Fahrgast ärgere Dich nicht

Es gibt viele seltsame Ideen in unserer Lieblingshauptstadt. Heute entdeckt: Das Spiel zum Berliner S-Bahn Chaos.
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Illustration: Julia Schubert



In Berlin ist es Brauch, dass die dortige Bahn jedes Jahr aufs Neue vom Winter „überrascht“ wird. Züge entfallen komplett oder kommen mit knackig-kalten 60 Minuten Verspätung. Aber der Berliner Nahverkehr wäre nicht der Berliner Nahverkehr, wenn er nicht auch mit saisonunabhängigen Specials wie „Technische Mängel“ oder „Mangel an einsetzbaren Zügen“ zu begeistern wüsste. Erst letzten Donnerstag hieß es wieder: „Derzeit kein S-Bahn Verkehr im gesamten Berliner Raum.“ Ein dreistündiger Stromausfall brachte die Bahnen zum Halt auf freier Strecke und die unmotorisierten Fahrgäste zu Wut und Verzweiflung. Ein Spiel soll jetzt Abhilfe schaffen: Fahrgast Ärgere Dich Nicht. 

Das Prinzip des aus 26 pdf-Seiten bestehenden Spiels ist leicht erklärt: Schaffe es im Berliner S-Bahn Netz von A nach B zu gelangen. Aber Vorsicht! Unterwegs kann allerhand passieren. Und zwar immer dann, wenn du auf ein Störungsfeld oder einen Umstiegsbahnhof kommst. Außer ein wenig Druckerpatrone und Papier kostet das Spiel nichts. Erfunden wurde es von dem 26-jähirgen Christopher Zeyn und seinem Team, das seit über zehn Jahren ÖPNV-Berlin betreibt, eine private Ergänzung zur offiziellen Bahn-Seite „aus Bekenntnis und Interesse am Nahverkehr“, wie er sagt.

„Als wir von ÖPNV-Berlin letztens ein Bier tranken, war die Idee zum Spiel einfach da.“, erzählt Christopher. Die Schikanen auf den Störfeldkarten habe das viel umherfahrende Team mitten aus seinem Alltag gegriffen: „Die Anzeige springt von 'Zug in 2min' auf 'Zug fällt aus' um“ heißt es da beispielsweise, oder auch „Von sechs Wagen sind zwei verschlossen. Du kommst nicht mit.“ Worauf im wahren Leben ein richtiges Problem folgen würde, folgt im Spiel meist nur eine Runde aussetzten. Manche Karten fordern aber auch zu Aktionen auf, etwa zum Singen - weil die „lästigen Musikanten“ wieder mal zugestiegen sind. 

Seit Montag wurde das Spiel 2000-mal runtergeladen, der dazugehörige Link weit verteilt. „Die Resonanz zeigt, dass wir mit dem Spiel das Wir-Gefühl unter den Fahrgästen steigern konnten. Das gefällt uns. Denn wir wollen niemanden gegen die Bahn aufhetzten. Im Gegenteil. Wir wollen dazu anregen, an den Tagen an denen die Berliner Bahn ein nicht ganz so vorbildliches Angebot aufweist, humorvoller damit umzugehen.“  

Das ist ihnen gelungen. Mit einem nicht ganz so vorbildlichen Minuspunkt:
„In der S-Bahn erlebst du eine Schlägerei unter betrunkenen Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ lautet eine Störungsfeldkarte. Auf die unnötige Stigmatisierung angesprochen, sagt Zeyn: „Wir wollten damit keine Vorurteile bekräftigen. Wir haben das einfach schon häufig so erlebt.“ Am Ende gilt was, sowohl im Spiel, als auch im echten Leben gilt: „Du beschwerst Dich über die Zustände, das kostet Zeit. Setze eine Runde aus. Am Zustand ändert sich jedoch nichts.“

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