Dunja Hayali diskutiert über Umgang mit Hass im Internet

Bei einer Veranstaltung in München gab sie unter anderem den Tipp: „Eine Antwort schreiben. Und sie dann löschen.“
Von Theresa Parstorfer und Nadja Schlüter

Die Journalistin Dunja Hayali engagiert sich sehr stark gegen Hetze im Internet. „Das Thema ist zu mir gekommen, nicht ich zum Thema“, sagte sie bei der Diskussionsveranstaltung an der LMU.

Foto: Robert Haas

An Mittwochnachmittag hat Dunja Hayali ein Foto getwittert. Es zeigt eine Seite aus ihrem Notizbuch – und ganz oben steht ein einzelnes Wort: „Atmen“.

Diese Notiz hat Hayali sich als Vorbereitung auf den Mittwochabend gemacht. Da diskutierte sie im Rahmen der LMU-Veranstaltung „Hass im Netz – und was dagegen hilft“, die in Kooperation mit der SZ und jetzt stattfand, über ihren Umgang mit Hasskommentaren, Beleidigungen und Beschimpfungen in Online-Diskussionen. Nach einer wissenschaftlichen Einführung von Carsten Reinemann, Professor für Kommunikationswissenschaft der LMU, und einer kurzen Lesung der SZ-Redakteure Max Hägler und Roman Deininger aus absurden Leserzuschriften, lautete Hayalis Tipp Nummer eins dann auch wirklich: „Atmen. Hilft tatsächlich.“ Tipp Nummer zwei, den sie den 700 Besuchern in der Großen Aula mitgab: „Eine Antwort schreiben. Und dann löschen.“ 

Denn daran fehlt es den Online-Diskussionen häufig: an Reflexion. Daran, den wütenden Affekt zu zügeln. In den vergangenen Jahren hat sich der Ton verschärft. Immer mehr Menschen äußern sich im Netz, mischen sich ein, bloggen, twittern, posten auf Facebook. Diese Inhalte treffen auf verstärkte gesellschaftliche Spannungen, zum Beispiel Diskussionen über Migration und den Aufstieg der AfD.

Dunja Hayali bekommt diesen verschärften Ton immer wieder selbst zu spüren. Sie ist sehr aktiv auf Twitter und Facebook, wo Kommentatoren teils fiese Beleidigungen hinterlassen, sogar Vergewaltigungsdrohungen hat sie schon bekommen. „Warum trifft ausgerechnet Sie so viel Hass?“, fragte die Moderatorin des Abends, Karoline Meta Beisel von der SZ. „Ich bin eine Frau, damit fängt es schon mal an“, sagte Hayali. „Dann habe ich einen Migrationsvordergrund, bin sexuell flexibel…“ „Und beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen“, sprang Beisel ihr bei.

Das sorgte für Gelächter – aber es stimmt. Als ZDF-Journalistin sieht sich Hayali den „Systempresse“-Vorwürfen von Verschwörungstheoretikern ausgesetzt. Durch eine Reportage für das ZDF sei das Thema „Hate Speech“ überhaupt erst zu ihr gekommen. 

Im Juni 2015 hatte sie aus dem Irak, dem Heimatland ihrer Eltern, über Flüchtlinge berichtet. Die Reaktionen darauf waren so erschreckend, dass sie anfing, auf die Kommentare zu antworten. „Und jetzt komme ich aus der Nummer nicht mehr raus.“

Etwa 700 Besucher hörten Dunja Hayali in der Großen Aula der LMU zu. Auf die Frage hin, wer von ihnen schon einmal einen Hasskommentar im Internet gelesen habe, meldeten sich fast alle.

Foto: Robert Haas

Alle beleidigenden Kommentare einfach zu löschen und ihre Verfasser zu blockieren, sei eben auch keine Lösung, sagte Hayali, betonte aber auch: „Ich antworte längst nicht auf alles.“ Verschwörungstheoretiker etwa ignoriere sie. Und sie schalte sofort einen Anwalt ein, sobald Beleidigungen auf ihre Familie abzielten.

Die rechtliche Situation wurde aus gegebenem Anlass ausführlich diskutiert: Seit Jahresbeginn gilt das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das Plattformen wie Facebook und Twitter verpflichtet, Hasskommentare und Fake News konsequent zu löschen. Hayali hält das zunächst einmal für positiv – aber es sei Vorsicht geboten, damit es nicht zu „Overblocking“ komme, weil beispielsweise Satire nicht als solche erkannt werde. Solche Fälle hat es seit Inkrafttreten des Gesetzes schon gegeben.

Besonders lobte Hayali Aktionen, bei denen User selbst aktiv gegen Hetze werden. Zum Beispiel die Facebook-Gruppe #ichbinhier, die sich mit sachlichen Beiträgen  in Diskussionen einmischt, die aus dem Ruder gelaufen sind – und ihre Kommentare dann gegenseitig liket, damit sie ganz oben auftauchen.

Hass im Netz ist zwar leider Teil unseres Lebens – aber nur ein kleiner

Im Anschluss an das Interview hatte das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Ob Hayali den Kommentaren in sozialen Netzwerken auch etwas Positives abgewinnen könne, wollte eine junge Frau wissen. Ja, sagte Hayali, denn im Netz sei es möglich „die ganze Bandbreite zwischen schwarz und weiß“ abzubilden – also die gesamte Meinungsvielfalt.

Kurz nach 21 Uhr machte Hayali ihren Zuhörern bewusst, dass es noch Wichtigeres gibt als Diskussionen im Netz. Eine echte Welt nämlich. „Wollen Sie nicht nach Hause gehen?“, fragte sie. „Verliert nicht gerade irgendwo der FC Bayern gegen Gladbach?“ Der beste Tipp für den Umgang mit Hate Speech ist darum vielleicht auch einfach, ab und zu mal vom Smartphone aufzuschauen. Denn Hass im Netz ist zwar leider Teil unseres Lebens – aber nur ein kleiner. Hayali brachte das mit einer Zahl auf den Punkt, die sie selbst erstaunt hat: „Nur 14 Prozent aller Leute, die aktiv in sozialen Netzwerken unterwegs sind, haben jemals irgendwas kommentiert – das ist doch Wahnsinn!“

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