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Was hat mir den einfachen Spaß an Hobbys versaut?

Und warum sehe ich in jedem noch so kleinen Talent die Möglichkeit, damit Kohle zu machen?
Von Viktoria Klimpfinger
  • hobby sellout cover
    Foto: Giulia Bertelli / Unsplash, Collage: jetzt.de

 

Vergangenes Jahr habe ich angefangen zu häkeln. Einfach nur, um so richtig kitschig die Seele baumeln zu lassen, während ich Binge-Watching auf Netflix betreibe. Als ich bemerkte, dass ein Häkel-Talent in mir schlummert, waren mir Platzdeckchen und Weihnachtsgeschenke an meine Verwandten aber nicht mehr genug. Ich musste, so dachte ich, mit meiner Fähigkeit zur Bändigung des Garns etwas Besonderes schaffen. Die Idee: lustige Zigarettenhüllen. Das hat die Welt noch nicht gesehen, dachte ich. Vielleicht könnte ich damit sogar ein kleines Business starten? Eine eigene Homepage, einen Online-Shop und irgendwann das Nonplusultra im Hipster-Universum: ein Stand auf einem Design-Markt?

 

 

Mein Plan war ja eigentlich nur gewesen, die Seele baumeln zu lassen. Die aber wollte durchstarten. Als ich das erkannt hatte, war der Rausch vorbei. Ich habe die Häkelnadel weggelegt und mich irgendwie eklig gefühlt. Bin ich nicht mehr fähig, bloßen Spaß an einem Hobby zu haben? Ganz ohne den Drang, daraus etwas Größeres machen zu wollen?

 

Als Kind war das mit den Hobbys irgendwie anders. Egal ob Klavier oder Ballett: Ich habe mich voll reingehängt. Als Lob genügte der halbherzige Applaus gelangweilter Eltern an Vorführabenden in der Musikschule. Für mich waren die ungeduldigen Klatscher Standing Ovations, die obligatorischen Blumenspenden am Ende der Ballettaufführungen Sträuße der Anerkennung. Herrlich. Und dann war ich plötzlich erwachsen und es ging um etwas viel Wichtigeres: Was mache ich mit meinem Leben? Die spaßigen Hobbys baute ich nach und nach ab.

 

So geht es vielen: Neben Lebenslaufpflege und der rationalen Entscheidung für BWL, Jura oder in meinem Fall etwas weniger zukunftsträchtig: Germanistik, bleibt nicht viel Zeit, dreimal die Woche im Tutu herumzuhopsen oder täglich Etüden in die Tasten zu klopfen. Und meinen Hobbys nur ab und zu nachzugehen, war auch keine Option: Dann wird man mangels Übung ja nicht besser und dümpelt auf einem Niveau weit unterhalb der aktiveren Zeit herum. Klassisches Leistungsdruck-Dilemma also: Ganz ohne macht’s keinen Spaß. Mit ihm wird’s aber auch kompliziert.

 

Woran liegt es, dass es mir nicht mehr möglich ist, einfach nur aus Freude an der Freude etwas zu machen? Ich glaube: vor allem an der ständigen Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Und dann der eventuellen Möglichkeit zur Selbstvermarktung und dem allumfassenden Drang zur Selbstverwirklichung. Diese drei Phasen erwischen zu Zeiten des Smartphones doch eigentlich fast jeden von uns immer wieder. Schauen wir sie uns deshalb doch mal genauer an:

 

1. Die Selbstdarstellung

 

Wir alle haben ein Online-Image, das uns möglichst vorteilhaft präsentiert. Wir alle inszenieren uns in sozialen Medien. Das will ich auch nicht anprangern, für meine Generation gehört das dazu. Daran ist zunächst mal auch nichts Verwerfliches. Aber wenn es um unsere Freizeit – und besonders um unsere Hobbys – geht, beeinflusst die ständige Möglichkeit der Selbstdarstellung doch ziemlich viel.

 

Das Teilen unserer Freizeitaktivitäten macht uns interessant, wertet unser Profil auf. Wir stricken nicht bloß gerne, nein, wir gehören zu den #knittersofinstagram. Wir stehen nicht einfach nur auf Kochen, wir praktizieren #foodporn. Ergibt auch Sinn: Wer ein Hobby ausübt, hat sich immer schon mit anderen Menschen zusammengetan, die sich ebenfalls dafür begeistern. Zwecks Inspiration und Bestätigung. Nur früher ging man halt einmal im Monat zum Häkeltreff, heute braucht man nur einen Hashtag. Das man auch da nach Anerkennung strebt, ist nicht verwunderlich.

 

„Hobbys waren immer schon ein Mittel der Selbstoptimierung“

 

„Hobbys waren immer schon ein Mittel der Selbstoptimierung“, erklärt Professor Peter Zellmann, Freizeit- und Zukunftsforscher aus Wien. Aber die heutige Frequenz sei etwas Neues. Die Möglichkeit, ständig alles mit allen zu teilen, erhöhe den Leistungsdruck enorm. So sagt Zellmann: „Je mehr man nach außen trägt und damit von anderen überprüfbar wird, desto mehr wird das Hobby der Arbeitswelt ähnlicher. Damit erhöht sich die Notwendigkeit, ein Level zu halten, etwas leisten zu können. Die Leistung ist dann nicht mehr nur eine persönliche, sondern eine, bei der man sich anderen verpflichtet fühlt.“

 

Natürlich könnte man jetzt sagen: Melde dich doch einfach von Instagram und Facebook ab und zieh‘ dein Ding im Verborgenen durch! So einfach ist das aber nicht: Wer hat schon Lust, alle virtuellen Strippen zu kappen und als digitaler Einsiedler umherzuirren? Ohne Facebook-Veranstaltungseinladungen oder Online-Lerngruppen wäre man ja ein sozial Aussätziger.

 

 

2. Die Selbstvermarktung

 

Wenn man die Selbstdarstellung konsequent weiterdenkt, ist es nicht mehr weit bis zur Selbstvermarktung. Denn alles, was wir tun und zeigen, kann nach seinem Wert bemessen werden. Darin ist unsere Leistungsgesellschaft ziemlich gut. Ein Hobby ist heute mehr und mehr auch Kapital. Das merkt man schon im Einstieg ins Berufsleben.

 

Personaler und potenzielle Chefs und Auftraggeber checken unsere Social-Media-Profile. Unternehmen, vor allem in kreativeren Branchen, wollen keine bloßen Arbeitstiere, sie wollen Persönlichkeiten. Menschen mit Interessen, Wissen, eigenen Gedanken, „Soft Skills“. Und war es nicht immer schon so, dass die Kollegen, die in der Betriebsmannschaft zusammen Fußball oder Badminton spielen, ein anderes Verhältnis zueinander aufbauen als diejenigen, die nichts von sich preisgeben?  

Verwundert es da, dass wir in unserer Leistungsgesellschaft alles, was wir tun, nach seinem Wert bemessen? Egal ob monetärer Wert oder gesellschaftlicher.

 

In einem Artikel des Finanzblogs „Investieren mit Kopf“ ist das Ganze so  zusammengefasst: „Das Humankapital wird häufig auf eine gesamte Bevölkerung bezogen und repräsentiert das wirtschaftlich nutzbare Potential, das sich aus Bildung, Fähigkeiten, Kenntnissen und Verhaltensweisen der Bürger zusammensetzt. Auf eine Person bezogen bedeutet das Humankapital im Prinzip das gleiche. Welche erworbenen Fähigkeiten einer Person lassen welchen wirtschaftlichen Nutzen erwarten? Einfacher ausgedrückt: Wie viel Geld lässt sich aus Ihren individuellen Fähigkeiten und erworbenen Qualifikationen generieren?“

 

„Man kann den Wert unserer Hobbys direkt in Cash messen“

 

Und schließlich weiter unten im Artikel: „Alternativ haben Sie vielleicht ein Hobby, welches Sie nebenberuflich gewinnbringend ausüben können.“

Allein beim Wort „Humankapital“ dreht sich der Idealist in mir weinend seinen Strick. Im Gabler-Wirtschaftslexikon ist es unter anderem so definiert: „An Personen gebundenes Wissen bzw. als an Personen gebundene Fähigkeiten.“ Es beschreibt also die Instrumentalisierung unserer ganzen Persönlichkeit, um weiter zu kommen, besser zu werden – und um alles, was wir tun, irgendwann zum persönlichen Vorteil verwerten zu können.

 

Man kann den Wert unserer Hobbys aber sogar direkt in Cash messen. Denn immerhin ist es dank Facebook, Instagram und Co. möglich, uns selbst zu vermarkten. Nie war es leichter als heute, den ausgelutschten Spruch vom Hobby, das man „zum Beruf gemacht hat“, tatsächlich zu verwirklichen. Wir brauchen nur genug Aufmerksamkeit, also genug Shares, Likes und Follower. Youtube-Ikone PewDiePie – um gleich mal ein Extremes Beispiel zu nennen – sehen mehr als 58 Millionen Menschen dabei zu, wie er Video-Spiele spielt und kommentiert – und dafür hat er 2016 15 Millionen Dollar eingesackt.

 

Selbst wenn man nicht so ohne weiteres ein Topverdiener-Influencer wird – das ist ja auch viel Arbeit – solche Beispiele kitzeln die Ambitionen: Hätte theoretisch auch ich die Möglichkeit, mich mit meiner Hobby-Origami-Technik auf den Online-Markt zu werfen? Könnte ich auch aus meinem Hobby Profit schlagen? Dann wären die zahlreichen Fruststunden und Schnittwunden im Finger nicht umsonst gewesen.

 

 

3. Selbstverwirklichung

 

Das deutsche Zukunftsinstitut bezeichnet die Generation der 18- bis 25-Jährigen als „Generation Slash“, also als diejenigen, für die eine einzige Jobbezeichnung nicht mehr ausreicht. Ich bin nicht freie Journalistin – ich bin freie Journalistin/Häkelexpertin/Origami-Profi.

 

„Ein einzigartiger, persönlichkeitsbildender Lebensstil ist der Slash-Generation wichtiger als eine klassische Karriere“, schreibt das Zukunftsinstitut. Unser Leben teilt sich also nicht mehr in Beruf und Freizeit, beziehungsweise Hobby, sondern vermischt beide Bereiche miteinander. Wir wollen uns in unserem Job verwirklichen. Das ist zwar schön, wenn es klappt. Es heißt aber auch, dass jedes Hobby ein potenzieller, voll individualistischer Karriereweg ist.

 

Peter Zellmann sieht darin durchaus einen Vorteil: „Freizeit und Arbeit sind heute viel mehr miteinander verschränkt als noch im 20. Jahrhundert. Sie ergänzen sich gegenseitig, befruchten einander und das eine kann vom anderen jeweils profitieren. Die Arbeit kann zur Freizeit werden und die Freizeit zur Arbeit.“

 

„Für wen mache ich gewisse Dinge überhaupt? Für mich oder meinen Sozialstatus?“

 

Dabei stößt es dem Idealisten in mir sauer auf. Natürlich ist es schön, dass der Trend weg von Statussymbolen und reiner materieller Absicherung hin zur Lebensqualität geht und der Materialismus immer stärker hinter die eigene Erfüllung zurücktritt. Aber andererseits trägt diese Vermischung auch dazu bei, dass wir unsere Hobbys und Herzensangelegenheiten mit einer anderen Haltung angehen.

 

Zellmann stimmt zu: Die ganz normale Freude an einem Hobby um seiner selbst willen könne dem Leistungsdruck und Drang zur Selbstverwirklichung in allen Lebenslagen zum Opfer fallen. Aber er hat auch einen Trost spendenden Ratschlag: „Je mehr man opfern muss, desto mehr ist man fremdbestimmt. Deshalb: Möglichst selbstbestimmt agieren, und sich nicht von anderen steuern lassen. Sich das vor Augen zu führen, ist der eigentliche Schritt in Richtung Lebensqualität. Da ist das Hobby ein ganz wichtiger Einstieg.“ Sobald man also merkt, dass das Hobby mehr stresst als beruhigt, macht man es vielleicht schon mehr für Follower oder Resonanz als für sich selbst.

 

Diese Selbsterkenntnis ist ja auch schon mal was, nämlich bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Vielleicht sollte man sich also generell öfter fragen: Für wen mache ich gewisse Dinge überhaupt? Für mich oder meinen Sozialstatus? Wem das nicht weiterhilft, der braucht aber nicht gleich das selbstgehäkelte Hobby-Handtuch zu werfen: Immerhin gelten ja auch ganz banale Dinge wie Fernsehen, Einkaufen oder mit Freunden einen drauf machen im weiteren Sinn als Hobbys. Und da gibt es absolut keinen Leistungsdruck oder Karriere-Potenzial, also auch keinen Grund zum Hobby-Stress. Oder vielleicht doch? Könnte ich aus meinem ausgeprägten Talent zum Couch-Potato oder meinen lustigen Freitag-Abenden im Stamm-Pub nicht doch mehr rausholen? Lest mehr darüber auf meinem Beer-Pong-Blog.

 

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