Das ist... Christopher Suprun, "abtrünniger" US-Wahlmann

Er hat Donald Trump nicht gewählt, obwohl er es eigentlich hätte tun müssen.
Von Franziska Schwarz
Chris Suprun

Chris Suprun

Foto: privat/ Twitteraccount @TheChrisSuprun

Das ist...

… Christopher Suprun, Rettungssanitäter und einer der 538 Wahlmänner, die über den künftigen US-Präsidenten entschieden haben. Der 42-Jährige ist Republikaner. Aber: Der Wahlmann im US-Bundesstaat Texas hat nicht für Donald Trump gestimmt. In Texas hatte Trump gegen seine Rivalin Hillary Clinton von den Demokraten gewonnen. Doch Suprun hat beschlossen, seinem Auftrag als Wahlmann nicht nachzukommen – und seine Stimme an diesem Montag John Kasich gegeben, dem Gouverneur des US-Bundesstaates Ohio.

Der kann... 

...Trump als Präsidenten nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Und nur seinem Gewissen ist er als Wahlmann in Texas wirklich verpflichtet. Heißt: Er musste Trump nicht zwingend wählen.

In 29 der 50 Bundesstaaten und im District of Columbia sieht das anders aus. Dort wird Wahlmännern mit einem Bußgeld gedroht, falls sie nicht für den Sieger in ihrem Bundesstaat stimmen. Tatsächlich verhängt wurde ein Bußgeld aber noch nie, obwohl Suprun nicht der erste Wahlmann in der Geschichte ist, der ausscherte.

Suprun ist allerdings 2016 der erste republikanische Wahlmann, der Trump öffentlich abtrünnig wird. In einem vielbeachteten Artikel für die New York Times erklärte er, Trump beweise jeden Tag aufs Neue, dass er für das Amt des Präsidenten ungeeignet sei. 

Sieben andere Wahlmänner hatten dem Guardian zufolge angekündigt, abzuweichen und nicht Clinton zu wählen, die in ihren Bundesstaaten die Mehrheit der Stimmen hatte.

Der kommt... 

... damit gerade richtig, um seine ganz eigenen Fakten in einer Debatte zu schaffen, die seit dem Ergebnis der Präsidentschaftswahl im November geführt wird – mal wieder. Sie lautet: Warum wird der US-Präsident nicht direkt vom Volk gewählt? Warum der Umweg über die Wahlmänner?

Landesweit erhielt Clinton fast drei Millionen Wählerstimmen mehr als Trump. Doch im Wahlsystem der USA gewinnt der Kandidat in einem Bundesstaat, wenn er dort die meisten Wählerstimmen bekommt. Die Bundesstaaten nominieren dann proportional zu ihrer Einwohnerzahl Wahlmänner, und die sind es, die endgültig für den Gewinner stimmen. Der Kandidat, der in einem Bundesstaat die meisten Wählerstimmen erreicht, bekommt am Schluss alle Wahlmännerstimmen dieses Bundesstaates. Klassisches "The-winner-takes-ist all"-Prinzip (nur in Maine und Nebraska gilt das nicht). Daher muss nicht unbedingt der Kandidat mit den meisten Wählerstimmen auch der Wahlsieger sein.

Die Idee zu diesen indirekten Wahlen hatten die amerikanischen Gründungsväter im 18. Jahrhundert. Das System verdankt sich den historischen Umständen: Es gab damals eben noch keine Flugzeuge, kein Internet, aber auch schon Millionen Stimmberechtigte. Sollten die alle in die Hauptstadt kommen, um ihre Stimme abzugeben? Deshalb wurden die Stimmen schon in den einzelnen Staaten ausgewertet, die Wahlmänner reisten dann zu Pferde in die Hauptstadt. Das erste Wahlmännerkollegium (englisch: Electoral College) trat 1789 zusammen. 

Kritiker des Wahlmännersystems merken zudem an, dass die Entscheider damals den einzelnen Wählern nicht ganz getraut hätten. Sie hielten sie für politisch zu ungebildet, um sich für einen "fähigen" Mann als Präsidenten zu entscheiden – und wollten ihnen die direkte Stimme deshalb lieber nicht geben.  

Akhil Reed Amar, Verfassungsrechtler in Yale, macht im US-Magazin Time auf einen weiteren historischen Grund aufmerksam: die Sklaverei. In den Südstaaten lebten viel weniger stimmberechtigte Menschen als im Norden – beim Abstimmen mit Wahlmännern durften die Südstaatler aber ihre Sklaven mitzählen, so Amar, und gaben ihrer Stimme so deutlich mehr Gewicht. Jeder Sklave zählte dabei als drei Fünftel eines “richtigen” Bürgers. 

Der geht... 

 

.... jetzt vielleicht mit seinem Kollegen Art Sisneros of Dayton ein Bierchen trinken. Der war nämlich aus Protest gegen Trump sogar als Wahlmann zurückgetreten. Die Wahlmänner und -frauen treffen sich, wenn sie ihre Stimme in ihrem Bundesstaat abgeben. In Texas stimmten 36 von 38 Wahlmännern für Trump, Supruns “Nein” hat da nicht viel verändert. 306 Wahlmänner hatte Trump für sich gewonnen, 270 brauchte er, um Präsident zu werden.

Wir lernen daraus... 

 

… dass sich ein Wahlsystem, das im Zeitalter von Pferdekutschen und Sklaverei erdacht wurde, gute 230 Jahre halten kann und dann im Zeitalter von Internet und NGOs immer noch da ist. Über die Jahre gab es Hunderte Aufforderungen, dass Wahlmännersystem abzuschaffen oder zu modifizieren. Doch es gibt Hürden, denn dafür müsste erstmal die Verfassung geändert werden. Dazu bräuchte es eine Zweidrittelmehrheit in Senat und Repräsentantenhaus und drei Viertel der Bundesstaaten müssten dem Vorstoß zustimmen.

Nur Google weiß... 

 

... dass seine Hater Suprun zu Twitterlisten mit Namen wie “Douchebag”, “Trash” oder “Liberal crackpot” hinzugefügt haben.

 

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