Die fröhliche kleine Vulva

Ein Computerspiel soll Frauen zeigen, wie sie am besten masturbieren, und gleichzeitig das Thema Selbstbefriedigung enttabuisieren. "HappyPlayTime" ist ein Beispiel für zu gut gemeinte "Serious Games", die das Gegenteil von dem erreichen, was sie wollen.
nadja-schlueter

Dieses Computerspiel ist rosa. Alles daran. Die Schrift, die Grafik, ja sogar die Sprache ist rosa. Die Protagonistin natürlich auch. Sie heißt „Happy“, hat einen herzförmigen Mund und springt fröhlich auf und ab. Happy ist aber kein rosafarbenes Mädchen oder ein rosafarbenes Tier. Sie ist: eine Vulva.  

Gemeinsam mit Happy sollen Mädchen und Frauen lernen, wie sie richtig masturbieren. „Richtig“ meint in diesem Falle wohl einfach „so, dass es sich gut anfühlt“. Dafür umkreisen sie im Spiel “HappyPlayTime“ zum Beispiel mit der Maus den Teil von Happy, der die Klitoris darstellt. Das klingt genauso seltsam wie es auf den ersten Screenshots, die es von dem noch nicht fertig gestellten Spiel (für das sich Interessierte zur Alpha-Phase anmelden können) aussieht. Die Designerin Tina Gong hat es erfunden. Ihr Ziel: Über weibliche Masturbation aufklären und diese enttabuisieren. „Wie sollst du Lust mit jemandem austauschen können, wenn du nicht weißt, was dein eigener Körper mag?“, heißt es auf der HappyPlayTime-Webseite, „darum sind Masturbation und das Lernen von Masturbation so eine fundamentale Lebenslektion.“ Leider gebe es für viele Frauen ein „kulturelles Stigma“, das die Selbstbefriedigung blockiere. Das Spiel soll dabei helfen, das zu ändern.  

Das Masturbations-Spiel "HappyPlayTime" ist noch nicht fertig, aber es gibt schon erste Screenshots der aktuellen Entwicklungstufe.

Obwohl „HappyPlayTime“ wohl auch ein bisschen lustig gemeint ist (eine Figur wie „Happy“ kann niemand wirklich ernst meinen), kann man es zum Genre der „Serious Games“ zählen. Das sind Spiele, bei denen man gleichzeitig etwas lernen soll, aber angeblich viel motivierter ist als beim normalen Lernvorgang, weil man Aufgaben erfüllen, Rätsel lösen und Punkte sammeln muss, die den eigenen Fortschritt ganz konkret zeigen. Serious Games sind seit einiger Zeit ziemlich beliebt und es gibt sie für fast alles. Bei „Amnesty the Game“ kann man Menschenleben retten und für Gerechtigkeit kämpfen, bei „Re-Mission“ den Krebs erschießen und bei „X-Plane“ das Fliegen üben. Wie viel solche Spiele bringen, darüber wird diskutiert. In einem Artikel der „Zeit“ über Serious Games sagte der Spieleexperte Michael Wagner, die Spielidentität sei abgespalten von der realen. Darum sei es sehr schwer, im Spiel erworbenes Wissen auf das Leben zu übertragen. Er hält den Serious Games aber immerhin zugute, dass sie „die Wissenskonstruktion als solche“ trainieren, man also lerne, zu lernen. Manche als Serious Games getarnte Spiele sind aber auch einfach nur unsinnig. Auf der Seite von „Germany’s Next Topmodel“ konnte man zum Beispiel als Vorbereitung auf das Modelleben in einem Spiel üben, über den Catwalk zu laufen, ohne runterzufallen, oder sich möglichst schnell umzustylen.  

Das Ziel von „HappyPlayTime“ (Aufklären, Enttabuisieren) klingt eigentlich lobenswert. Die Webseite zum Spiel versammelt Statistiken zu weiblicher Masturbation: In welchem Alter Frauen sich am häufigsten selbst befriedigen, in welchem Alter sie damit anfangen, wie oft in der Woche, im Monat oder im Jahr sie masturbieren. Tina Gong meint es gut, aber sie wird ihr Ziel vermutlich nicht erreichen. Man kann am Computer kaum lernen, sich selbst zu befriedigen. Immerhin geht es hierbei ja um eine sehr individuelle Sache. Für jeden fühlt sich etwas anderes gut an und was, das findet man sicher nicht heraus, indem man am Bildschirm mit der Maus auf einer Comicfigur herumkreist. Aber auch die Idee, mit dem Spiel Aufmerksamkeit auf ein Tabu zu lenken und es zu durchbrechen, hat ihre Tücken.  

Auf dem Computerspiel-Blog Kotaku schreibt die Autorin Patricia Hernandez, dass über weibliche Sexualität zu lachen (wozu das Spiel ja eindeutig einlädt) sie abwerte. Und auch die Statistiken, die zum Vergleich anregen, sieht sie kritisch – denn was sei denn eigentlich ein „normales Maß an Masturbation“? Die Game-Entwicklerin mit dem Künstlernamen Auntie Pixelante ist ebenfalls nicht überzeugt von „HappyPlayTime“. Die von ihr (wie auch von Hernandez und auf der Games-Seite gamification.co) kritisierte  Überschrift einer der Statistiken, “46.6% of women masturbate less than once a month every year. Gals, you can do better!”, ist zwar mittlerweile wieder von der Seite des Spiels verschwunden – die Erfinderin hat eingesehen, dass Masturbation kein Wettkampf ist und niemand dazu gezwungen werden sollte. Der Kritikpunkt bleibt aber trotzdem aktuell: „Unsere Gesellschaft“, schreibt Auntie Pixelante, „gameifiziert Sexualität sowieso schon und sorgt für absurde Erwartungen an uns und unsere Körper. (...) Die Scham wird definitiv nicht überwunden, indem man Frauen für das verurteilt, was sie nicht mit ihrem Körper tun.“  

Worin alle Kritiker sich einig sind: Masturbation wird oft stigmatisiert - ein rosafarbenes Spiel ist aber nicht der richtige Weg, das zu ändern. Genauso wie auch „Amnesty the Game“ niemandem beibringen kann, wie man politische Häftlinge vor der Todesstrafe rettet, kann „HappyPlayTime“ niemandem beibringen, wie man masturbiert. Aber während das Amnesty-Spiel immerhin darauf aufmerksam machen kann, dass es politische Häftlinge gibt, könnte der Wunsch von „HappyPlayTime“, Masturbation zu enttabuisieren, nach hinten losgehen. Am Ende werden wie beim „Germany’s Next Topmodel“-Spiel irgendwelche absurden Vorstellungen davon reproduziert, wie man bitte sein soll. Also vielleicht doch lieber weiterhin trockene, seriöse Aufklärung statt Serious Games.

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