Das „Fuck Positive“-Shirt

Wer HIV hat, wird oft ausgegrenzt. Das will eine Kampagne der Schweizer Aidshilfe ändern. Als Zeichen für Toleranz steht ein T-Shirt der Kampagne, das man immer öfter auf Schweizer Straßen sieht.
dorothea-wagner

Wer den Blog fuckpositive.ch öffnet, sieht Bilder von Männern beim Sex, Formulierungen in einer Sprache, die stilistisch an "50 Shades of Grey" erinnert, und Selfies von Menschen, die ein T-Shirt mit der Aufschrift  "Fuck Positive" tragen. Hinter der Seite steckt die Schweizer Aidshilfe, die mit der Kampagne provozieren und damit das Thema HIV stäker ins Gespräch bringen möchte. Denn obwohl nach den Zahlen der Aidshilfe jeder zehnte männliche Homosexuelle in der Schweiz HIV-positiv ist, wird in der Szene nicht offen über das Thema gesprochen.

Die Kernbotschaft der Aktion: HIV-Positive sollen weniger Ausgrenzung erfahren und ihre Erkrankung kein Tabuthema mehr sein. Denn selbst im engen Bekanntenkreis fürchten viele Infizierte, diskriminiert und ausgegrenzt zu werden: „Viele HIV-Positive sagen nichts über ihre Krankheit, um keine Zurückweisung zu erfahren“, sagt Harry Witzthum von der Schweizer Aids-Hilfe. Deswegen wirbt die Kampagne dafür, dass Freundschaft und Kontakt mit HIV-Infizierten nichts Negatives sei. Egal, ob man zusammen tanzt, aus einem Glas trinkt oder - in Schweizer Tradition - gemeinsam ein Fondue verspeist.

Ein Statement gegen Ausgrenzung - das "Fuck Positive"-T-Shirt der Schweizer Aidshilfe.

Damit die Kampagne unter jungen Männern thematisiert wird, verschenkt die Schweizer Aids-Hilfe auf dem Blog auch die "Fuck positiv"-T-Shirts, bis jetzt wurden 350 Stück bestellt. Mehr Aufmerksamkeit auf HIV zu lenken, hat die Aktion durch die provokanten Aufmachung auf jeden Fall erreicht.  „Vor allem in der Szene kam sie sehr gut an, weil die Leute sie so innovativ fanden“, sagt Witzthum. Aber besonders eine Aussage auf der Website der Kampagne sorgte in den Schweizer Medien für einen Sturm der Entrüstung: Unter Umständen sei es auch möglich, mit einem HIV-positiven Mann ohne Kondom Sex zu haben.

Dabei übersahen die Schweizer Journalisten die vielen Einschränkungen, die auf dem Blog selbst genannt werden: Sex ohne Kondom mit einem HIV-Positiven sei nur sicher, wenn die medizinische Therapie anschlägt, also über einen Zeitraum von sechs Monaten keine Viren mehr im Blut nachgewiesen werden können, die Wirkung der Therapie weiterhin regelmäßig von einem Arzt kontrolliert wird und die Partner nicht mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten infiziert sind. „Dann geht das Risiko einer Ansteckung gegen Null“, sagt Harry Witzthum. In allen anderen Fällen, besonders außerhalb von festen Partnerschaften, sollen die Leute aber weiterhin unbedingt zum Kondom greifen.

Obwohl gerade die Aussagen über die Möglichkeiten von ungeschütztem Sex durch die Medien geisterten, sind sie medizinisch erwiesen und keine Neuigkeit, bestätigt auch die Deutsche Aids-Hilfe. Doch besteht nicht die Gefahr, dass Menschen durch solche Aussagen das Risiko von HIV unterschätzen? Vor allem diejenigen, die sich nur oberflächlich mit der Thematik auseinandersetzen und die vielen genannten Rahmenbedingungen übersehen? „Genau deswegen ist es eine Herausforderung, wie wir die Botschaft platzieren“, sagt Harry Witzthum.

Deswegen weist „Fuck Positive“ auch mit Nachdruck auf die größte Gefahr hin: Menschen, die noch gar nicht wissen, dass sie mit HIV infiziert sind und ungeschützten Sex haben. Denn in den ersten drei Monaten nach der Ansteckung ist das Virus besonders aktiv, die Gefahr für den Sexualpartner umso größer. In diesen Fällen hilft auch nicht das offene Gespräch oder ein T-Shirt, sondern nur noch das Kondom.


Text: dorothea-wagner - Foto: Walter Pfeiffer/fuckpositive.ch

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