Zu Besuch beim Hotelbesitzer, der die Influencerin bloßgestellt hat

Paul Stenson gibt zu: Seine Provokationen sind vor allem eine Masche, um Geld zu machen.
Von Peter Krauch
Foto: Peter Krauch

Paul Stenson sitzt in der Lounge seines Hotels „The White Moose“ und hackt in die Tasten seines Laptops. Er trägt Brille, Kapuzenpulli und Dreitagebart und sieht übermüdet aus. Seit Stunden schreibt er an einem Blogbeitrag, in dem er das ganze Desaster der vergangenen Woche nochmal erklären möchte, wie er sagt.

Wobei Desaster eigentlich der falsche Begriff ist. Denn der Shitstorm, die Drohungen, Beleidigungen und riesigen Diskussionen um das „#Bloggergate“, die Paul mit einem Facebook-Post ausgelöst hat, haben ihm, seinem White Moose Café und dem dazugehörigen Hotel in Dublin zu weltweiter Aufmerksamkeit verholfen. Pauls Café liegt in Phibsborough im nördlichen Dublin, zwischen traurigen Auto- und Reihenhäusern, die Gegend ist nicht gerade die schönste und bel(i)ebteste der Stadt. Auf Pauls Webseite ist zu lesen, die Gegend ähnele der Szenerie von „Night of the living dead“, einem Zombiefilmklassiker aus den Sechzigern. Ein bisschen Extra-Werbung kann da nicht schaden.

Vorhin musste Paul die Arbeit an seinem Blogeintrag unterbrechen, weil ein Mädchen ein Selfie mit ihm machen wollte. Gerade eben haben drei ältere Frauen das Café betreten, die in der Zeitung darüber gelesen haben und sich jetzt mal den Laden anschauen wollten, in dem Blogger keinen Zutritt mehr haben. Das steht auch gut sichtbar auf einem Schild an der Hotel-Rezeption. Was natürlich nur ein Witz ist. Sagt Paul.

Paul ist immer noch überzeugt, dass es richtig war, was er getan hat. Und wie er davon erzählt und sich in dem alten Sessel seiner Lounge wohlfühlt, wirkt er, als sei er stolz darauf.

 

Paul ist Social-Media-Profi und weiß, dass Provokation Aufmerksamkeit bringt. Und er hat schon oft provoziert

Die Kurzversion der Ereignisse für alle, die in der vergangenen Woche kein Internet hatten: Eine semibekannte Influencerin namens Elle Darby schrieb Paul eine Anfrage. Der Deal, den sie vorschlug: Umsonst übernachten gegen Erwähnungen auf ihren Social-Media-Kanälen. Paul veröffentlichte die Mail (ihren Namen schwärzte er) und regte sich über ihren dreisten Vorschlag auf. Der Post ging viral, woraufhin Elle wiederum eine Video-Stellungnahme veröffentlichte und sich darin als Opfer darstellte. Seitdem tobt das Netz-Battle zwischen Influencer-Hassern und Influencern und Paul-Hassern und Paul-Symphatisanten.

Paul sagt: „Es gibt zwei Arten von Influencern: die professionellen und die Amateure. Die Profis würden niemals solche Anfragen senden und betteln, die bekommen ihre Angebote. Die sind einfach gut. Und dann hast du diese Amateure, die womöglich arbeitslos sind, keine Ahnung haben, was sie machen. Diese Leute betteln dann um Dinge für umsonst, die sie sich sonst nicht leisten können. Das sind diese Menschen, die momentan hinter diesem Shitstorm stecken. Die Professionellen sagen mir: ,Du hast verdammt recht.'“

Man hat das Gefühl, dass Pauls Abneigung gegen die Influencer-Amateure echt ist. Andererseits wird deutlich: Paul ist ein Social-Media-Profi. Er weiß, dass Provokation Aufmerksamkeit bringt. Und er weiß, wie man humorvoll provoziert, denn er hat es schon oft getan, alle mussten dran glauben: Ende Oktober 2015 zum Beispiel verbannte er Veganer aus seinem Café.

Im September 2016 ging ein Post über Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit viral. Paul schrieb, dass er glutenfreies Essen nur noch gegen Vorlage einer ärztlichen Bestätigung der Unverträglichkeit servieren werde.

Sein Café und sein Hotel werden so bekannter, sammeln Likes und Shares auf Facebook, werden bei Google gesucht. In den Google-Trends sieht man tatsächlich: Wenn Paul provozierte, schossen kurz darauf die Suchanfragen in die Höhe. Und die vielen Verlinkungen seiner Webseite in Artikeln erhöhen die Google-Sichtbarkeit.

Der große Ausschlag im August 2017 hat übrigens nichts mit Pauls Café zu tun. Da haben nur sehr viele Menschen nach einem Video von einem weißen Elch gesucht, der in Schweden bei einem Bad gefilmt wurde.

Aber er sei nicht auf den Hype angewiesen, meint Paul, denn er habe ja einfach sein „daily business“. Das Hotel und das Café haben eine begrenzte Anzahl an Plätzen, während Videos unbegrenzt geklickt werden können. Mit der Reichweite seiner Youtube-Videos könnte er übrigens auch Werbeeinnahmen erzielen.

 

Auch im Café selbst ist seine Liebe fürs Anecken überall zu spüren: Auf der Rückseite seiner Speisekarte findet sich eine ganze Seite mit „Useless Information.“ Da steht unter anderem, dass, wenn ein Kind zu laut ist, Valium in seinen Saft geschüttet werde. Wenn das Kind herumrenne, werde es in eine Zwangsjacke gepackt. Veganer würden erschossen, wenn sie sich nicht 24 Stunden vorher im Café anmelden würden. Ein anderes Schmankerl aus der Karte: „Wenn Sie an Gluten-Intoleranz leiden, gibt es einen guten Psychiater die Straße runter, den Sie aufsuchen können.“

 

„Es ist alles nur ein großes Spiel. Und ich spiele es, um Geld zu verdienen“

 

Sein Café ziert eine Urkunde „Bestes Café in Irland 2016“ – kleingedruckt steht dabei: „Ausgezeichnet durch den Besitzer.“ Auf dem Tresen stehen an Bomben erinnernde Kugeln – für die „Asche der Veganer“ und die „Tränen der Blogger.“ All diese kleinen Sticheleien sind mit Augenzwinkern gemeint. Das versteht man, wenn man sich im Café umsieht, diesem eigentlich durch und durch netten Ort mit freiem Wlan und Menschen, die ihr Essen fotografieren. Mit der erkennbaren Liebe zum neckischen Detail wirkt das White Moose ganz und gar nicht bedrohlich oder aggressiv, und man kann schon verstehen, dass es Paul nervt, wenn sich jemand hier reinschnorren will. Man kann aber auch verstehen, dass sich Menschen von Pauls Witzen verletzt oder beleidigt fühlen.

 

Sicher ist: Elle Darbys Anfrage war für Paul nicht nur etwas, das ihn aufregte. Sondern auch eine Steilvorlage. Er gibt das selbst zu. Hinter seinem Post steckten „100 Prozent Strategie“, sagt er.

 

„Es hat lange gedauert, zu entscheiden, ob ich die E-Mail veröffentlichen sollte oder nicht. Aber ich wusste in der Nanosekunde, als ich sie empfangen habe, dass sie Schlagzeilen machen könnte. Dass der Shitstorm so riesig werden würde, hätte ich zwar nicht gedacht. Aber hinter jedem meiner Postings steht ein Denkprozess. Es ist alles nur ein großes Spiel. Und ich spiele es, um Geld zu verdienen.“

 

Ein Schild vor dem White Moose weist darauf hin, dass hier mit derben Witzen zu rechnen ist. Foto: Peter Krauch

Foto: Peter Krauch

Und so sieht er dann aus, der Humor. Foto: Peter Krauch

Foto: Peter Krauch

Foto: Peter Krauch

Foto: Peter Krauch

Das beste Café Irlands – laut Paul zumindest. Foto: Peter Krauch

Foto: Peter Krauch

Das scheint Paul sehr ernst zu meinen. Auf seiner Webseite verkauft er jetzt #Bloggergate-T-Shirts, 19 Euro 50 das Stück. Von dem Erlös möchte er einen Trip nach Berlin machen. Das passe doch gut, sagt er, weil ihm ja ein deutscher Journalist gegenüber sitze. Auf Facebook schrieb er, es könnte nach New York gehen.

 

Paul weiß, wie man die Kanäle bespielt. Bevor das Interview beginnt, postet er noch eine Story auf Snapchat, dass er jetzt ein Interview beginnt. Auch sonst hat er Bloggergate selbst schön weiter befeuert, mit professioneller Hilfe eine Pressekonferenz gefilmt, die Trumps Presse-Briefings im Weißen Haus parodiert, inklusive seinem Freund und Mitarbeiter als First Lady. Man könnte, wenn man ihn und seine Stories lange genug verfolgt, glatt vergessen, dass er hauptberuflich ein Hotel betreibt.

 

Langsam wird klar, dass hinter seinen Social-Media-Aktionen noch ein anderer Antrieb steckt. In Paul steckt ein Entertainer, der zu lange nicht heraus durfte. Paul ist 37 Jahre alt und übernahm das Hotel vor 15 Jahren von seinen Eltern. Er sagt: „Es ist einer der langweiligsten Jobs überhaupt, in einem 30-Betten-Hotel in Phibsborough zu arbeiten. Schon als Kind wollte ich ein Unterhalter sein. Ich wollte performen, meine eigene TV-Show. Aber ich bin den einfachen Weg gegangen und wollte Sicherheit. Das war der größte Fehler meines Lebens. Ich musste also einen Weg finden, um den Entertainer rauszulassen. Damit begann ich vor drei Jahren. Momentan findet mein Traum mich. In diesem Traum bin ich jetzt in der Lage zu unterhalten und ich denke, dass der große Skandal hier ein klasse Beispiel ist, wie man die Welt unterhalten kann.“

 

Das erzählt er alles so, aber er hat dabei immer diese leichte Grinsen im Gesicht, das wiederum sagt: Vielleicht bin ich gar nicht 37, vielleicht erfinde ich das alles gerade, weil es zu meiner Performance passt. Ganz ernst wurde Paul bisher auch nur bei zwei Themen: Während der #Bloggergate-Debatte forderte er dazu auf, von den heftigen Beleidigungen gegen Elle abzusehen. Und er bloggte über seine Alkoholabhängigkeit.

 

Es gibt also durchaus einen ernsten Paul. Hat er Mitleid mit Elle? „Ich habe kein Mitleid für sie. Weißt du, wie viel Geld man mit zwei Millionen Zuschauern machen kann? Ich auch nicht. Aber ich glaube, es ist ganz schön viel Geld. Sie melkt das. Sie ist jetzt weltberühmt. Sie sollte mir danken, dass ich ihren Namen weltweit bekannt gemacht habe.“ Im Übrigen sei es sie selbst gewesen, die mit ihrem Video „die Mobbingkarte ausgespielt“ habe. „Es gibt Leute, die gemobbt werden, aber kein Youtube-Konto haben und dadurch Geld verdienen, dass sie davon erzählen. Ich wurde in der Schule gemobbt. Ich hasse Mobber. Aber es ist sehr falsch, diese Karte auszuspielen, um Geld auf Youtube zu machen.“

 

Dann entschuldigt sich Paul. Er müsse weiterarbeiten. In seinem Hotel. An seiner Version der Geschichte. An seiner Show.

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