"Ding" der Woche

Der Phallus ist in Russland zur Kriegswaffe geworden. Putin-Kritiker und -Fans setzen sie inzwischen gleichermaßen ein. Versuch einer Chronologie.
charlotte-haunhorst

Wir versuchen mal kurz, uns das vorzustellen: Eine Frau will morgens mit dem Auto zur Arbeit fahren, aber es geht nicht. Nein, nicht wegen Glatteis, einer Parkkralle oder weil sie aus Versehen Diesel statt Super getankt hat. Auf ihrem BMW ist stattdessen ein gut 100 Kilo schwerer, aus einem Stück geschnitzter, erigierter Holzpenis festgeschnallt. Hoden und detaillierte Adern-Nachbildung inklusive.  

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Illustration: Julia Schubert

Was wie ein ziemlich aufwendiger, aber deshalb nicht weniger pubertärer Scherz klingt, ist der vorläufige Höhepunkt eines penisgewordenen Konflikts in Russland. Der Phallus ist nicht mehr nur der verschämte Witz im Heft des Banknachbarn - er ist eine Kriegswaffe geworden.

Angefangen hat diese Transformation des Penis’ vermutlich im Jahr 2008. Damals wurde eine Rede des prominenten Putin-Kritikers und ehemalige Schachweltmeisters Gary Kasparov von einem seltsamen Flugobjekt gestört, das sich nach kurzer Irritation als ferngesteuerter Flug-Penis erwies. Ein Sicherheitsbeamter konnte den Propeller-Phallus schnell runterholen, das junge "Pro-Kremlin-Movement" rühmte sich danach dieser Provokation. Kasparov kommentierte den Vorfall nur mit einem „Wir sollten der Gegenseite danken – nun wissen wir, auf was für ein Diskussionsniveau wir uns einstellen müssen. Augenscheinlich kommen die meiste ihrer Argumente von unterhalb der Gürtellinie.“ Danach redete er weiter, als sei nichts gewesen.

Interessanterweise ließen sich zwei Jahre später die Putin-Kritiker selber auf eben dieses Diskussionsniveau herab - zugegebenermaßen aber ebenfalls sehr lustig. Damals malte die Künstlergruppe „Woina &” einen 65 Mal 27 Meter großen Phallus auf eine Moskauer Zugbrücke, die gerade im Inbegriff war hochgezogen zu werden. 23 Sekunden brauchte die Gruppe für die Penismalerei - als die Polizei kapierte, was da vor sich ging, zeigte der Penis bereits auf das Gebäude des KGB – der früheren Arbeitsstätte von Wladimir Putin. „Woina&” bedeutet übersetzt passenderweise „Krieg&” – und dieser war somit zwischen Putin-Freunden und –Feinden offiziell erklärt.

Was folgte, war ein Kampf zwischen der Putin-Opposition auf der einen Seite, die mit ihren Aktionen nicht weniger als mehrere Jahre sibirisches Arbeitslager riskierte und einem martialischem Präsidenten auf der anderen. Dieser inszeniert sich gerne als ganzer Kerl: Fotos mit nacktem Oberkörper beim Ausritt und gleichzeitig homosexuelle "Propaganda" unter dem fadenscheinigen Deckmantel des Jugenschutzes verbieten. Das Erotikmuseum in St. Petersburg ließ er schließen, nachdem dort ein Bild in den schillerndsten Farben zeigte, was beim Präsidenten wohl in der Hose zu erwarten sei (ein rot-grüner Doppelpenis, um genau zu sein). Kein Wunder, dass in Anbetracht von so viel Machogehabe die zeitweise inhaftierte Punk-Band Pussy Riot als erstes in einem Video forderte, Putin den Schwanz abzuschneiden. Niemand kam der Aufforderung nach, woraufhin ein weiterer Künstler noch als Protest gegen die russische Polizei seine Hoden auf dem roten Platz festtackerte.

 

Und ein Twitter-Account machte Karriere: Unter @KermlinRussia verbreiteten die beiden Künstler Katya Romanovskaya und Arseny Bobrovsky seit 2010 regierungskritische Sprüche. Zunächst anonym, später dann als "Kremlins", eine satirische Anspielung auf die Mitarbeiter des Kreml und die kleinen Horrormonster aus dem Film "Gremlins". Aufgrund seiner ähnlichen Schreibweise wurde der Account oftmals mit offiziellen Kreml-Account (@KremlinRussia) verwechselt, bis der damalige russische Präsident Medvedev den offiziellen Account in @MedvedevRussia umbennnen ließ.

 

Eben jenes kritische Künstlerduo durfte nun den eingangs erwähnten Holz-Riesenpenis auf ihrem Auto vorfinden. Die Message dahinter ist klar: Putin hat hier immer noch den Längsten. Romanovskaya und Bobrovsky taten daraufhin das einzige, was ihnen in der Lage übrig blieb: Sie holten einen Abschleppwagen. Ein Passant hatte ihnen da bereits angeboten, den Penis zu kaufen: "Er sagte, er besitzt eine Penissammlung und dies könnte das Herzstück werden", wird Bobrovsky zitiert. Gar kein dummer Zug von dem Bieter- schließlich stehen die Chancen nicht schlecht, dass seine Penissammlung irgendwann Teil eines historischen Museums wird - als Beispiel für die russische Revolution 2014.

 

 Text: charlotte-haunhorst - Bild: Facebook-Account

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