Zettels Traum

In Frankreich wurde die Fenster-Klebkunst erfunden, für die man nichts braucht als einen gut gefüllten Schrank mit Büromaterial
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert


Langeweile ist seit jeher ein guter Nährboden für Kreativität. In Paris, das im Hochsommer traditionell entvölkert ist, weil viele große Unternehmen vier bis sechs Wochen dicht machen, entdeckten ein paar verbliebene Bürohaus-Besatzungen jetzt aus Langeweile gleich eine neue Kunstform: Post-It-Fassadenschmuck.

So geht's:
http://www.youtube.com/watch?v=Kzu5GvNMRYo&feature=related

Dabei wurden am Anfang angeblich von Mitarbeitern der Computerspielfirma Ubisoft in bester Nerdlaune ein paar Space-Invaders-Figuren an die Fenster der Büros geklebt. Prompt antwortete bald darauf die gegenüberliegende BNP-Paribas-Bank mit einem Raumschiff – schon war das Sommerloch zugepappt. Passanten fotografierten die Fensterbilder, Blogs hatten was Neues zu bloggen und in wenigen Tagen waren an vielen Fenstern im ganzen Land tausende Post-It-Zettel zweckentfremdet zu Comicfiguren, Botschaften oder ganzen stockwerkübergreifenden Gemälden. Überwiegende Farbetöne sind dabei naturgemäß jenes charakteristisch blasse Post-It-Gelb und die anstrengenden Signalfarben Pink und Neongrün. Die Zettel-Fabrikanten jedenfalls dürfte es freuen, dass ihr eigentlich schon ziemlich olles Produkt noch mal einen Hype auslöst - und zwar einen mit hohem Zettelverschleiß.

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Illustration: Julia Schubert


Sammelpunkt der Zettelkleber ist die Seite Post'It War auf der die Werke katalogisiert werden und die weiterhin zum „Nachbarschaftskrieg“ via Fensterbild aufruft – dürfte nicht mehr lange dauern bis hippe Agenturen auf der ganzen Welt die Belegschaft zum mitmachen auffordern: Kollegen, kleiner Kreativitätsbeweis auf höchstem Niveau, bitte!

Es erinnert ein bisschen an die Lip-Dub-Welle, die vor drei Jahren durch die Büros zwischen Stockholm und New York schwappte und zu einer Vielzahl an nur bisweilen sehenswerten Clips führte. Im Falle der bunten Klebezettel steht eine Klärung aus: Noch Bürohumor oder schon Street Art? Und zählt als Street Art auch noch ein Homer-Simpson-Kopf im fünften Stock der sich problemlos wieder entfernen lässt? Zum Beispiel, wenn die Kunden kommen. Oder der Chef aus den Sommerurlaub.

Text: max-scharnigg - Fotos: postitwar.com

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