Der lange Weg in den Hörsaal

Es gibt viele Geflüchtete, die studieren wollen, jedoch an Hindernissen scheitern. Die Unis müssen sich ändern.
Von Melanie Wolfmeier
cover der naechste schritt uni foto daniel bockwoldt dpa

Funktioniert Studieren für Flüchtlinge an deutschen Unis überhaupt?

Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Dezember 2013, Frankfurt am Main: Merle Becker, zu der Zeit noch Studentin an der Uni Frankfurt, hatte soeben erfahren, dass in ihrer Heimatstadt im Norden Deutschlands eine Gruppe junger Somalier bereits monatelang in einer Unterkunft lebt – ohne dass jemand wirklich auf die Asylsuchenden zugegangen wäre. Merle erzählt: "In Westerstede kann man normalerweise als Fremder nicht über die Straße gehen, ohne von jemandem angequatscht zu werden." Und plötzlich: Isolation. Das Dorf vor den Flüchtlingen. Die Flüchtlinge vorm Dorf. Merle weiß nicht, ob diese jungen Männer studieren wollten, oder was aus ihnen wurde – aber für die heute 27-Jährige war dieser Mangel an Integration ein prägendes Ereignis. Sie fragte sich: Wie ist es möglich, dass niemand auf diese Menschen zugeht? Und: Was kann man tun, damit das anders wird?

Vor zweieinhalb Jahren etablierten sich langsam Projekte wie Fußballgruppen für Geflüchtete – für geflüchtete Akademiker jedoch wurde nichts getan. "Wie kann das sein", wunderte sich Merle, "dass diesen Menschen ihr Recht abgesprochen wird, weiter zu studieren?" Das müsse man ändern, fand sie und das fand auch ihre Kommilitonin Melusine Reimers. Sie entwickelten ein Konzept zur Integration "studierwilliger Geflüchteter" – wie sie im Fachjargon genannt werden – und dachten, die Universität Frankfurt würde offen auf ihre Vorschläge reagieren.

Etwa 50.000 studierwillige Geflüchtete gab es laut einer Hochrechnung der Friedrich-Ebert-Stiftung bereits im vergangenen Jahr allein in Deutschland. Die wenigsten schaffen es jedoch ohne Hilfe, ihre Ausbildung an einer Hochschule zu beginnen oder fortzuführen. Die bürokratischen Hürden sind für viele zu hoch – auch wenn sie für uns vielleicht banal klingen. In Deutschland gilt: Nur mit entsprechenden Nachweisen wird man an einer Hochschule zugelassen. Man braucht ein Zeugnis, muss über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen – und finanzieren können muss man sich die Zeit an der Uni schließlich auch. Und genau das sind die Probleme, an denen eine Immatrikulation oftmals scheitert oder unnötig lange hinausgezögert wird.

Ende 2013, als Merle und Melusine  an ihrem Konzept arbeiteten, war das Problem noch überschaubarer. Es gab noch nicht so viele Flüchtlinge, die ihr Studium fortsetzen wollten. Doch vor zweieinhalb Jahren stiegen die Asylanträge sprunghaft an – um etwa 70 Prozent auf insgesamt 109.580 Anträge. Unter der wachsenden Anzahl an Schutzsuchenden befanden sich auch immer mehr studierwillige Menschen, die zunächst aber auf eine bürokratische Uni-Mauer stießen. Merle sagt, dass sich an den Hochschulen erst einmal niemand für die Gründung einer Organisation für geflüchtete Akademiker interessierte: "Keiner dachte, dass das ein Thema werden würde." Sie lacht: "Wir waren sehr naiv. Wir dachten, die Uni findet das bestimmt gut. Aber nein."

Nicht einmal einen Gasthörerstatus wollte die Hochschule anbieten. Rechtliche Hürden, Versicherung, hessisches Hochschulgesetz – tausend Gründe wurden angeführt, warum sich die Uni nicht öffnen könne. Also zogen die zwei Freundinnen ihr Projekt ohne Unterstützung auf: 2014 gründeten sie den Verein "academic experience Worldwide", der unabhängig von Universitäten agiert. Bei dem es vor allem darum geht, die Neuankömmlinge zu integrieren, der, wie sie sagen, "Entmenschlichung" entgegenzuwirken, eine Orientierung zu bieten. Und somit letztendlich auch was gegen den Fachkräftemangel zu tun, der in Deutschland herrscht.

Bei "aeWorldwide" funktioniert das so: Merle und Melusine wollen Studierende und geflüchtete Akademiker zusammenbringen. Dafür werden Tandems gegründet, wobei wichtig ist, kein hierarchisches Gefälle unter den Partnern entstehen zu lassen. Merle erklärt: "Wir wollen uns nicht als reine Hilfsorganisation verstanden wissen, die sich um die 'armen Flüchtlingen' kümmert. Da kommen Menschen an, die genauso uns etwas beibringen können. Wir können voneinander lernen und das wollen wir begreifbar machen."

Die Initiatorinnen achten deshalb darauf, dass Menschen mit gleichen Interessen und Ausbildungswegen ein Team bilden. Beim Ersttreffen sind sie dabei, um sicherzustellen, dass das Team überhaupt miteinander auskommt. Mit den Zweierteams bleiben sie dann regelmäßig in Kontakt, um das weitere Gelingen des Projektes zu sichern. Alle zwei Wochen können sich die Teilnehmer bei einem Seminar treffen, um sich über ihre Forschungsprojekte, Haus- und Abschlussarbeiten auszutauschen. "Dabei werden auch Stereotype abgebaut", sagt Merle Becker und lacht: "Da kommen manchmal wirklich so Feststellungen wie: 'Ach, ich wusste gar nicht, dass es in Äthiopien auch Unis gibt!' Und dann merkt man plötzlich: Das Fremde ist gar nicht so fremd. Und man hat doch mehr gemeinsam als man denkt."

Die Anerkennung der Arbeit von "aeWorldwide" kam erst 2015, als die Flüchtlingswelle nicht mehr wegzuleugnen war. "Wir sind von dem ganzen Medienhype, der auf uns zugerollt kam, ein bisschen überrumpelt worden", sagt Merle. Plötzlich wurden sie von sehr vielen Unis eingeladen, um diesen beratend zur Seite zu stehen. Und auf einmal ermöglichten die Hochschulen den Geflüchteten Gasthörerplätze. Viele Universitäten öffnen sich mittlerweile auf diese Art. Merle Becker jedoch sieht diese Entwicklung kritisch: "Leider sind viele Angebote der Unis noch sehr symbolisch und wenig nachhaltig. Die wenigsten Geflüchteten bekommen zum Beispiel für ihre Teilnahme als Gasthörer Credit Points." Meist ist für Geflüchtete nicht mal der freiwillige Besuch von Veranstaltungen möglich, weil sie sich die Fahrtkosten nicht leisten können, oder weil sie keine vorbereitenden Deutschkurse gestellt bekommen. Und es bringt niemandem etwas, sich in ein Seminar zu setzen, wenn er nichts versteht. "Diese Dinge sind es, die sich noch ändern müssen", verlangt die Gründerin von "aeWorldwide".

 

Das Konzept von "aeWorldwide" ist gut und setzt an, wenn Menschen einen entsprechenden Schul- oder Bachelorabschluss vorweisen und sich ohne Weiteres immatrikulieren können. Doch die Probleme beginnen zumeist schon vorher: Welche Uni ist überhaupt geeignet? Wie läuft das mit den erforderlichen Nachweisen? Allen voran dem Originalzeugnis, das nicht immer mitgenommen wurde? Und dann: Welche Leistungen werden anerkannt und welche nicht? Für Geflüchtete ist es nicht leicht, sich durch diese Fragen zu kämpfen. Aber auch hier können sie sich an "aeWorldwide" wenden. Merle, Melusine und ihre Mitarbeiter stellen dann Kontakt zu den Unis her und helfen beim Immatrikulationsprozess. Ob das mit den vorzuweisenden Zeugnissen ein Problem sei? "Eigentlich nicht", sagt Merle. "Die meisten haben ihre Dokumente dabei oder wenigstens Kopien. Oder sie haben sie als Scan in der Cloud. Das verzögert dann die Immatrikulation vielleicht ein bisschen, aber eigentlich ist das kein Problem." Die Menschen wüssten, wie wichtig ihre Zeugnisse seien und hätten diese deswegen auch dabei.

 

Aber eben nicht immer. Menschen aus Somalia und Eritrea zum Beispiel, können nicht schnell mal bei den Militärunis anrufen und um die Zusendung eines Zeugnisses bitten. In diesen Länder sind Verletzungen gegen die Menschenrechte an der Tagesordnung. Eine Kooperation der dortigen Regierung mit ihren geflüchteten Landsleuten? Nicht sehr warscheinlich. Eher: unmöglich. Was also tun?

 

Für solche Fälle haben sich im Dezember 2015 die Kultusminister aller 16 Bundesländer zusammengesetzt und sich ein "dreistufiges Verfahren zur Studierfähigkeit" ausgedacht. Dabei wird die persönliche Voraussetzung geprüft, also der jeweilige Asyl- oder Aufenthaltsstatus. Dann muss die Bildungsbiografie offen gelegt werden, damit festgestellt werden kann, ob die Voraussetzung für ein Studium überhaupt gegeben ist. Bei dieser sogenannten "Plausibilitätsprüfung" können anstatt der Originaldokumente auch beglaubigte Kopien akzeptiert werden – wenn der Studienbewerber aus politischen Gründen die erforderlichen Originale nicht nachweisen kann. Wie jedoch soll man an ein Original oder eine beglaubigte Kopie kommen, wenn man fern der Heimat ist – oder die Uni in Schutt und Asche liegt. Wenn es also keine Möglichkeit gibt, seinen Bildungsstatus nachzuweisen? Bei solchen Zweifelsfällen greift die dritte Stufe: Eine "Feststellungsprüfung" entscheidet, ob man sich immatrikulieren darf oder nicht. In der wird getestet, ob das in der eigenen Heimat bereits Erlernte überhaupt für ein Studium in Deutschland reicht.

 

Das dreistufige Verfahren, das 2015 beschlossen wurde, stellt tatsächlich eine kleine Verbesserung dar. Denn davor gab es für die Länder überhaupt keine allgmeinen Regelungen, wie mit geflüchteten Bewerbern umzugehen sei. Das Problem jedoch ist weiterhin: Es ist den Ländern überlassen, wie "Plausibilitäts- und Feststellungsprüfung" konkret aussehen. Was bedeutet: Die damit angestrebte Chancengleichheit ist nicht gegeben. Denn: Entweder man hat Glück oder Pech. Entweder man erwischt eine Uni mit einem entgegenkommenden Prüfer, der Dokumente anerkennt und einen zum Studium zulässt. Oder man kommt an eine Hochschule, die bisherige Leistungen nicht zählen lässt und die Wiederaufnahme des Studiums erschwert. Eine Chancengleichheit mag mit dem Beschluss der Kultusminister vielleicht als Ziel ins Auge gefasst worden sein – gegeben ist sie deswegen noch lange nicht.

 

Wenn man sich auf die "Feststellungsprüfung" vorbereiten will, kann man sogenannte Studienkollegs besuchen, wo Kurse zu einzelnen Fächergruppen angeboten werden. Diese Kurse gehen über zwei Semester. Das klingt erst mal ganz gut. Aber: Für Studienkollegs fallen Gebühren zwischen 100 und 400 Euro pro Semester an. Was eigentlich machbar zu sein scheint – jedoch darf man während des Besuchs nicht noch nebenher arbeiten. Im besten Fall, heißt es auf der Website, könne man in den Ferien ein wenig dazu verdienen.

 

Die Uni Freiburg geht auf Geflüchtete zu

 

Dass das aber nicht genug ist, um sich während der Studiumsvorbereiungsphase über Wasser zu halten, ist klar. Die Uni Freiburg stellt eine Alternative zu den teuren Studienkollegs: Dort gibt es dieses Sommersemester einen Vorkurs für "studieninteressierte und studierfähige Geflüchtete". Es sollen Kenntnisse der deutschen Sprache und Grundwissen in Mathematik, Informatik, Technik und in den Naturwissenschaften vermittelt werden. Außerdem ist die Uni Freiburg eine der Hochschulen, die die Gasthörergebühren und die Kosten für einen Bibliotheksausweis erlässt. Und damit erste Schritte auf die geflüchteten Akademiker zugeht.

 

Trotzdem: Die Finanzierung, das ist insgesamt ein großes Problem, das auf die Flüchtlinge zugerollt kommt. Es gibt zwar mehrere Universitäten, die Gebühren erlassen und beispielsweise Bustickets fördern. Aber man braucht ja auch noch Geld für Essen, Kleidung und Miete. Bafög ist da für viele das Zauberwort. Der Höchstsatz beträgt 670 Euro – im Durchschnitt braucht man als Student jedoch 794 Euro im Monat. Und das dürfte noch nach unten gerechnet sein, denn allein in München liegen die Zimmerpreise bei circa 545 Euro.

 

Stipendien könnten ebenfalls dort weiterhelfen, wo das Bafög nicht mehr greift. Vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gibt es zum Beispiel ein Stipendium für ein Studium in Baden-Württemberg: Syrische Flüchtlinge können sich für das „Baden-Württemberg-Programm zur Studienförderung von Flüchtlingen aus Syrien II“ bewerben. 55 Stipendien gibt es insgesamt, ein jedes unterstützt einen Studierenden mit monatlich 300 Euro. Auch ein Sprachkurs wird im Rahmen des Stipendiums gestellt.

 

Eine geeignete Datenbank, so der DAAD, die Flüchtlingen eine Übersicht über Gebührenerlasse und weitere Stipendien liefert, gibt es allerdings nicht. Auch sonst ist es schwierig, an allgemeine Informationen über die Voraussetzungen einer Immatrikulation zu kommen. Zwar kann man zum Beispiel auf der Seite "anabin" überprüfen, ob bisherige Leistungen für eine Wiederaufnahme des Studiums in Deutschland reichen. Letztendlich entscheidet jedoch die jeweilige Hochschule, ob bisherige Leistungen auch wirklich anerkannt werden.

 

Um Neuankömmlingen den Einstieg zu erleichtern, haben sich Studierende an der Hochschule Bremen deshalb zur Arbeitsgemeinschaft "Team Welcome" zusammengeschlossen. Seit Oktober 2015 stellen die Mitglieder Kontakt zwischen Studenten, der Hochschule und den Geflüchteten her. An jedem zweiten Donnerstag kann man im Café International Bekanntschaften schließen und Fragen stellen. Das ist wichtig, denn auch in Bremen verändern sich die Voraussetzungen für eine Immatrikulation ständig. Elisa Seith vom "Team Welcome" erklärt: "Vor allem haben wir es uns zum Ziel gesetzt, als Vermittler der Hochschule über Möglichkeiten und Perspektiven eines Studiums zu informieren."

 

Die Politik scheint langsam einzusehen, dass auch Geflüchtete ein Platz an den Unis zusteht

 

Und das Café hat Erfolg: Seith erzählt, dass auch Frauen mittlerweile das Angebot annehmen und sich in das Café trauen – eine Entwicklung, die nicht selbstverständlich, aber gerade deswegen ein gutes Zeichen ist. Weil dies zeige, dass das Team sich einen guten Ruf erarbeitet habe und gewollt und gebraucht werde. Mittlerweile kann man sich für die Teilnahme auch Credits anrechnen lassen. Das sichert nicht nur den Fortbestand des Projektes – es ist auch ein Signal der Uni, das Café ernstzunehmen und auf Dauer zu unterstützen.

 

Mit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz 2015 und den erweiterten Angeboten der Universitäten hat sich eine leichte Veränderung in der Bildungslandschaft eingeschlichen. Hochschulen und Politik scheinen langsam einzusehen, dass auch Flüchtlinge einen Platz in den Hörsälen zusteht. Das jedoch ist vor allem dem Engagement der Studenten zuzurechnen, die sich für eine Verbesserung der Situation einsetzen. "AeWorldwide", "Team Welcome" und all die anderen Projekte und Vereine machen deutlich: Geflüchtete einen Sitzplatz am Rand zuzuweisen, kann nicht die Lösung sein. Sie müssen in die Mitte gelassen werden, ihnen stehen die gleichen Sitzreihen zu wie den anderen Studierenden auch.

 

 

Weitere Texte aus der Serie findest du hier: 

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