Männer leiden länger

Die Sportwissenschaft hat empirisch berechnet: Im Frauenfußball gibt es kürzere Unterbrechungen als bei den Männern. Die krümmen sich gerne am Boden, lamentieren heftiger und jubeln andauernder
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„Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten“ So lauten die Grundprinzipien des Fußballs - für Frauen wie für Männer. Aber stimmt das mit der Spieldauer tatsächlich? Denn als die Trainerlegende Sepp Herberger den 90-Minuten-Satz prägte, vergass er mindestens zwei Dinge: die Nachspielzeit und die Minuten, die ohne dass der Ball bewegt wird, verstreichen.  Bei jeder Unterbrechung, also jedes Mal wenn der Schiedsrichter pfeift – beim Anstoß oder Abstoß, bei jeder Auswechslung, beim Eckball, Einwurf, Freistoß oder Schiedsrichterball sowie im schlimmsten Fall, bei Verletzungen – gehen Spielsekunden verloren. Diese Zeit, in der Fußballerinnen und Fußballer nicht dem Ball hinterherlaufen, machen durchschnittlich 38 Prozent des gesamten Spiels aus.  Das hat der Münchner Sportwissenschaftler Martin Lahmes in einer Analyse von 56 Bundesligaspielen, sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern, ermittelt.

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Illustration: Julia Schubert



Dabei fand er heraus, dass die Verletzungs-Unterbrechungen bei Männern durchschnittlich 30 Sekunden länger dauert, als bei den Frauen. Diese Zahlen basieren auf  der Analyse von Spielen des Deutschen Rekordmeisters Bayern München (Männer) und der Mannschaft von FFC Turbine Potsdam (Frauen). Nachdem sie deren Spiele verglichen hatten, können die Münchner Forscher empirisch beweisen: Männer setzen die Unterbrechungsdauer bewusst als taktisches Mittel ein! Wenn die Mannschaft in Führung liegt, lässt sie sich der Gefoulte bei Unterbrechungen nachweislich mehr Zeit als bei einem Unentschieden oder sogar bei einem Rückstand. Tut der Knöchel nach der Grätsche in der 87. Minute mit Aussicht auf den Sieg tatsächlich mehr weh? Bei den Frauen ist dieses Verhalten in den untersuchten Spielen nicht einmal vorgekommen.  

Aber lohnt sich dieses Zeitspiel überhaupt? Die Forscher sagen ja.  Denn es wird grundsätzlich zu wenig Zeit nach Ablauf der 90 Minuten nachgespielt. In fast keinem Fall aller beobachteten Spiele wurde ausreichend nachgespielt und die Auswechslungs- und Verletzungszeit richtig bemessen. Insofern kann man den Spielern nicht mal einen Vorwurf machen, wenn sie bei einer Führung die Zeit mit Simulieren strecken, weil sie wissen, dass der Schiedsrichter nicht so lange nachspielen lassen wird.

In der Gesamtzeit der Spielunterbrechungen unterscheiden sich die Fußballspiele von Männern und Frauen nicht wesentlich. Die einzelnen Unterbrechungen allerdings sind bei Männern wesentlich länger. So hält der Torjubel bei Männern fast eine Minute an, während die Frauen nur etwa halb so lang feiern. Das Auswechseln dauert bei Männern mit 45 Sekunden fast 10 Sekunden länger als bei Frauen. Dafür findet Sportwissenschaftler Lahmes nur eine Erklärung: „Bei Männern ist der Gedanke der Inszenierung viel stärker ausgeprägt als bei den Frauen, bei denen offensichtlich das Spiel an sich im Vordergrund steht.“ Die Fußballer machen ein Salto, springen mit Anlauf auf ihr Team oder gründen eine Luftrockband. Bei den Frauen läuft der Jubel verhaltener ab. Ein Grund dafür ist auch, dass Männerfußball generell vor mehr Zuschauern und mit höherer medialer Aufmerksamkeit ausgetragen wird, wie Lahmes erklärt.  

Egal, ob Mann oder Frau, wer im Trikot ins Stadion rennt, weiß, dass er vor allem eine Mission zu erfüllen hat: Im Fußball rennt man gegen die Zeit.             

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