Wenn das Internet der „Information Superhighway" ist, ist das Verkehrszentrum des Deutschen Museums in München vielleicht ein guter Ort, um zu verstehen, was die Datenautobahn gerade mit unserem Leben macht. Dort stehen Züge, Busse und Motorräder, die zwar alle nicht mehr fahren, aber dennoch viele Besucher bewegen – in eine Zeit, die noch gar nicht so lange vergangen ist. Das Muster eines alten S-Bahn-Sitzes oder ein Aufkleber über der U-Bahn-Tür wecken Erinnerungen, und plötzlich fühlt man sich wie ein Tourist, zu Besuch in der eigenen Vergangenheit.

Wenn man sich ein Verkehrsmuseum für die Datenautobahn vorstellt (der Webdesigner Jim Boulton hat unlängst in New York Webseiten aus der Frühphase des Internets ausgestellt), fällt zunächst auf: Die Mobiltelefone, Computer und Musikplayer, die dort präsentiert würden, sind alle viel jünger als die U-Bahnen aus dem Münchner Olympiasommer 1972. Dennoch gilt auch für sie: Sie waren allesamt mal irre modern, scheinen aber jetzt aus der Zeit gefallen zu sein. Das Tempo der Veränderungen hat rapide zugenommen. Die Zeitspanne, die wir als alltägliche Gegenwart empfinden, scheint stetig kürzer zu werden. Ein S-Bahn-Waggon ist vielleicht Jahrzehnte im Einsatz, ein Handymodell überdauert nicht mal die Laufzeit des Telefonvertrags, und eine Website verliert schon nach wenigen Monaten ihren Charme. Obwohl das Jetzt selten so dominant und präsent war wie heute, in einer auf Aktualität und Live-Erlebnisse fixierten Medienrealität, scheint es gleichzeitig extrem flüchtig geworden zu sein. Kein Medium zuvor ist der Gegenwart so zu Leibe gerückt wie das Internet. Es dauert nur einen Wimpernschlag, bis die als Twitter-Statusmeldung geschriebene Antwort auf die Frage „Was gibt's Neues?" den Zeitstempel „gerade eben" bekommt und somit als vergangen einsortiert wird.

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Beschleunigend tritt die als Zuckerberg'sches Gesetz bezeichnete Beobachtung von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hinzu, dass sich die Menge der von Nutzern im Netz verbreiteten Inhalte jedes Jahr verdoppelt. Was das genau bedeutet, erläutert der Google-Verantwortliche Eric Schmidt in einem Vergleich: Hätte man alle menschliche Kommunikation seit Anbeginn der Menschheit bis zum Jahr 2003 aufgezeichnet, hätte man dafür Datenträger mit fünf Milliarden Gigabyte Speicherplatz gebraucht. Diese Datenmenge wird im Jahr 2011, in Zeiten digitaler Kommunikation, innerhalb von zwei Tagen produziert. Täglich werden 900 000 Blogeinträge veröffentlicht,
50 Millionen Tweets auf Twitter und 60 Millionen Statuszeilen auf Facebook geschrieben. All diese Beschreibungen formen die Gegenwart, sie dokumentieren und bewerten die Echtzeit. Vergangenheit und Zukunft verlieren so – schon rein sprachlich – an Bedeutung.

Viele erleben die Beschleunigung der Datenautobahn deshalb wie einen Beinahe-Crash im ganz realen Straßenverkehr. Ein Radfahrer fährt mit hoher Geschwindigkeit auf dem Radweg, von rechts kommt ein Auto. Es ist eine heikle Situation, und wir sind Beteiligte und Beobachter in einem. Kommt es tatsächlich zu einem Unfall? Einen Moment lang scheint sich das Geschehen zu verlangsamen. Das Jetzt dehnt sich. Alles scheint möglich.
In genau diesem Moment befinden wir uns gerade – wenn wir von der Digitalisierung und ihren Folgen sprechen. Wir sind im Jetzt, im in Superzeitlupe gedehnten Moment. Es ist eine Situation eingetreten, in der wir reagieren müssten. Bremsen? Ausweichen? Schneller werden? Doch statt eine Antwort darauf zu suchen, sind wir Beobachter der Szene, die die Veränderungen von außen betrachten – wie ein Zuschauer im Film. Das Internet verändert unseren Alltag, das steht fest. Aber verändert es auch uns? Verdrängt es tatsächlich das Papier? Haben wir bald keine PCs mehr zu Hause stehen?

Wir wissen nicht genau, welche Produkte in den kommenden Jahren im Verkehrsmuseum der Datenautobahn gezeigt werden. Es könnte der PC sein. Immerhin kann man heute schon recht kluge Texte zum Beispiel über die Post-PC-Ära lesen und über den Aufstieg der mobilen Netznutzung, deren Endgeräte den klassischen Computer ersetzen werden. Viele versuchen Antworten darauf zu finden, was die Digitalisierung mit uns macht. Auf der einen Seite stehen dabei die etablierten (und deshalb beharrenden) Vergangenheitsfreunde, die vom Früher wie von einem Gelobten Land sprechen und überall Gefahren erkennen. Auf der an­­deren Seite stehen die Zukunftseuphoriker, die jedem Trend Aufmerksamkeit und Begeisterung schenken. Sie glauben, dass die Digitalisierung alles verändern wird. Vielleicht hat jede Gegenwart zu ihrer Zeit ein ähnliches Szenario erlebt. Doch ganz sicher war die Wucht der Veränderung selten so stark wie derzeit. Wir wissen nicht, ob das Internet Fluch oder Segen sein wird – für uns, für dieses Land, für die ganze Gesellschaft. Wir wissen nur: Es ist da, es ist unverzichtbarer Bestandteil des Alltags.

Diese Ungewissheit in Superzeitlupe kann man beklagen oder als Realität annehmen und zu gestalten versuchen. Auf jetzt.de, der jungen Website der Süddeutschen Zeitung, haben wir vor einer Weile die Rubrik „jetzt-Momente" eingeführt. Nutzer und Redakteure halten gemeinsam fest, was sie aus dem rauschenden Internetstrom fischen und was sie bewahren möchten. Diese Links, Videos, aber auch Beobachtungen aus dem Alltag stehen für eine neue Art des gemeinsamen Journalismus, der bei jetzt.de seit mehr als zehn Jahren praktiziert wird (im nicht immer einfachen Dialog zwischen Nutzern und Mitarbeitern der Seite). Dies scheint uns, der jetzt.de-Redaktion, die wichtigste Herausforderung für gegenwärtigen und glaubwürdigen Journalismus in Zeiten der Beschleunigung zu sein: die Geschwindigkeit und den Gesprächsbedarf des Netzes zu akzeptieren und zu gestalten.

Wir machen Journalismus im Jetzt, im gedehnten Moment. Wir wollen mitgestalten, was nach dem gedehnten Moment kommen wird. Denn schneller, als uns lieb ist, wird die Zeit vorbei sein, in der wir wirklich noch aktiv Einfluss nehmen können, was aus diesem Jetzt wird. Wir sollten endlich bestimmen, was das Netz für uns bedeuten soll. Jetzt. 


Text: dirk-vongehlen - Foto: Uwe Jens Bermeitinger