Der China-Böller

Den China-Böller darf man nur drei Tage im Jahr kaufen und nur für dreizehn Stunden benutzen. Ein vergänglicher Gegenstand der Woche.
michael-mettke
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Illustration: Julia Schubert

Der China-Böller ist der Hundehaufen des Silvesterfestes. Ständig muss man darauf aufpassen, dass einem so ein Ding nicht unter die Füße kommt. Trotzdem versetzen die lauten Kracher zumeist den männlichen Teil der Feiergemeinde jedes Jahr erneut in Euphorie. Das liegt einerseits am Reiz der Gefahr, andererseits an der mangelnden Verfügbarkeit. Laut Gesetz darf Feuerwerk der Klasse II nur einmal im Jahr benutzt werden. Von sechs Uhr am Silvesterabend bis sieben Uhr früh des nächsten Tages. Zu kaufen gibt es die Knaller erst drei Werktage vor Silvester und dann ein ganzes Jahr lang nicht mehr. Der Kitzel geht aber sicherlich auch vom charakteristischen Aussehen des China-Böllers aus. Er erinnert in seiner zylindrischen Form stark an die Dynamitstangen in Tom & Jerry- Filmen. Pappröhren und meist rotes, manchmal weißes Papier ummanteln das Knallpulver, welches wiederum mit einer Zündschnur verbunden ist. Beim Anzünden der Schnur, brennt das Pulver ab und lässt einen starken Druck im Inneren des Böllers entstehen, der ihn schließlich zum Platzen bringt. Der laute Knall ist Ergebnis der Druckentlastung beim Zerplatzen der Papphülle. Je dicker die Hülle, desto höher ist die Druckentlastung und umso lauter ist der Knall. So ist der China- Böller der Klasse D (mittelgroß und dick), um ein vielfaches lauter als der Böller der Klasse A (klein). Der größte und lauteste in Deutschland erhältliche China-Böller ist der Superböller B, der auch unter dem Namen Superböller 2 bekannt ist. Aber nicht nur Sound und Design haben den China-Böller zum charismatischen Bestandteil des Amateurfeuerwerks gemacht, sondern auch sein Name. Dieser leitet sich vom roten Papier ab, das beim klassischen China-Böller die Pappröhre ummantelt. Die rote Farbe und der laute Knall, dienen in der chinesischen Mythologie zur Vertreibung böser Geister, allen voran der Bestie Nian. Der Legende nach, erwacht das Monster jährlich zum Neujahrsfest aus seinem Tiefschlaf und zieht hungrig von den Bergen in die Dörfer, um Tiere und Menschen zu fressen. Eine berühmte Sage erzählt die Geschichte eines alten Mannes, dem es gelang sein Dorf vor dem Monster zu schützen, indem er rotes Papier an die Haustür klebte und die Bestie mit einem lauten Knall erschreckte. Deshalb sind nach chinesischer Tradition die Feuerkracher rot, damit sich die roten Papierfetzen nach der Explosion in alle Richtungen verteilen können. Damit ist zwar das Jahresmonster vertrieben, das Nachsehen hat dafür die Straßenreinigung. Die müssen die Papierfetzen nämlich wieder aufsammeln.

Text: michael-mettke - Illustration: katharina-bitzl

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