Das ist...Abdullah Karaca, muslimischer Passionsspiele-Leiter

Er ist 26 Jahre alt, gläubiger Muslim - und er wird in Oberammergau die Leiden Jesu inszenieren. Schwere Kost für Konservative. Und nicht das erste Mal, dass der Regisseur aneckt.
sina-pousset

Ja Mei! Ein junger Regisseur mit türkischen Wurzeln und Jesus am Kreuz!

Das ist... Abdullah Kenan Karaca, Theaterregisseur am Münchner Volkstheater und seit kurzem zweiter Festspielleiter der Oberammergauer Passionsspiele 2020. Ja, genau. Das Stück, das zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde und für das sich alle Jahrzehnte wieder ein ganzes Dorf die Haare lang wachsen lässt. Seit Ende der Pestepidemie im 17. Jahrhundert wird es aufgeführt, um dem Herrn Dankbarkeit zu zollen. Seitdem hat sich da erwartbar viel getan.

Frage: Wie kommt Karaca von seinem Regiedebut „Arrabboy“, das einen jungen Kriminellen „Mega Checker“ aus Berlin-Neukölln porträtiert, plötzlich dazu, die Leidensgeschichte Jesu zu inszenieren? Gar nicht so plötzlich: Karaca ist in Garmisch geboren und in Oberammergau mit den Passionsspielen aufgewachsen – als Elfjähriger wirkte er selbst unter der Leitung von Christian Stückl mit. Der Mann, mit dem Karaca sich nun die Regie teilt. Neben viel Talent und einem guten Draht zu Regisseur und Förderer Stückl besitzt der Jungregisseur, der in Hamburg studierte, also auch genügend Verständnis für das Projekt.

Alle Jahrzehnte wieder: die Passionsspiele im Oberammergau.

Der kann…ziemlich gut Theater machen und immer noch eins drauflegen. Auf den Hauptschul- den Gymnasialabschluss, auf das Regiedebüt den großen Erfolg. Nach ersten Versuchen als Regieassistent am Münchner Volkstheater inszenierte er dort 2012 "Arabboy" nach dem kontroversen Roman der Berliner Journalistin Güner Balci, nahm damit am von Stückl veranstalteten Theaterfestival "Radikal jung" teil, bekam Applaus, eine verlängerte Spielzeit und inszenierte darauf "Der Große Gatsby“, "Woyzeck" und "Romeo und Julia".

Der geht...mit großer Lockerheit an das katholisches Heiligtum ran - und mit Einwanderer-Klischees um: Er habe mit „mehr Kritik“ gerechnet, sagt er. Trotzdem wirbelte er gerade einiges an konservativem Staub durch oberbayerische Luft. Denn neben viel Unterstützung murmelt sich da – und auch anderorts – so manch einer ein "Sowas hätt’s früher ja nicht gegeben!" in den Bart. Aber der Sohn türkischer Einwanderer hat gelernt, mit der Widersprüchlichkeit deutscher Integrationspolitik zu leben. In Hamburg sei er der katholische Bayer gewesen. In Bayern ist er jetzt eben der muslimische Passionsspielleiter. Für seine Einbürgerung fehle ihm, so die freundliche Beamtin zu Karaca, nun nur noch der Sprachtest – trotz vorgelegtem deutschen Abiturzeungis. Zum Test sagte Karaca akzentfrei "Nein, danke."

Wir lernen daraus, dass…man mit dem eigenen Klischee im Nacken sehr gut Arbeiten kann, ohne sich davon verunsichern zu lassen.

Nur Google weiß über ihn, dass...der Name „Abdullah Karaca“ so etwas wie das türkische Equivalent von Peter Müller sein muss. Ungefähr genau so viele Twitter-Accounts gibt es jedenfalls unter diesem Namen etwa.



Text: sina-pousset - Fotos: Stephan Rumpf/Tobias Hase (dpa)

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