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Wenn Dates zum Verkaufsgespräch werden

Anstatt zu knutschen wollen Dates unserer Autorin stets etwas verkaufen. Was läuft da gerade schief?
Von Katja Lewina
  • verkaufsgespraech jetzt
    madochab / photocase.de

Mir gefiel, was der Typ machte. Großformatige Kollagen füllten sein Atelier, in dem wir den Abend verbrachten. Ich selbst war mit einer ansehnlichen Menge Bier gefüllt und wartete auf den Augenblick, in dem wir anfingen zu knutschen. Über die Genialität seiner Kunst hatten wir  lange genug geredet. Ich wartete eine ganze Weile. So lange, bis er Folgendes sagte: „ … und wenn dir das Bild tatsächlich so gut gefällt, dann kannst du ja mal überlegen, ob du es kaufen möchtest. Zu einem Spezial-Preis, selbstverständlich.“

Es ist nicht so, dass ich mit übertriebenen Erwartungen in ein Date ginge. Weder suche ich einen Seelenverwandten noch erwarte ich den ultimativen Sex. Nicht mal ein warmes Essen muss drin sein. Ich bin bereit, mit einer Flasche Bier in der Hand auf dem nackten Bordstein herumzulungern, solange mich der Typ neben mir halbwegs unterhält. Meinetwegen auch mit Trennungsgeschichten, Mutterkomplexen oder schlechten Reimen. Auch unerwartete Wendungen nehme ich gern. Entpuppt sich der sensible Kettenraucher als harter Verschwörungstheoretiker oder der potente Aufreißer als schwer melancholisch, bin ich die Erste, die laut „Hurra!“ schreit.

 

Als er mir seine Karte in die Hand drückte, war endgültig klar: Ich habe ihn ans Business verloren

 

Mit Richard, einem selbstständigen Unternehmensberater, traf ich mich zum Frühstück. Wir tranken Champagner, aßen fingernagelgroße Käsevariationen und sprachen über die Tiefe der russischen Klassiker. Mit anderen Worten: Es lief blendend. Bis ich in einem Nebensatz erwähnte, dass ich überlegte, zusammen mit einer Freundin eine Agentur zu gründen.

 

Es war, als hätte man in ihm einen Schalter umgelegt. Fiebrig sann er nach, was unser „USP“ sei und wie genau wir uns auf dem Markt platzieren könnten. Jeglicher Versuch, ihn zurück zu den Klassikern zu bewegen, scheiterte. Stattdessen rechnete er mir vor, wie ich mit einer staatlichen Förderung Tausende von Beratungs-Euros sparen könnte. Als er mir seine Karte in die Hand drückte, war endgültig klar: Ich habe ihn ans Business verloren.

 

Und dann gab es Anton. Er sah aus wie jemand, dem der Sartorialist gern begegnen würde. Wir tranken Wein und lauschten dem Gejaule eines Singer-Slash-Songwriters. Nervös rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her: einige Stunden zuvor hatte ich meine erste TV-Anfrage bekommen. „Ich bin bald im Fernsehen“, flüsterte ich ihm zu, „und habe keine Ahnung, was ich anziehen soll!“

 

Anton reagierte augenblicklich. Zufällig mache er sich gerade als Stylist selbstständig. Wenn ich also Hilfe bei meinem Outfit bräuchte, sei er jederzeit zur Stelle. „Nein, nein“, flüsterte ich, „das schaffe ich schon selbst.“ – „Doch, doch“, meinte er „da muss ein Profi ran. Sonst wird das nichts. Die 500 Euro sollte es dir wert sein“.

 

Alles Zufälle, könnte man meinen, wenn auch bedauerliche. Doch dann ergab eine Umfrage bei meinen Freundinnen, dass ich nicht die Einzige war. Sie alle hatten Typen getroffen, die sie entweder coachen wollten oder ihnen Gitarrenunterricht geben. Typen, die ihnen eine neue Küche aufschwatzten. Typen, die versuchten, sie als Nacktmodell anzuwerben.

 

Wenn ich ein Bild kaufen will, dann mache ich das vor oder nach meinem Date, und keinesfalls währenddessen

 

Das Schärfste: Meine Freundin Paula gab sogar zu, daraus selbst ein Geschäftsmodell gemacht zu haben. Sie programmiert Webseiten und hat schon den ein oder anderen zukünftigen Kunden bei ihren Dates kennen gelernt: „Eine Webseite braucht doch schließlich jeder mal“, sagt sie. „Außerdem lässt es sich viel besser zusammenarbeiten, wenn man schon miteinander im Bett war.“

 

Also doch ein Phänomen aus der Work-life-blending-Ecke. Dass die Mauern zwischen Arbeit und Privatem eingerissen wurden, ist eine fabelhafte Sache, finde ich, solange es ums Arbeiten im Bett und Vögeln im Büro geht. Sie ist grade noch auszuhalten, wenn der Typ alle zehn Minuten seine E-Mails abruft und im halbe-Stunden-Takt murmelt: „Sorry, super wichtig. Ist was Berufliches“.

 

Aber sie sprengt jede Grenze des Erträglichen, wenn Typen mir was verkaufen wollen, während ich versuche, sie abzuschleppen. Klar, vögeln wollen sie meistens auch noch on top. Nur, dass ich dann innerlich schon längst über alle Berge bin. An Kommerzialisierung des Zwischenmenschlichen reicht mir nämlich die Werbung, mit der Tinder meine Sehnsucht bombardiert.

 

Wenn ich also einen Stylisten buchen, einen Unternehmensberater um Rat fragen oder ein Bild kaufen will, dann mache ich das vor oder nach meinem Date, und keinesfalls währenddessen.

 

Möglicherweise mache ich es auch nie. Denn wo sollte ich auch das Geld dafür hernehmen? Ich ernähre mich bereits seit einer Woche von Haferflocken, um den neuen Mac zu refinanzieren. Was auf der anderen Seite vielleicht nicht nötig gewesen wäre, hätte ich unter meinen Dates ein paar neue Kunden akquiriert.

 

Nur: Leider sind all die fancy Chefredakteure irgendwie nie da, wo ich bin. Und selbst wenn, ich würde ja doch nur das Eine wollen. Einfach nur ein Date.

 

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