Was ich vom Internet gelernt habe

Für das jetzt.de-Jubiläumsheft "jetzt digitales Leben" haben wir einen Schreibwettbewerb ausgerufen. Hier liest du die Texte, die es in die Endauswahl geschafft haben
jetzt-redaktion
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Illustration: Julia Schubert


Die letzte Seite des Jubiläumshefts haben wir den jetzt.de-Usern überlassen. In einem Schreibwettbewerb baten wir sie uns folgenede Frage zu beantworten: "Was hast du vom Internet gelernt?" Es ist uns nicht leichtgefallen, aus den vielen eingesendeten Texten einen Gewinner auszuwählen. Ins Heft hat es schließlich die Einsendung von Alf Frommer alias Synthie_und_Roma geschafft. Die anderen Texte, die es in die Endauswahl geschafft haben, liest du hier:

Wohin gehen Sie? Und über Leberwurst
Von glitzerkugel

Es ist so. Ich soll schreiben, was ich vom Internet gelernt hätte. Kurz: nichts. Ich muss mir im Internet alles selbst beibringen. Das mag daran liegen, dass ich nicht zu den hippen Leuten gehöre, die wie selbstverständlich im Internet sind, um dort Dinge gelehrt zu bekommen, sondern zu den altmodischen, die noch ins Internet gehen. Ich gehe also entweder in die Metzgerei oder ins Internet, mache aber nicht beides gleichzeitig, um die Welt über meine Hackfleischbestellung auf dem Laufenden zu halten.

Vor Kurzem also stehe ich in der Metzgerei, bestelle ein Pfund Hackfleisch und neben mir: Connie. Glitzer, trifft mich die Vorhut des Wortschwalls, Glitzer, wie schön, Du hier, das sei ja lange her, sie habe gehört, ja, gerne, von dem Wammerl auch noch ein Stück, ich habe geheiratet. Ob das denn stimme, sie habe dann gleich nachgesehen, auf Facebook, da stehe das aber gar nicht.

Ich würde Facebook doch so etwas nicht verheimlichen! Sie habe ihre ganzen Fotos eingestellt, die Hochzeitsseite verlinkt, das gehöre sich, schließlich habe man ja Freunde, oder, ob mir ihr Kleid gefallen habe. Jedenfalls, Du, Glitzer, die Leberwurscht könne sie mir empfehlen, jedenfalls habe sie mich dann gegoogelt, aber ihr sei eingefallen, dass ich vielleicht nun ganz anders hieße, das Facebook aber auch nicht wisse, Google habe nur seltsame Ergebnisse ausgespuckt, kein einziges treffendes Bild, ich müsse unbedingt über meine Internetpräsenz nachdenken. Das A und O, A! und! O!, gerade heutzutage! Nichts für ungut, sie müsse nun los, BussiBussi, Ciao.

Während ich mein Hackfleisch zahle, sinne ich darüber nach, ob es tatsächlich moralisch verwerflich ist, Facebook Dinge nicht zu erzählen oder gar zu verheimlichen. Natürlich, meine Freunde wissen, dass ich verheiratet bin, dafür sind sie ja Freunde. Ich gehe nach Hause, gehe ins Internet und gehe zu Facebook. Connie hat an meine Pinnwand geschrieben, es sei toll gewesen, mich zu treffen, nicht immer alles verheimlichen, zwinker, ich solle mir die Leberwurscht schmecken lassen, Bussi.

Habe ich schon erwähnt, dass ich Connie kaum kenne? Wir trafen uns auf einer Party, sie wollte mir irgendeinen Link schicken, seither sind wir auf Facebook, ja, befreundet, was anderes kann man dort nicht sein. Jetzt wirft sie mir vor, ich verheimliche ihr, Facebook und dem ganzen Internet mein Leben.

Vielleicht habe ich eine falsche Vorstellung von Internet. Gut, ich weiß – im Gegensatz zu meinen Kollegen – dass man wikipedia nicht anrufen muss, um einen Eintrag zu ändern. Mich erschrecken Mails nicht, in denen Leute mir ein Schiff ab- oder verkaufen wollen, ich überweise nie Geld nach Nigeria, weil ein Onkel im Sterben liegt, schwer krank sehr, helfen Sie mich, oder die Staatslotterie ihre Gelder an mich abtreten möchte, viel Garantie, Ehrlichkeit, ich zählen auf Sie, schnell.

Alle Leute, mit denen ich auf Facebook befreundet bin, kenne ich. Real. Von Nase zu Nase. Deswegen könnte ich ihnen auch erzählen, dass ich heiratete. Dass ich es trotzdem nicht tue, liegt nicht am überproportional großen Anteil Verflossener in der Freundesliste, sondern – ja, woran eigentlich? Nehme ich Facebook vielleicht nicht ernst genug? Habe ich Freunde zweiter, dritter, vierter Klasse? Sind Internetfreunde weniger wert, nur weil ich Ihnen E-Mails schicken muss statt sie zufällig in der Metzgerei zu treffen? Und selbst hier ist man nicht in Sicherheit. Ich mag überhaupt keine Leberwurst. Muss ich das bei Facebook als Interesse angeben?

Und Google? Ist es nicht meine Pflicht, Google darüber zu informieren, wer ich wirklich bin, damit nicht die Connies dieser Welt mich googeln und denken, meine Internetpräsenz würde Leberwurscht mögen.

Ich gehe auf Google, google Connie, lande auf der Hochzeitsseite, sehe die Fotos, lese die romantische Kennenlerngeschichte, die Hochzeitszeitung und alle Achtung, jaja, die Internetpräsenz, unverkennbar: die Connie, die ich gerade beim Hackfleischkaufen traf.    Das Hackfleisch wird am selben Abend zur Lasagne, Leo ist da, ein Freund seit Schulzeiten. Leo verabscheut Facebook und beschwert sich, dass er manche Dinge nicht mehr mitkriege, weil die Leute kaum mehr außerhalb des Internets existierten. Überhaupt scheine es außerhalb des Internets keine lebenswerte Welt mehr zu geben, die Erde drehe sich nur noch ums, nein, nur noch im Internet. Politik und Revolution gebe es anscheinend nur noch via Twitter, geradezu als habe der Mauerfall ohne Tweets nie stattfinden können. Klamotten bestelle man im Internet, Bücher, Kochrezepte. Dabei könne man ganz ohne Internet eine Toplasagne machen, oder, Glitzer.

Ich schweige, dass ich das Rezept von Connies Pinnwand gepflückt habe. Man muss ja nicht nur den Internetfreunden nicht alles erzählen. Auch das habe ich mir selbst beigebracht.



Die digitale Bohème, die Provinz et moi
Von Nadine Lorenz

Ein schlaksiger Typ mit MacBook, gehüllt in einen dezenten Ringelpullover auf Tisch elf. Ich denke an „oh là là" und „très chic", schreibe es auf, kreiere daraus eine Ideenwolke und kritzle sie in mein digitales Moleskine, beantworte eine Mail und twitere die Wolke. Der Geruch von Late macchiato windet sich in meine Nasenlöcher und leckerer Mohnkuchen wird von einer jungen Frau mit fransigen Haaren und Segeltuchschuhen an mir vorbeigetragen. Der Hall ihres Ganges verschwimmt im Mischklang von Kaffeeschlürfen, Musik, die aus iPod-Ohrsteckern summt und Tastaturklackern. Digitale Bohème nennt sich das Beschriebene, spätestens seit 2006 und „Wir nennen es Arbeit" (Heyne) von Sascha Lobo und Holm Friebe. Alter Hut in 2011, denken Sie sich nun. Alles schon mal dagewesen. Was wäre aber, wenn ich Ihnen, werten Lesern, erzähle, dass ich nicht in einem Berliner Café sitze und der Kaffee gegen Bier und der Mohnkuchen gegen Schweinebraten getauscht werden muss, das Ringelshirt und die Sneakers zur bildlichen Vervollständigung gegen Dirndl und Haferlschuhe? Dann ist das immer noch digitale Bohème, würde aber hier keiner sagen. Hier. Auf dem Land. In der bayerischen Provinz.

Kräuter der Provinz
Ich weiß, was Sie jetzt denken: Was will die Tante aus dem Kaff uns erzählen über digitale Bohème und was sie vom Internet gelernt hat, wo sie wahrscheinlich noch nicht mal DSL besitzt? Schön, dass Sie fragen. Alles fing damit an, dass ich zum Beginn meines Studiums 2006 in die Wirklichkeit der Genera on Prak kum eintauchte. Genau zwei Prak ka habe ich durchgestanden. Ich sträubte mich früh gegen das Pimpen des Lebenslaufs, gegen 9to5-­‐Verhältnisse. Ich begann zu schreiben, nicht bei der Lokalzeitung, sondern einem Online-Musikmagazin, konnte damit sogar Geld verdienen und besorgte mir eine Steuernummer. Da wusste ich noch nichts von digitaler Bohème, die Friebe und Lobo als Menschen definieren, die ein selbstbestimmtes Leben führen mit den „Segnungen der Technologie" – kurz selbstständig, kreaitv, digital. Meine kreative Arbeit war Brotjob, nichts weiter. Und wenn Sie nun glauben, der Drang nach selbstständiger freier Arbeit rührt von absinthgeschwängerten Studenten-­Sit-­ins, so täuschen Sie sich. Der Anstoß kam von daheim. Aus der Provinz.

Das „globale" Dorf
In meinem Fall war es die Kleinkunstbühne um die Ecke, die vor 20 Jahren von München aufs Land gezogen ist – und die Künstler sind ihr treu geblieben. Bei Chili con Soja
und Guinness wird nach den Konzerten mit Künstlern und Wirt zusammengesessen, gequatscht, zu Hause verlinkt man sich über Social Networks, hält den Kontakt. Der Wirt animierte mich zum Schreiben. Im Nachhinein würde ich ihn als den ersten digital bohemian bezeichnen, den ich in der Provinz kennenlernte. Er sitzt nicht mit MacBook im Kaffeehaus, auf dem Land spielt die digitale Bohème nach eigenen Regeln.
Die digitale Bohème ist nach Lobo und Friebe ein urbanes Phänomen, weil die Stadt aufgeschlossener gegenüber alterna ven Lebensentwürfen sei. Das heißt eigentlich nur, dass es in den Städten leichter ist. Die digitale Bohème beschränkt sich nicht auf den urbanen Raum, wurde nur in ihm kreiert. Sie hat sich zwar noch nicht wirklich auf dem Land niedergelassen, aber das muss sie auch nicht. Die Voraussetzung für die Entstehung einer Bohème im Allgemeinen ist auf dem Land nicht schlechter als in der Stadt. Nach Julius Bab, der 1904 die Beschaffenheit der Berliner Bohème kurz abriss, braucht es dafür nur einen „geis gen Anlass" und die „materielle Notwendigkeit". Für die digitale Bohème natürlich den Ausbau der Internet-­Infrastruktur. Und dieser schreitet voran. Marshall McLuhans Begriff vom „globalen Dorf" wird Realität.

Provinzhölle – natürlich!
Es ist gern  die Rede von der „Provinzhölle", der ländlichen Enge und da ist auch etwas dran. Diese subjek ve Enge kann begüns gend wirken. Wer kreativ ist, sucht sich Schlupflöcher, schließt sich zu Kollektiven zusammen: Garagenbands, Künstlergruppen, die Raum zum Proben und Abhängen haben, denn die Mieten sind günstig. Sie sind wunderbar vernetzt, flexibel, anspruchsvoll, sie konsumieren, es entsteht ein Markt. So hat das Hamburger Label Audiolith mit seinen Künstlern Bratze, Frittenbude und Egotronic im März 2010 eine Promotiontour in die Provinz gestartet, nannte es „Dorfdisko Geiselfahrt". Das teilweise mangelhafte Angebot an kulturellen Veranstaltungen ist das, was hier positiv wirkt. So sagte Audiolith-­‐Gründer Lars Lewerenz der taz, dass man Kleinstädte noch unsicher machen könne. Anders als in Hamburg, München oder Berlin, wo das Publikum kulturell übersättigt sei. Das ist auch der Grund, warum selbstständige, kreative Arbeit auf dem Land funktionieren kann. Dank Internet und weil man hier nicht einer von vielen ist. Für mich ist es Freiheit 2.0. „Sie können das auch", wäre noch ein schöner, schnulziger Schlusssatz; „Für mehr Bohème auf dem Land!" eine schöne Parole. 


Was das Internet mir über meine Urgroßmutter beigebracht hat
Von Daniela Dreyfürst

Wieso gackern Hühner, aber Spatzen pfeifen? Früher, ja, früher wäre die Lösung des Rätsels ein Abenteuer gewesen. Man hätte sich in den Bus setzen, dann in die Bibliothek gehen müssen, ein Buch finden und eine Antwort zwischen den Seiten herausklauben. Jetzt? Ein paar Tastenanschläge, Klicks, heureka! Die Antwort erhebt sich aus den undurchschaubaren Tiefen des Netzes vor unseren Augen.

Wissen ist da, erreichbar, unmittelbar. Weißnicht-klick-jetztweißich, so klingt der Rhythmus unserer Fragen. Nebenwirkungen von Arzneien, der Liebe, dem Leben, es gibt sie auf Beipackzetteln in allen Sprachen. Als hätte eine höhere Macht uns doch noch eine Gebrauchsanweisung zum Universum geschickt. Steuerung P, ausdrucken, abheften, danke.

Die Wissenschaft glaubt nicht mehr an Schwarmintelligenz. Ich schon. Manchmal ist es gar nicht die erhabene Erkenntnis, die geistreiche Pointe oder der gute Rat aus dem Netz, der uns erhellt. Manchmal ist es einfach nur das Echo. Egal, auf welche Frage man aus der Einsamkeit ruft: „Geht das irgendjemandem auch so?“ Jemand wird antworten. Eine seltene Krankheit, die dich zum Ausgestoßenen macht? Du wirst einen finden, der sie auch hat. Abhängigkeiten, irrationale Entscheidungen, verzweifelte Ratlosigkeit: Irgendjemand wird sie teilen. Plötzlich schlägt die Ungewissheit um, mindestens in eine Ahnung, vielleicht in das Wissen: Ich bin nicht allein. Selbst wenn du ein Mann bist, der gerne strickt, einen Hamster trainiert und Piccolo-Flöte spielt: Du wirst ein Forum finden mit Menschen, die dir ähnlich sind.

Es gibt Manager, die behaupten: Karrieren werden beim Pinkeln gemacht. Auf dem Herren-Klo nämlich, beim Small-Talk. In Holland gibt es jetzt ein Scheidungs-Hotel. Check in and get out of your marriage. Und manche Tierarten halten ihren Partner einen Winter lang fest, um sich im Frühjahr nicht einen neuen suchen zu müssen. Herrgott, nie habe ich so viel gelernt wie zu Zeiten des Internets!

Nur dass dieses widerspenstige Netz keinen Unterschied macht zwischen banal und wichtig, zwischen Schund und Gold, zwischen Hühnern und Staatsoberhäuptern – alles reiht sich aneinander in dem fröhlichen Kosmos zwischen Google, Wikipedia und Facebook. Dass man viel lernt, wovon man doch gar nichts hätte wissen wollen. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, haben unsere Urgroßmütter immer gesagt. Sie hatten Recht. Das habe ich vom Internet gelernt.

Was ich vom Internet gelernt habe
Von zeas   

Der Mensch ist wie er ist und das in vielen Facetten. Dass es viele Meinungen gibt und jeder eine hat, dass Gutes wie Schlechtes im Menschen haust, das der Mensch kreativ und destruktiv sein kann und diese Welt gewiss nicht leichter zu verstehen ist, wenn man sich ihr öffnet, das alles war mir trotz meines noch relativ kurzen Daseins schon etwas länger klar. Auch bevor ich das Internet betreten habe. Oder vielleicht nicht?

Fakt ist, der virtuelle Raum ist nicht nur der viel gepriesene liberale Raum, in dem sich das Gute, das Kreative, das Verbindende und Inspirierende breit macht. Ähnlich einer Stadt gibt es fernab der bunten und mit Laternen ausgeleuchteten Strassen auch die dunklen Ecken. Wer gerissen ist, kann profitieren. Unvorsichtigen, Naiven und den Kitzel-suchenden wird gerne eine Falle gestellt. Raub ist möglich, Ansteckung und Mord leider auch. Daten können verschwinden, Rechner kollabieren. Schon lange kein Spiel mehr, verschwimmen zusehens die Grenzen zwischen Off- und Online. Eine Gesellschaft bewegt sich an der digitalen Grenze. Bürger dieser Stadt, dieses Kontinents, dieses Universums "Internet" sind alle. Ob gewollt oder nicht. Als eigene Präsenz oder nur kleiner Eintrag.

Was hat mich also das Internet gelehrt? Zu erst einmal seine Spielregeln. "Du hast die vermeintliche Freiheit. Gehe deinen Weg, aber stolpere nicht und verliere ja nicht die Orientierung." So ähnlich könnte ein virtueller Fremdenführer den Netz-Neulingen die Bit-Welt erklären. Viel gesehen habe ich. Gutes wie Schlechtes, grenz-überschreitend. Profanes wie Komplexes. Bin ich denn klüger als wie zuvor? Bin ich belehrter? Ja. Sicher. Täglich weiß ich, was passiert und gleichzeitig auch nicht. Ich sehe auf die Schlachtfelder dieser Welt und in die Wohnzimmer fremder Menschen. Sie erklären, was sie fühlen, was sie denken. Es wird erklärt, wie sie Handeln. Ich darf auch noch kommentieren und "mögen". Schließe ich den Browser, dann kehre ich zurück. Ich schließe die Tür zu der krachenden Welt.

Was bleibt dann? Informiertheit, Wissenszuwachs, Selbsterkenntnis? Ja und Nein. Es ist kompliziert und ich bin überfordert, wie ich beflügelt bin. Gelernt habe ich Neues wie Altes. Nimm nicht alles an, was Fremde dir hinhalten und versprechen. Sei eigenverantwortlich und teile dir deine Zeit ein, denn die Internet-Show läuft rund um die Uhr. Auf diesem Hintergrund in und mit dem Internet zu arbeiten ist manchmal ermüdend. Man überführt sich selbst der Zeit-Vergeudung. Zeit ist im virtuellen Raum sowieso ambivalent. Gleichzeitigkeit zwischen Real- und Digitalwelt ist genau so konstitutiv, wie das Phänomen schnell kommender und umso schneller gehender Trends und Hypes. Die Realwelt rennt oftmals hinterher und mit ihr die Menschen. Ob seiner Schnelligkeit vergisst das Internet nichts. Diese Spielregel ist eine Mahnung an die Eigenverantwortlichkeit. Es liegt am Nutzer, es kostet Energie und Zeit.

Will ich das? Ja und Nein. Wie ich Kritiker bin und war, so bin ich auch Mitläufer geworden. Das Internet kann Selbstkritik lehren. Es gibt Autonomie und hilft der Rebellion, es fördert die Verödung und Verrohung. Beides konnte ich an Menschen erleben, fernen wie nahen. Dies ist scheinbar eine weitere Spielregel des Netzes. Geographische wie auch emotionale Distanz wird relativiert. Ich habe Freunde, die ich zuletzt vor Jahren sah, aber täglich in Netzwerken treffe und teilhabe an ihrem Alltag. Wiederum kann ich verhindern, dass Bekanntschaften einschlafen, die ohne das "Werkzeug" Internet so vielleicht nicht lange gehalten hätten. Habe ich vielleicht gelernt was "echte" Freunde ausmacht? Möglich scheint auch, dass ich diejenigen, deren Äußerungen, Bilder, Links und Kommentare ich rund um die Uhr vermittelt bekomme und damit bestens kennen dürfte als meine engsten Vertrauten bezeichnen kann. Vertraut dürfte hier nicht mit vertraulich verwechselt werden, was wiederum einen gewissen Lernprozess voraussetzt. Hier ist sie wieder, die Eigenverantwortung. Was teile ich und mit wem und vor allem wo? Vom Teilen lebt das Internet. Texte, Informationen, letztendlich Daten, sind es deren Übermittlung diesen Raum erst erschafft und die Benutzer profitieren lässt. Profit ist auch so eine Sache. Mit virtuellem lässt sich Geld verdienen, das heutzutage an sich schon eine immer abstrakter werdende Erfindung ist. Geld und Internet sind alltäglich und für das Leben in dieser meinigen Gesellschaft unverzichtbar, zumindest für das Leben das ich momentan führe. Könnte mich das Internet lehren zu verzichten, indem ich erkenne ohne es leben zu können, es besser zu sollen? Das ginge zu weit und so kann ich nur die vielleicht einzige Lehre beherzigen: Pass auf dich auf, sei misstrauisch. Der wichtigste Teil deines Lebens findet offline statt.

Text: jetzt-redaktion - Foto: Bastografie / photocase.com

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