Das Ding der Woche: Mixtape Meals

In San Francisco isst man sein Essen jetzt nur noch in Kombination mit dem passenden Song
mercedes-lauenstein

Essen ist eigentlich eine zeitlose Angelegenheit. Trotzdem reden in den letzten Jahren alle darüber, als hätten sie die kulinarische Vielfalt gerade erst entdeckt. Foodblogs sprießen wie Pilzkulturen und auf Facebook sind Essensposts ein todsicherer Garant für Likes in Rekordhöhe. Im Freundeskreis trifft man sich immer öfter zum gemeinsamen Kochen und seit einigen Jahren sind sogenannte „Secret Dinner"-Events das ultimative Ding aller Food Porn-Fans: Jemand kocht bei sich zu Hause oder in einer anderen runtergerockten Privatlocation ein hochklassiges Gängemenü, lädt per E-Mail Verteiler oder Blogpost alle seine Freunde und Freundesfreunde ein. Wer interessiert ist, meldet sich verbindlich an und zahlt einen vom Veranstalter fair errechneten Pauschalpreis für das Menü.

Den nächsten logischen Schritt in Sachen essenstechnischer Ausgefuchstheit machen jetzt offenbar Köche und Musikfans wie Blair Warsham aus der San Francisco Bay Area. Sein Projekt „Covers" bietet perfekt auf „Secret Dinner"-Menüabfolgen abgestimmte Mixtapes. Syd Barrets „Octopus" zu Tintenfisch, Bob Dylan zu gut abgehangenem Rind und Iron and Wine zu Brathähnchen und Kartoffeln. Dawson Ludwig, Marketing Chef des Noise Art Music Festival und Sponsor des „Covers"-Projekts findet offensichtlich, dass der Beruf des Kochens wie die Faust aufs Auge zum Beruf des Musikers passt. „Kochen ist Punk, mit all dem Fluchen, dem bis vier Uhr morgens wach sein, den Drogen und so weiter", sagte er kürzlich der New York Times. Die beiden Komponenten gehören seiner Meinung nach zusammen wie Erdnussbutter und Schokolade – sie sorgen für eine vollendete Befriedigung der Sinne.

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Illustration: Julia Schubert



Tatsächlich gaben in letzter Zeit immer öfter Musiker Interviews über ihre Essensvorlieben, der amerikanische Singer/Songwriter M.Ward bloggt über Crème Brulée und das wahrscheinlich anschaulichste Beispiel über die Verschmelzung von Essen und Musik ist das Blog „Turntable Kitchen". Darin fachsimplen die ebenfalls aus San Francisco stammenden Autoren Matthew und Kasey Hickey abwechselnd über Musik und Kochkünste. In regelmäßiger Abfolge komponieren sie den perfekten Soundtrack zu ihren Menüs. „Ich will ja nicht behaupten, dass es eine Sache unserer Generation ist, aber scheinbar sind derzeit massenhaft Leute gleichermaßen an Essen und an Musik interessiert", sagte Matt Hickey ebenfalls der New York Times.

Die San Francisco News Plattform „The Bay Citizen" hat es sich im Zuge des neuen Trends gleich mal zur Aufgabe gemacht, in der Bay Area verschiedene Köche und Musiker nach ihren konkreten Kompositionsfavoriten zu fragen. Herausgekommen ist tatsächlich ein ziemlich charmanter Mix von gutem Essen, längst vergessenen, nie gekannten und völlig neuen Songs. Das ist nicht nur gut, um mal wieder auf neue Musik zu kommen, es macht tatsächlich auch doppelt Appetit. Und der ist plötzlich keine reine Fresslust mehr, sondern ein angenehmer, fast ein bisschen poetischer Hunger. Ein mit behutsam ausgewählter Musik unterlegtes Gericht kitzelt an der „Es müsste immer Musik da sein"-Sehnsucht, das eigene Leben endlich einmal so berauschend zu erleben wie einen guten Film.

Jetzt ist es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die berühmt-berüchtigten Kochbattlesendungen im Fernsehen diese kleine Romantik für sich beanspruchen und nicht mehr nur das Menü und die Tischdeko die Qualität des Abends bestimmen, sondern auch eine ausgefeilte Playlist. 

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