„Hab ihn gefunden“

Das Netz sucht nach dem Blutmond – und sieht ihn irgendwann in allem Möglichen, aber nicht am Himmel.
Foto: Fredrik Von Erichsen / dpa / Collage: jetzt.de

Am Freitag spielte sich ein Jahrhundertspektakel ab: Ab 21.30 Uhr tauchte der Mond für etwa 103 Minuten in den Erdschatten ein. Schon Tage zuvor hatten die Medien deshalb auf die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts vorbereitet, weltweit warteten Menschen im Freien, die Augen gen Himmel gerichtet, auf diesen historischen Moment. Zu sehen sei dann, so prophezeiten die Medien, schließlich ein Blutmond – ein Mond ganz in rot.

Und, das muss man ihnen zugestehen, es gab ihn auch, den Blutmond. Das beweisen vereinzelte gute Bilder im Netz. Für die meisten Menschen war er allerdings nicht so besonders gut zu sehen. Soll heißen: Viele, die ausharrten, um das Schauspiel zu beobachten, fanden den Mond trotz des guten Wetters und klaren Himmels einfach nicht. Er hing tief und versteckte sich zu gut.

Während viele also eher unverschuldet beziehungsweise vom Mond fremdverschuldet um dessen Anblick gebracht werden, scheint es aber auch Spezialisten gegeben zu haben, die sich selbst um den Anblick brachten:

Dabei geht es ja aber gar nicht um eine Frage der Schuld, sondern darum, ob man den verdammten Blutmond nun erblickt hat oder nicht erblickt hat. Und weil sich viele nicht damit abfinden wollten, dass auf sie Letzteres zutraf, schafften sich dutzende Menschen im Netz einfach ihre eigenen Blutmonde. In Form von Lampen, Herdplatten und Salami.

Nur wenige schreiben nach längerer Suche erleichtert: „Ich hab ihn gefunden!“ Auf Beweisbildern dazu zeichnet sich der Mond tatsächlich auch nur schwach ab.

Letztendlich mochten einige, denen das Finderglück nicht vergönnt war, gar nicht mehr so recht daran glauben, dass der Blutmond überhaupt existiert hat. Auf Twitter spinnen sich Verschwörungstheorien, wer Interesse daran haben könnte, dass Hunderttausende Menschen fast zwei Stunden lang einfach nur da stehen und nach etwas Roten im Himmel suchen. Hauptverdächtige: Physiotherapeuten und die SPD.

Am Ende half aber alle Kreativität nichts: Wer den echten Blutmond nicht gesehen hat, hat heute anscheinend irgendwie das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Manche sogar so sehr, dass sie glauben, eine Selbsthilfegruppe sei ein adäquates Mittel um diese Nicht-Erfahrung nachzubearbeiten.

Und, mei, vielleicht, wenn man's braucht, ist sie das auch. Ansonsten dürfte auch ein bisschen Geduld helfen. Denn Blutmonde, wenn auch nicht gar so spektakuläre wie den der vergangenen Nacht, gibt es am Himmel immer mal wieder zu sehen.

lath

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