Die Brille ohne Glas

Auf japanischen Modeblogs tauchen immer öfter Mädchen mit Riesenbrillen ohne Gläser auf. Was soll denn das?
philipp-mattheis

Eine Brille ohne Gläser ist wie eine Armbanduhr, die die Zeit nicht anzeigt, ist wie ein Schuh, mit dem man nicht laufen kann, ist wie ein Handy, mit dem man nicht telefonieren kann. Menschen, die solche Dinge trotzdem tragen, halten wir im besten Fall für mental leicht derangierte Anderslinge, im schlimmsten Fall für affektierte Modeopfer.

Echte Männer tragen Kleidung, die funktioniert: Cargohosen wegen der vielen Taschen, T-Shirts, weil sie bequem sind und Trainingsjacken, weil sie wasserdicht sind. Frauen und Homosexuellen wird etwas mehr an Verspieltheit zugestanden. Aber auch hier vermuten wir hinter zu großen Hüten, zu engen Jeans und zu abgefuckten Jutetaschen schnell den kostümierten Fatzke. Das mag typisch deutsch sein, ist aber letztlich das Dogma der gesamten westlichen Modewelt. Brach auch der Hipster in den letzten Jahren dieses Dogma ein wenig auf – letztlich gilt: Mode muss minimal sein, nützlich, schlicht und elegant.

In der westlichen Welt ist es deswegen schwer vorstellbar, gigantische Brillen ohne Gläser zu tragen. In Japan ist das aber seit einiger Zeit ziemlich angesagt. Auf japanischen Modeblogs tauchen immer öfter sehr zierliche Mädchen mit sehr großen Brillen auf. Die Brillen sind glaslos, also vollkommen ihrer Funktion beraubt.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Hinzu kommt, dass in Japan sehr vielen Menschen kurzsichtig sind (jeder dritte Erwachsene). Viele der Brillenträgerinnen tragen also Kontaktlinsen und setzen anschließend eine glaslose Brille auf. Ist das nicht dasselbe, wie sich eine Glatze zu rasieren, um anschließend eine Perücke aufzusetzen, also irgendwie komplett sinnbefreit? Das Magazin Neojaponisme berichtet, dass dieser Trend selbst japanischen Fashion-Insidern Rätsel aufgibt. „Es gilt als normal, die Linsen aus den Brillen zu entfernen.“

Eine Erklärung für das Phänomen könnte Michael Jacksons Musikvideo „Bad“ aus dem Jahr 1987 liefern. Darin taucht ein Typ mit einer ebensolcher Brille auf. Gefragt, warum er diese trage, antworte er, die Gläser würden zu stark reflektieren, wenn ihn die Paparazzi fotografieren. Kurzsichtige japanische Mädchen werden zwar nicht so oft von Fotografen verfolgt, tragen aber häufig Kontaktlinsen, die die Lichtverwirrung mit Brille noch steigern können – also, raus mit den Gläsern. Das wäre eine praktische Erklärung.

Neojaponisme aber weist auf etwas anderes hin: Im Gegensatz zur westlichen Modewelt geht es in der japanischen nicht darum, zufällig gerade eben mal extrem gut auszusehen. „The fundamental philosophy here“, schreibt der Autor über das westliche Modediktum, „is that (1) the individual is naturally blessed with excellent taste and that (2) the individual is not trying to look fashionable because trying to look fashionable is not cool.“ In Japan wird Mode dagegen als Kostümierung verstanden. Modisch ist, wer modisch sein will. Japanischen Teenagern gehe es darum, so verrückte Sachen wie möglich zu tragen, bevor die triste Erwachsenenwelt beginne. Und dazu zählen auch riesengroße Brillen ohne Fenster.

Text: philipp-mattheis - Foto: www.tokyofashion.com

  • teilen
  • schließen