Rein da!

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In der amerikanischen Familien-Restaurantkette „Chuck E. Cheese“ gab es Bällebäder für Kinder. Aus denen haben einzelne Kinder immer wieder einzelne Bälle gestohlen – so viele einzelne Bälle, dass die Bäder dauernd zu leer waren, um noch benutzt werden zu können. Chuck E. Cheese hat die Bällebäder darum abgeschafft.

Diese kleine Geschichte steht im Wikipedia-Artikel „Ball pit“ und ist genau so wie Bällebäder sind: ein bisschen lustig, ein bisschen niedlich und auch irgendwie albern. Das wird gerade wieder besonders deutlich, weil Bällebäder eine Art Renaissance erleben. Ende Januar ging ein Video viral, in dem ein Youtube-Prankster das Haus einer Familie mit einer Viertelmillion Plastikkugeln füllt, um die Freundin des Hausbesitzers zu erschrecken. Bevor die nach Hause kommt, tollen alle Anwesenden, erwachsene Männer und kleine Jungs, sehr ausgelassen in den Bällen herum. Das Video wurde mehr als 24 Millionen Mal angeschaut, die User kommentieren „THIS WOULD BE A DREAM COME TRUE!“ und „if I had the money I would 100% do this!“ http://www.youtube.com/watch?v=7t0EtKlQxyo Ein Collegestudent in den USA hat seine Wohnung kürzlich ebenfalls in ein Bällebad verwandelt. Und seit einigen Tagen wird außerdem die Meldung herumgereicht, dass ein Designbüro aus London ein Bällebad für Erwachsene eröffnet hat, für einen guten Zweck: Pro Besucher spendet die Firma ein Pfund an eine Organisation, die mit Sportaktivitäten und Spielen Kinder in Armut und Krisenregionen unterstützt. Die Nachfrage ist riesig, die Badezeiten für Besucher sind schon komplett ausgebucht.

Mit dem Småland fing es an – Google und die Piratenpartei machten weiter

Das ist deswegen so kurios, weil man ja bisher als Erwachsener eigentlich nicht in Bällen gebadet hat – man hat bloß Scherze darüber gemacht. Fast jeder, der mal mit Freunden in einer Filiale dieser großen schwedischen Möbelhauskette war, hat schon mal folgenden Witz gehört: „Ich bleibe im Småland, ihr könnt mich da später im Bällebad abholen!“ Das Bällebad ist eine Art Running Gag, um eine Vorstellung absoluter Albernheit zu erzeugen. Man muss ja doch jedes Mal lachen, wenn man sich Freund X mit Chelsea Boots und schwarzem Hemd bekleidet in einem bunten Kugelmeer vorstellt. Aber: Ein Raum oder ein Haus voller Bälle wird zwar gerne als „Traum jedes Kindes“ bezeichnet – scheint aber insgeheim auch der Traum vieler Erwachsener zu sein. Dass man das jetzt so euphorisch und öffentlich zeigen darf, anstatt nur Scherze darüber zu machen, liegt wahrscheinlich an der von Google in die Arbeitswelt getragenen Idee, dass man sehr viel effektiver und kreativer sein könne, wenn man sich zwischendurch austoben darf. Darum gleichen Google-Büros seit einigen Jahren großen Spielplätzen. Und das Bällebad selbst hat es sogar in den noch ernsteren Politikbetrieb geschafft: Die Piratenpartei installierte eines auf ihrer „FlauschCon“, dem Parteitreffen für einen besseren Umgang miteinander, und setzte sich dafür ein, dass es auch bei sämtlichen Parteitagen genutzt werden kann.

Bällebäder sind der ultimative Spielplatz: völlig angezogen irgendwo reinspringen und dort wühlen, strampeln, werfen, untertauchen, ohne nass oder schmutzig zu werden oder sich wehzutun, ohne sich koordiniert bewegen zu müssen. Wie Dagobert Duck im Geldspeicher. Das stellt man sich ungemein entspannend und befreiend vor. Und diese Mischung aus Ausgelassenheit und Albernheit passt ja sehr gut zu der in den letzten Jahren sehr in Mode gekommenen, halb ironischen, immer ein bisschen überzogenen „Arbeit ist nicht mal das halbe Leben“-Haltung der Menschen unter 30. Bällebäder sind wie Glitzerschminke und Konfetti, wie bunte Sonnenbrillen und Mottopartys: aus dem Kinderkosmos hinübergerettete, harmlose Details, die man auf keinen Fall ernst nehmen darf. Ein Befehl zum Spaßhaben. Ein eindeutiges Zeichen für: „Ab jetzt nur noch Quatsch! Wehe dem, der jetzt was über Steuererklärungen sagt!“ Das mögen die Menschen gerade sehr. Und darum wird es sicher bald noch mehr Bällebäder geben, auf irgendwelchen sehr hippen Partys in großen Städten. Und Hüpfburgen wahrscheinlich auch.

(Und sollte irgendjemand dort dann keinen Spaß haben, muss der Befehl lauten: „ADD MORE BALLS!“)
http://www.youtube.com/watch?v=ghnhVj8Ymm0

Text: nadja-schlueter - Cover: cydonna / photocase.de

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