"Ich mach heute echt nicht lang" – Warum dieser Satz so oft zu den besten Abenden führt

Ein Gespräch mit unserem Lieblingspsychologen – über Erwartungen beim Feiern und im Leben.
Interview: Mercedes Lauenstein
Foto: Inkje/Photocase

Vor ein paar Wochen wollte unsere Autorin wissen, wie sie disziplinierter werden kann. Also suchte sie sich einen Experten für ein Gespräch – und fand: Jens Uwe Martens, Persönlichkeitspsychologe, Coach und Autor. Und ganz offensichtlich einer der charmantesten Gesprächspartner, die man sich für derartige Themen vorstellen kann (hier das Interview). Erschien uns also logisch, ihn wieder zu besuchen, als wir wissen wollten, warum die Abende am ehesten aus dem Ruder laufen, bei denen wir eigentlich gar nicht erst losziehen wollten. Und was das fürs sonstige Leben heißt.

jetzt: Herr Martens, wieso laufen immer die Abende mit Freunden aus dem Ruder, von denen man gar nicht viel erwartet, womöglich sogar verkündet hatte: "Ich mach heut ECHT nicht lang!“ –  während Abende, an denen man es auf eine lange Nacht anlegt, oft total lahm werden?

Jens Uwe Martens: Sie haben es schon gesagt: Es hängt mit Ihren Erwartungen zusammen. Man hört davon ja immer wieder, meistens im Zusammenhang mit Familienfesten oder Urlauben: Die Menschen freuen sich riesig drauf, haben die tollsten Erwartungen und dann ist es eigentlich nichts als Stress – andersrum funktioniert es genauso. Sie erwarten von vornherein nicht viel und werden positiv überrascht.

Sollte man also Pessimist sein?

Nein. Die Psychologie hat mehrfach nachgewiesen, dass wir besser drauf sind im Leben, wenn wir Optimisten sind. Aber wir müssen eben realistische Optimisten sein und dürfen die Risiken einer Situation nicht außer Acht lassen.

Wie geht das genau?

Sie müssen mit Ihrem Verstand dafür sorgen, dass Ihre Erwartungen realistisch bleiben. Sie sollten sich regelmäßig Ihre Bewertungsmaßstäbe ansehen und prüfen, ob man da vielleicht mal nachjustieren sollte.

Und was genau sind meine Bewertungsmaßstäbe und woher kommen die?

Wir bewerten immer. Das hat sich in der Evolution so entwickelt. Wer die Dinge in gefährlich und ungefährlich, gut und schlecht einteilt, der lebt länger und verbreitet mit größerer Wahrscheinlichkeit seine Gene. Sie bewerten mich, Sie bewerten, was ich sage, Sie bewerten das Café, in dem wir sitzen. Aber um etwas bewerten zu können, müssen Sie eine Vorstellung davon haben, wie etwas idealerweise zu sein hat. Sie haben also alle möglichen Cafés, die sie kennen, bewusst oder unbewusst vor Augen und sagen: Joah, das ist hier jetzt gut, schlecht, mittel. Und so ist das bei jeder Situation, im Urlaub, zu Weihnachten, auf einer Party. Das Problem ist: Unsere Maßstäbe basieren nicht nur auf Erfahrungen, sondern werden auch durch Medien suggeriert. Durch Filme, Werbung oder die Fotos und Erlebnisse von Bekannten in den sozialen Netzwerken. Da sehen Sie eine Menge toller Partys, wundervolle Urlaube, harmonische Weihnachten, schönste Sonnenuntergänge. Das geht alles unbewusst in unseren Maßstab rein. Wenn sich diese Idealbilder nicht erfüllen, heißt das: schlechte Bewertung. Enttäuschung. Würde man sich öfter klarmachen, dass viele unserer Maßstäbe in einer Traumwelt angesiedelt sind, ginge es uns schon besser.

Leuchtet mir ein.

Sie müssen da aber auch aufpassen. Denn es gibt das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Es wird durch Experimente wie diese deutlich: Man sagt Lehrern, man hätte ihre Schüler auf Intelligenz getestet. Diese Gruppe sei besonders intelligent, jene minderbemittelt, der Rest Durchschnitt. Am Ende des Jahres schlägt sich das genauso in den Noten der Schüler nieder. Nur hat es nie einen Intelligenztest gegeben. Die Behauptungen waren nicht gerechtfertigt und haben sich trotzdem bestätigt. Der Placebo-Effekt funktioniert genauso: Man suggeriert eine Wirkung und die tritt ein, weil die Leute fest daran glauben. Wenn ich Ihnen also sage: Haben Sie bitte eine realistische Erwartung, dann sollte das nie so weit gehen, dass Sie sagen: Ich bin überzeugt davon, nächstes Weihnachten wird eine Katastrophe, weil es bisher immer eine Katastrophe war und ich das realistisch finde.

Damit würde ich die Katastrophe gezielt herausfordern.

Genau. Schauen Sie, im Sommer werde ich mit all meinen Kindern und deren Familien Urlaub machen. Sie sind ja mittlerweile groß. Mit dabei sein werden sogar die Schwiegereltern meiner Töchter. Wir werden richtig viele sein und alle zusammen auf einer Art Bauernhof Ferien machen. Ich werde da als Vater sicherlich nicht sagen: Nein, das gibt Ärger, ich komme nicht. Es freuen sich ja alle auf das Wiedersehen.

Aber eigentlich haben Sie überhaupt keine Lust und es ist Ihnen viel zu anstrengend?

Nein, ich freue mich auf das Wiedersehen. Ich bin mir aber bewusst, dass es auch Stress bedeutet. Wenn viele Menschen auf engem Raum zusammen sind, führt das nun mal zu Stress, das ist beinahe ein Naturgesetz, da kann keiner was dafür. Zumal meine Töchter extrem unterschiedlich sind und ihre Kinder jeweils ganz anders erziehen. Da kommt es zu Reibungen. Aber ich muss realistischer Optimist bleiben und sagen: Es ist eine tolle Chance auf ein tolles Erlebnis, aber ich stelle mich drauf ein, dass es mal stressig wird. Das geht. Ich habe zum Beispiel meinen Schwiegersohn gebeten, zu sehen, ob man sich irgendwo Räder leihen kann. So kann man sich im Notfall mal absetzen und ein bisschen Rad fahren, denke ich mir. Das ist eine konstruktive Herangehensweise. Dächte ich hingegen: Das kann ja nur schiefgehen …

… würden Sie während des ganzen Familientreffens nur auf Momente warten, in denen es tatsächlich schiefgeht.

Ich würde sie sogar herstellen. Man reagiert dann unbewusst so, dass sich die negative Erwartung erfüllt.

Klingt einleuchtend. Aber Sie klingen so entspannt, wenn Sie das sagen. Ich halte mich nicht für so einen entspannten Menschen. Ich kann auf so einem Familientreffen den Willen, dass es richtig toll werden soll und alle sich wohlfühlen und verstehen sollen, einfach nicht abschalten und gerate in Dauerstress.

Es ist ganz normal, dass Sie die Situationen, in die Sie geraten, bestimmen können wollen. Jeder möchte das und das ist gesund. In diesem Fall aber nimmt Ihr Gestaltungswille etwas überhand, denn Sie haben nun mal nicht die Kontrolle über die Gefühle und Reaktionen der anderen. Da stimmt Ihr Maßstab nicht, da sind Ihre Ansprüche unrealistisch. Sie müssen Sie runterschrauben. Dann werden sie locker.

Ich finde ja, es klingt immer auch ein ganz kleines bisschen bieder und frustriert, wenn man sagt: Du hast einfach zu hohe Ansprüche.

Es kommt eben darauf an, wie hoch sie sind und ob sie Sie voranbringen oder Sie nur unglücklich machen. Ich habe über einen Mann gelesen, der ist in die Psychotherapie gekommen und hat gesagt: Alle meine Freunde haben Jets, ich hab nur ein Flugzeug. Er war todunglücklich. Er wollte wissen, was falsch mit ihm ist, dass er über ein Flugzeug einfach nicht hinauskommt.

Haha.

Sie lachen, aber ich habe mir das nicht ausgedacht. Das war die Realität dieses Mannes. Der konnte nicht verstehen, wieso er gerade eben nicht reich genug war, sich einen Jet zu leisten. Dabei hatte er ja sogar schon ein Flugzeug. Und Reichtum ist in den meisten Fällen nur Glück. Gut, manchmal ist es kriminelle Cleverness, aber meistens ist es Glück und hängt vom Zufall ab. Man will immer mehr, egal wo man steht. Unsere Bewertung der Dinge ist relativ willkürlich.

Hm.

Ich habe noch eine schöne Geschichte für Sie. Sie wissen, dass ich meine erste Familie 1970 bei einem Flugzeugunglück verloren habe, meine Frau und unsere beiden Kinder. Danach wollte ich natürlich unbedingt wieder eine Familie. Ich hatte eine Verabredung zum Essen mit einer schönen Frau. Ich kam zu spät, weil ich auf dem Weg Zeuge eines Unfalls wurde und helfen musste. Die Frau regte sich fürchterlich über mich auf. Es stellte sich heraus: Das Schlimmste, was diese Dame erlebt hatte, war, dass sie einmal eine Woche lang eine Grippe hatte. Ansonsten war sie vom Leben auf Händen getragen worden. Sie sah toll aus, kam aus einer intakten Familie, alles gut. Ich hingegen komme von ganz unten, habe meine Familie verloren. Sie können sich vorstellen: Wir hatten uns bei diesem Treffen nicht mehr viel zu sagen. Ich habe nicht einmal mehr Nachtisch bestellt, obwohl ich Eis liebe. Da wurde mir das so bewusst: Ich kann nur mit Menschen zusammen sein, die mal durch Schwierigkeiten durchgegangen sind. Weil sie einen anderen Maßstab ans Leben anlegen. Diese arme Frau ist ganz schnell wegen der kleinsten Dinge unglücklich, weil ihre Glückserwartung viel zu hoch ist. Die Verspätung einer Verabredung reicht ihr schon aus.

Sie leidet an Luxusproblemen.

So könnte man es nennen.

Kann man sich ein solches Problem denn abtrainieren?

Kann man. Es gibt eine Technik, die heißt „Reframing“. Man übt im Gedankenspiel, Situationen umzudeuten. Die Perspektive zu wechseln. Einfachstes Beispiel: Sie stehen im Stau. Ist ja grauenhaft. Zeitverschwendung, Verspätung, fürchterlich. Umdeutung: So können Sie sich endlich mal auf die Informationssendung im Radio konzentrieren. Oder eben: Jemand kommt zu spät, Sie sind fürchterlich sauer, weil Sie ihm eine böse Absicht unterstellen oder überzeugt sind, dass das ein Beweis dafür ist, dass der Sie nicht ausreichend schätzt, sich als etwas Besseres fühlt. Umdeutung: Darüber nachdenken, dass ja auch etwas Unvorhergesehenes passiert sein könnte, auf das er gar keinen Einfluss hatte. Alles Übungssache. Wenn man das ein Leben lang macht, geht es einem gut. Habe ich ausprobiert.

Das macht Mut. Aber ich habe auch Angst, dass es so einfach nicht ist.

Sehen Sie, als ich so alt war wie Sie, hab ich auch nicht so daherreden können, wie ich es jetzt tue. Man muss lange, lange üben. Da sind wir wieder bei den Erwartungen: Haben Sie nicht den unbedingten Anspruch, perfekt locker und entspannt zu sein. Da verkrampfen Sie. Das geht halt noch nicht, das ist zuviel verlangt. Sie sind so jung. Sie müssen Erfahrungen machen.

Dr. Jens-Uwe Martens ist Persönlichkeitspsychologe, Coach und Autor und lebt in München.

Und hier erklärt er uns, wie wir disziplinierter werden können:

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