"Denn ab sofort bist du nicht mehr allein."

Vor fast zehn Jahren notierte der jetzt-User michax eine Prognose über Onlinenetzwerke, die sich im Rückblick wie eine Vorhersage auf Facebook & Co liest
jetzt-Redaktion

1. Du bist nicht mehr allein. Ab sofort wird man wissen, wann du online bist. Man wird sehen, wenn du dir eine jetzt-Page angeguckt hast. Man wird informiert sein, wen du zu deinem Freund machst. Man wird es wissen, wenn du deine Botschaften gelesen hast. Man wird sehen, wie oft deine Tagebucheinträge gelesen wurden.

2. Nie wieder in deinem Leben wird es so leicht sein, Freunde zu gewinnen. Einfach nach dem Einloggen auf „Freunde“ in der Kopfzeile deines Bildschirms klicken. Es erscheint eine noch leere Liste. Dort kannst du nun munter Nicknamen eintippen von allen, die du gerne als Freunde hättest. Schon hast du sie. Wie in jeder guten Freundschaft wird ihnen mitgeteilt, dass sie nun deine Freunde sind. Das Schöne: Sie können sich nicht dagegen wehren.

3. In der Kopfzeile meldet man dir, wenn sich jemand deine jetzt-page anschaut. Überdurchschnittlich oft wird man dir anonymous melden. Dieser ist kein hartnäckiger Verehrer von dir, sondern ein böser Mensch, der deine Seite anschaut, ohne sich zu erkennen zu geben. Bis heute ist es nicht gelungen, den Kerl dingfest zu machen.

4. Du kannst auch Tagebuch schreiben. Manche Menschen meinen sogar, dass dein Publikum wartet. Allerdings musst du dich erst mit drei Texten bei der Redaktion bewerben. Die Gründe für eine Ablehnung dieser Bewerbung sind eines der bestgehüteten Geheimnisse der Redaktion. Einzig durchgesickert ist eine Neigung zur richtigen Rechtschreibung.

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Illustration: Julia Schubert



5. Wenn du eine Mail schreibst oder einen Gästebucheintrag machst, benutze am Schluss besser kein Wort, das auf h endet (zum Beispiel „ich“). Denn dieses h wird vom Computer regelmäßig verschluckt. Warum das so ist, weiß keiner. Wahrscheinlich wird man eines Tages anonymous fangen und rausfinden, dass sein ganzer Keller vollgestellt ist mit hs.

6. Entgegen allen Dementis ist jetzt.de eine Kontaktseite. Neuen Schätzungen zufolge geht die Anzahl der (teilweise nur kurzzeitig) entstandenen jetzt-Pärchen in den dreistelligen Bereich.

7. Auch du wirst dich online verlieben. Du wirst ihn/sie treffen. Du wirst enttäuscht sein. Zumindest ein bisschen. Das ist nicht schlimm. Beim nächsten Mal vorher ein Bild schicken lassen und mit ihr/ihm telefonieren.

8. Du bist herzlich eingeladen, dich am Tagesticker zu beteiligen, wo es jeden Tag spannender wird, ob die Redaktion noch ein weiteres neues Thema finden kann. Du erkennst die Tagestickerseite daran, dass sie mit einer Wortspielstafette des jetzt-Users siegstyle eröffnet wird.

9. Wenn du irgendwo zu einem Eintrag Kritik äußerst, wird es immer Leute geben, die dich deswegen kritisieren werden. Und es wird immer Leute geben, die deine Kritiker darauf hinweisen werden, dass doch auch mal Kritik geübt werden darf, woraufhin andere wieder sagen werden, dass deine Kritiker ja auch nichts anderes gemacht haben, als Kritik zu äußern; und nach einer Weile weiß keiner mehr, worum es eigentlich geht. Entspann dich. Du wirst in der Zukunft viel Zeit vor der Internetseite verbringen. Mehr, als den echten Menschen um dich herum und deiner Telefonrechnung vielleicht zuzumuten ist. Du wirst die Menschen in Freunde und jetzt-Freunde aufteilen. Du wirst nicht mehr über Erlebtes sprechen, sondern es gleich aufschreiben. Aber all das macht nichts. Denn du bist nicht allein.

Auf der nächsten Seite kannst du ein Interview mit michax lesen, zehn Jahre später.




Wenn man deinen Text „Ab sofort bist du nicht mehr allein" aus dem Jahr 2002 liest, kommt man nicht um die Annahme herum, dass du eine starke visionäre Gabe besitzt. Wenn du heute einen aktuellen Text über das Internet schreiben würdest, was in etwa stünde darin?
Dass wir noch gar keinen Schimmer haben, wie sehr das Internet, die modernen Medien, die Computer die nächsten Generationen beeinflussen werden. Mein Sohn konnte mit 18 Monaten – ohne Hilfe, ohne Erklärung – mein iPhone entriegeln, sich seine Kinder-App suchen und kleine Aufgaben lösen. Der Junge kann nicht mal reden, aber sich schon die Videos anschauen. Und er liebt es. Noch ein halbes Jahr und er meldet sich bei jetzt.de an.

Erinnerst du dich noch an den Tag, an dem du dich bei jetzt.de angemeldet hast? Es war Sommer, ein Freund von der Süddeutschen mailte: Geh doch mal rein! Ich sah: Oh, hier kann man Texte schreiben. Gibt's ja nicht. Gab's wirklich nicht. Dann bin ich geblieben.

Was hast du damals beruflich gemacht und wo hast du gelebt?
Ich hab damals auch schon beruflich geschrieben, wohnte in einer Jungs-WG in Berlin-Friedrichshain.

Wie sieht dein Leben heute aus?
Ich schreib immer noch beruflich und wohne mit meiner Familie in Berlin-Kreuzberg.

Nutzt du das Internet heute anders als früher?
Ich guck nicht mehr nach Frauen. Ich hab ja eine. Die Wahrnehmung von Nachrichten hat sich mittlerweile stark auf das Netz verlagert. Fernsehen und Zeitungen sind out. Sorry. Und es ist selbstverständlicher, bei jeder Frage, bei jedem Problem, bei jeder Art von Organisation zuerst das Internet zu konsultieren.

Was wünscht du jetzt.de für die Zukunft?
Dass es einfach das bleibt, was es für mich und viele andere war: Eine Plattform für das Ausprobieren der eigenen Kreativität. Eine betreute Werkstatt für junge Schreiber, Bildermacher, Filmer. Ein Ort, an dem man etwas über Kommunikation im Internet begreift.

Interview: Mercedes Lauenstein

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