercer hatte, wie später rauskam, 13 Waffen bei sich zuhause. In den USA ist das legal.

 

Nur Google weiß...

 

dass wenn man von einem auf den anderen Tag zum Helden wird, man leider auch keine Kontrolle mehr über sein Facebook-Profil hat. Direkt nach Bekanntwerden der Geschichte von Chris Mintz wurden sämtliche Fotos von dort für Artikel zusammengeklaubt, weshalb jetzt jeder weiß, wie sein Sohn aussieht und dass er gerne Selfies im Fitnessstudio macht. Oh, und gepostete vermeintliche Belanglosigkeiten werden nachträglich mit Bedeutung aufgeladen. "It’s amazing to sit back and reflect on life, decisions made or avoided, places I’ve been and the countless people I’ve met on my journey" schrieb Mintz vor zwei Wochen auf seinem Profil. Jetzt zitieren alle großen US-amerikanischen Medien diesen Satz. Den vorausschauenden Satz eines Helden.  

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