Probier mal Chicago!

Was ist eigentlich, wenn das Internet nicht immer selbstverständlich da ist? Ein Bericht aus China, von der anderen Seite der Great Firewall.
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Immer wenn die Partei irgendwas zu feiern hat, spinnt das Internet in China. Vor einigen Wochen war der 90. Geburtstag der Kommunistischen Partei, ein sogenannter heikler Termin. Ich brauchte vier Stunden, um ein Album auf iTunes herunterzuladen, Google war nicht mehr erreichbar, und Youtube-Videos ließen sich nicht mal mit den üblichen Tricks abspielen. Während ich genervt versuchte, eine Mail zu verschicken, zuckte meine Cousine nur mit den Schultern und sagte lapidar: „Das Netz wird gerade wieder harmonisiert."

Chinesen nehmen die Internetzensur mit Sarkasmus. Es gab in letzter Zeit viele dieser heiklen Termine, zu denen das Ministerium für Staatssicherheit in Peking die Harmonie des Landes in Gefahr sah: Dazu zählten die Olympischen Spiele, die Expo in Shanghai, der Nobelpreis für Liu Xiaobo, die Jasmin-Revolution im Frühling, Ai Weiweis Festnahme und Ai Weiweis Freilassung. Nächstes Jahr wäre da noch der Machtwechsel an der Parteispitze; und der Jahrestag des Tiananmen-Massakers am 4. Juni ist auch immer wieder solch ein Datum. Zu nahezu allen diesen Anlässen wird die Geschwindigkeit der ohnehin schwerfälligen Netzverbindung in China heruntergefahren (Provider bieten nur bis zu 2 Megabyte pro Sekunde an), und man glaubt sich im Internet-Steinzeitalter wiederzufinden, als „Ich bin drin" schon die Maximalerwartung an das digitale Leben beschrieb.

Die „Great Firewall", wie die Internetsperre auch genannt wird, zensiert systematisch regierungskritische Inhalte. Warum genau welche Begriffe und Domains gesperrt werden, weiß allerdings keiner. Anfang Juli behauptete der Vizebürgermeister einer kleineren chinesischen Millionenstadt, das chinesische Internet sei freier als das deutsche. Als sich Tausende Mikroblogger daraufhin über ihn lustig machten, wurde der Name des Bürgermeisters, der doch nur plumpe Propaganda für sein Land machen wollte, selbst von der Zensur gesperrt.

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Illustration: Julia Schubert



An die Tatsache, dass Facebook, Youtube und viele Blogging-Portale gesperrt sind, habe ich mich relativ schnell gewöhnt. Allzu schwer ist es nicht, sie trotzdem aufzurufen. Fünf bis zehn Dollar im Monat kostet ein Abo für einen VPN-Service. Das VPN, ein „Virtual Private Network", buddelt einen Tunnel unter die Große Mauer: Es verschlüsselt die eigene IP-Adresse und überlistet das Zensursystem, indem es ihm vorgaukelt, dass man aus einem anderen Land surft. Man kann VPNs auch auf dem Handy oder auf dem iPad nutzen, außerdem kann man sich meistens aussuchen, über welche Drittserver in welchen Ländern man surft. Die Leistungen diverser VPN-Services bieten in China viel Gesprächsstoff auf Partys, und eine typische Unterhaltung in Studentencafés geht so: „Probier mal Chicago." – „Nein, Südkorea ist viel schneller."

Technischer Fortschritt spielt aber nicht nur Internetaktivisten, sondern auch den Machthabern in die Hände. Ein endloses Katz-und-Maus-Spiel: Blogger ziehen von Domain zu Domain, wird ein VPN- Tunnel dichtgemacht, entstehen am nächsten Tag zwei neue. Dass das Internet in China irgendwann ganz abgeschirmt sein wird, ist unwahrscheinlich, schon allein wegen der vielen ausländischen Firmen, die deswegen das Land verlassen würden. Außerdem sollen nicht wenige hohe Parteikader selbst die Zensur umgehen, um sich darüber zu informieren, was draußen in der Welt los ist.

Geschätzte 30000 Internetpolizisten arbeiten daran, die chinesische Firewall instand zu halten. Ich stelle sie mir vor wie Tausende finster dreinblickender Ulrich-Mühe-Doubles aus Das Leben der Anderen in grauen Betonbunkern, aber die Wahrheit ist womöglich viel profaner: Es heißt, dass die Regierung Studenten als schlecht bezahlte Internet Reinigungskräfte anheuert. Sie durchforsten Foren und Blogs nach verdächtigen Einträgen und erstellen für umgerechnet ein paar Cent Jubelkommentare auf die Regierung. Auch sollen sich hinter manch seltsamem Twitter-Account Angestellte der Stasi verbergen. Vor einigen Tagen folgten mir innerhalb weniger Stunden sieben neue User auf Twitter. Sie waren sich allesamt sehr ähnlich: Zufällig generierte Namen, austauschbare Fotos, sie tweeten nicht, folgen dafür einer Reihe von Journalisten und chinesischen Intellektuellen. Sind das Fake-Profile von Spitzeln, oder ist es nur meine Paranoia? Eine Freundin lachte, als ich ihr davon erzählte. „Wenn sie dir etwas wollen, finden sie immer etwas", sagte sie. „Mach dir nicht so viele Gedanken."

All diese Fragen interessieren aber nur wenige Chinesen. Das chinesische Internet ist wie ein Parallelkosmos, in dem es für alles ein chinesisches Gegenstück gibt: Baidu ersetzt Google, Tudou ersetzt Youtube, Renren ist eine 1:1-Kopie von Facebook, und Weibo ist im
Grunde sogar das bessere Twitter. Viele Chinesen, die ich kenne, sagen: „Wozu brauchen wir Facebook? Wir haben doch Renren." Sie machen sich nicht die Mühe, die Zensur zu umgehen. Und hätten sie freien Zugang zum Internet, wäre die erste Seite, die sie aufrufen, sicher nicht dalailama.com.

Für die Mehrheit der Chinesen ist das Internet einfach ein Medium, das den Alltag einfacher gestaltet und der Zerstreuung dient – wie, um fair zu bleiben, für die meisten Menschen im Westen auch. Den wenigen, die sich im Internet politisch engagieren wollen, wird das Leben aber zunehmend schwerer gemacht. Deshalb muss die Mauer weg. Leider gibt es zur Zeit keine Anzeichen, dass das bald passieren wird.

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