Warum sind wir online so verrückt nach Alpakas?

Eine Suche nach Antworten – auch offline, auf einer Alpakafarm.
Von Lara Thiede und Katja Neitemeier

Car trips with chewy #roadtrip #chewythealpaca #alpaca #alpacasofinstagram

Ein Beitrag geteilt von Chewy The Alpaca (@chew_paca) am

First sunny day in a while🌞

Ein Beitrag geteilt von Chewy The Alpaca (@chew_paca) am

Das Einhorn ist tot. Einst so erfolgreich, liegt es nun darnieder – ausgelutscht, abgenutzt, missbraucht vom Kapitalismus, der es am Ende das Leben gekostet haben könnte. Vielleicht wurde es aber auch einfach niedergetrampelt – von einem echten Tier, das auszog, das neue Einhorn zu werden: dem Alpaka.

Alle, einfach alle finden Alpakas derzeit flauschig, freundlich, lustig. Und sehr viele liken, kommentieren und teilen Bilder und Videos davon. Auf Instagram haben die Hashtags #alpaca und #alpacas hunderttausende Treffer, auf Facebook findet man inzwischen schier endlos viele Videos, auf denen die Tiere bei Wettrennen gegeneinander antreten, mit Menschen kuscheln, lustige Outfits anhaben oder einfach nur sehr lange auf etwas herumkauen. Einige Medien stellen sogar Quizze online, welcher Alpaka-Typ man denn sei, andere küren die Alpakas zu den bestfrisierten Tieren.

Aber warum bekommt gerade das Alpaka so viel Aufmerksamkeit? Warum ist es so viel beliebter als andere Tiere – Schnabeltiere, Paviane oder Blobfische zum Beispiel? Sie alle sind schließlich noch nicht zu Stars des Internet mutiert.

Es könnte helfen, die Leute zu fragen, die für den Erfolg des Alpakas verantwortlich sind. Solche Menschen, die auf ihren Profilen und Kanälen Alpakas feiern, also: so ziemlich alle unsere Freunde. In einer nicht repräsentativen Facebook-Umfrage bitten wir sie, das Warum zu erklären. „Because of Flausch“, begründet eine. Viele andere verweisen auf die lustige Frisur, einen absurd langen Hals, aber auch den Charakter der Tiere. Alpakas seien ja immer so entspannt und kauten einfach ihr Gras. „Sie chillen ihr Leben – da könnte auch der dritte Weltkrieg nix gegen ausrichten“, wird vermutet.

Nachvollziehbar sind diese Antworten, so richtig befriedigend aber nicht. Klar, die Tiere sind süß und freundlich. Aber ist diese Erklärung nicht ein bisschen platt für eine so hohe Erfolgswelle? Zeit, mit Veronika Karnowski zu sprechen.

„Man verbreitet Alpakas, weil es dem Selbst dient“

Sie ist Kommunikationswissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und beschäftigt sich damit, wie sich Inhalte über soziale Netzwerke verbreiten. Karnowski ist somit zwar keine Alpaka-Expertin, aber zumindest eine für dessen neuen Lebensraum: das Internet. Sie ahnt, was viele Menschen sich davon versprechen, Alpaka-Memes oder -Videos zu teilen:

„Man verbreitet Alpakas aus dem gleichen Grund, aus dem man auch andere Inhalte auf Social Media teilt: weil es dem Selbst dient“, sagt Karnowski. „Wer ein Alpaka teilt, das lustig aussieht, will damit zeigen, dass er auch selbst lustig ist. Man nutzt diese süßen, flauschigen, ulkigen Tiere, um ein bestimmtes positiv behaftetes Bild von sich selbst zu zeichnen.“

Warum aber tut man das Ganze mit Alpakas, nicht so mit Mäusen, Vögeln, Pferden oder anderen Tierarten? Die finden doch auch viele Menschen gut! „Das Alpaka ist halt ein Tier, auf das man sich gut einigen konnte, dem alle etwas abgewinnen können“, sagt Karnowski. Dadurch, dass es nicht nur süß, sondern auch witzig ist und einen geduldigen Charakter hat, scheint es heute allgemein verträglich.

Aus diesem Grund wird viel Alpaka-Content auch mit dem Satzanfang eingeleitet: „Ich, wenn ich …“ oder „Du, wenn du...“ Da hüpft also beispielsweise ein Alpaka vergnügt über eine Wiese, zum Satz: „Du, wenn du am Freitag früher Feierabend hast.“ Wer das teilt, sagt: „Ich springe auch immer so niedlich aus dem Büro.“ Was direkt zu übersetzen ist in: „Man muss mich einfach lieb haben.“

„In diesem Moment stellt man sich mit dem Alpaka gleich“, erklärt Karnowski und fügt hinzu: „Dahinter steht aber auch ein bisschen eine Gefahr, besonders für Frauen. Wenn sie Memes oder Vines wie dieses teilen oder sich verniedlichende Filter über das Gesicht legen, kann es passieren, dass sie nur noch mit den Eigenschaften ‘niedlich, süß, unschuldig’ assoziiert und nicht ernst genommen werden.“

Alpaka-Content zu teilen, gibt ein gutes Gefühl und pflegt Beziehungen

Das Gemein-machen mit Tieren wie den Alpakas hat laut Karnowski aber auch Vorteile: „Man erzeugt so nicht nur ein sympathisches Bild von sich selbst, sondern pflegt gleichzeitig auch wahnsinnig aufwandsarm Beziehungen.“ Wer beispielsweise immer wieder die Namen seiner Freunde unter Alpaka-Content vertaggt, kann so mit wenigen Klicks die Freundschaft festigen. Denn Alpakas werden durch dieses Verhalten zum Running-Gag zwischen Menschen. Das Tier wird ab sofort mit bestimmten Freunden, Gemeinschaft und Glücksgefühlen assoziiert. „Das eigene Well-being verbessert sich mit dem Teilen“, erklärt Karnowski.

Anita Selig-Smith merkt auch offline, dass Alpakas heute im Trend liegen. Sie besitzt eine Farm in der Nähe von Berlin, die seit dem Erfolg der Tiere in den Sozialen Netzwerken immer mehr Besucher anzieht. „Ich brauche dafür nicht mal mehr Werbung zu machen“, sagt sie. Und auch andere Menschen und Unternehmen profitieren inzwischen von dem Hype. Online kann man nicht mehr nur klassisch Kleidung aus Alpaka-Wolle kaufen, sondern auch Postkarten, Shampoo, Lachgummis und T-Shirts mit einem Bild der Tiere darauf. „Ein Bekannter hat mir sogar mal Toilettenpapier mit Alpakamuster mitgebracht“, sagt Selig-Smith.

Voraussehen hätte man den durchschlagenden Erfolg des Tieres – online wie offline – laut Karnowski aber nicht können: „Was zum Internetphänomen wird, kann man vorher nie so genau sagen. Humor und Niedlichkeit helfen dabei, das sehen wir immer wieder. Aber tatsächlich hat es viel mit Zufall zu tun. Die Verbreitung eines Inhalts muss einfach eine kritische Masse überschreiten.“ Das Alpaka wurde also vermutlich über eine gewisse Zeit in einer gewissen Gruppe so viel geteilt, dass es irgendwann groß genug wurde, um sich im Netz zu verselbstständigen.

Die Lösung liegt am Ende der Münchner S2: in Alpaka Fernandos Fell

Am Ende kann also selbst die Wissenschaft nicht genau erklären, wie es dazu kam, dass das Alpaka heute Trendtier ist. Da hilft wohl nur noch eines: selbst ein Gefühl für die Faszination finden. Gut also, dass Letztere mittlerweile auch offline so weit um sich gegriffen hat, dass eine Reise zu den flauschigen Ureinwohnern der Anden nicht mehr gar so weit ist. Inzwischen gibt es schon hunderte Alpaka-Züchter in Deutschland. Wir müssen also nicht einmal bis nach Berlin zu Selig-Smiths Farm fahren. Die nächstgelegene Farm finden wir schon am Ende der Münchner S-Bahn-Linie S2.

Das ist übrigens Fernando. Das Alpaka, das uns die Augen öffnen konnte.

Foto: Katja Neitemeier

Seine Freunde haben natürlich auch geholfen.

Foto: Katja Neitemeier

Er hier zum Beispiel: We call him Blackie. Blackie mag Karotten. So wie jedes gute Alpaka.

Foto: Katja Neitemeier

Brownie macht trotzdem hin und wieder Pause vom Essen...

Foto: Katja Neitemeier

... man kann sich schließlich auch aufs Süßgucken konzentrieren.

Foto: Katja Neitemeier

Dort steht Fernando, ein weißes Alpaka. Er guckt und kaut, sein Fell ist mindestens so flauschig und weich, wie es auf den Bildern aussieht. Mindestens! Neben ihm seine Artgenossen, sie alle kauen auf ein paar Möhrenstückchen herum. Fernando guckt erwartungsvoll auf die nächste Möhre auf der anderen Seite des Zaunes. Sie liegt in der Hand eines strahlenden Kindes.

Von all den Überlegungen, warum er das neue Trendtier ist, weiß Fernando nichts. Es interessiert ihn wahrscheinlich auch nicht. Und vielleicht liegt genau darin das Geheimnis: Dass das Alpaka seinen Erfolg doch eigentlich gar nicht will. Dass es nicht abhebt – anders als ein Einhorn, das in Gifs immer wieder auf glitzernden Regenbögen in Richtung Himmel trabt. Fernando guckt lieb, ist beständig, nützlich, lustig und authentisch. Eben all das, was wir selbst auch gerne wären. 

Es wurde aber auch wirklich Zeit für einen Thronwechsel: