Keine Platten für Peking

Jan-Philip aus Köln verbringt den nächsten Monat in der chinesischen Hauptstadt. Der Freund eines Freundes will ihn dort als DJ groß raubringen. Viel mehr weiß Jan-Philip auch nicht. Für jetzt.de schreibt er einmal pro Woche Tagebuch - und berichtet, wie es ihm in den Clubs von Peking ergeht.
moritz-baumstieger
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Illustration: Julia Schubert

Mein Name ist Jan-Phillip, hier bei jetzt.de heiße ich jan_diego. Morgen ist es soweit, morgen geht mein Flug nach Peking. Gepackt habe ich zwar noch nicht. Aber ich war das ganze Wochenende damit beschäftigt, die Sachen vorzubereiten, die ich einpacken will. Ich werde eine ganze Menge Musik mit nach China mitnehmen, weil ich in Peking in ein paar Clubs auflegen soll. Ein Freund von mir hier aus Köln, Simon, ist seit einem Semester in Peking. Im Herbst hat er mich angerufen und wollte, dass ich ihm ein paar CDs mit elektronischer Musik schicke. Er hat nämlich einen gewissen Elmar kennen gelernt. Elmar ist ein klassischer Aussteiger, der nach ein paar Jahren Südostasien und Australien in Peking sesshaft geworden ist. Und dort einen Club aufgemacht hat. Als Simon dann Weihnachten in Köln war, hat er mich eingeladen, doch mal zum Auflegen nach Peking zu kommen. Und weil die Flüge eigentlich gar nicht so teuer sind, fliege ich morgen für drei Wochen dorthin. Maren, meine Freundin, kommt auch mit. Maren musste extra noch ein paar schicke Promo-Fotos von mir schießen. Elmar braucht die für Plakate und Flyer, die anscheinend jetzt schon in Peking verteilt werden. Schon komisch irgendwie, denn eigentlich bin ich doch gar nicht berühmt. Hier in Köln lege ich nur ab und zu in Bars auf. Zehn CDs statt hundert Platten Das ganze Wochenende stand ich hinter meiner Anlage und zog meine Schallplatten auf den Computer. In China legt nämlich niemand mit Platten auf, die haben nur CD-Player. Jetzt habe ich statt den schweren Plattentaschen, die ich immer herumschleppe, nur ein kleines Case mit zehn CDs drin. Sehr ungewohnt, aber viel leichter zu tragen. Und dass ich wenig Gepäck habe, ist sehr gut: Ich habe von meinen Freunden ellenlange Bestellungen für Mitbringsel bekommen. Chinesische Küchenmesser, Schuhe, kommunistische Propaganda-Plakate („bitte mindestens drei auf fünf Meter …“) und was weiß ich nicht noch alles. Jetzt am Wochenende, als ich die ganze Zeit Musik vom Plattenspieler durch den komischen Digitalisierungs-Konvertor in den Computer schob, waren auch noch meine Eltern zu Besuch. Die saßen die ganze Zeit in der Küche. Und ich, ich bin zwischen den Plattentellern in meinem Zimmer und der Küche hin- und her gerannt. Platte aufgelegt, schnell in die Küche, kurz unterhalten. Oh, Lied ist schon zu Ende, zurück ins Zimmer. Zwischendrin den Reiseführer auswendig lernen. Mist, das Ende vom Lied verpasst, noch mal von vorn. Und das mit meinen Schmerzen. Frau Doktor hat mir nämlich eine Menge Spritzen in den Po gepiekst. Impfungen für China, ich kann seit zwei Tagen nicht mehr richtig sitzen. Das wird ein Spaß bei zehn Stunden Flug. Maren hat sich währenddessen Kärtchen gemacht, auf denen Bilder mit durchgestrichenen Tieren sind. Maren isst nämlich kein Fleisch. Simon hat erzählt, dass die Kellner, wenn sie es besonders gut mit einem meinen, auch über die vegetarischen Gerichte noch mal eine satte Portion gebratenes Schwein verteilen. Quasi als Deko. Was heißt „vegetarisch“ auf Chinesisch? Sollten wir noch nachgucken. Ich bin schon sehr gespannt. Ich habe nämlich überhaupt keine Ahnung, welche Musik gerade in Peking gehört wird. Auf jeden Fall gibt es da eine Menge Punkrock-Läden, und ein paar wenige mit elektronischer Musik. Einer davon gehört eben Elmar, auch die meisten anderen werden von Amerikanern oder Europäern betrieben. Aber was genau da gespielt wird, weiß ich nicht. Gibt es chinesischen Techno? Keine Ahnung. Eigentlich weiß ich so gut wie gar nichts. Ich weiß nicht, wie der Club heißt, der jetzt schon meine Fotos in der Stadt verteilt, weil ich am Freitag dort auflege. Ich weiß nicht, wie lange und wie oft ich dort auflegen werde, ob da Chinesen hingehen oder eher europäische Touristen und Expats. Und bis vor einer Stunde, da wusste ich nicht mal, wo ich schlafen soll. Denn Simon, der uns zu sich eingeladen hatte, antwortete plötzlich nicht mehr auf meine Mails. Er war mit seiner Freundin ein paar Tage zum Wandern in Südchina. Jetzt wird uns sein Mitbewohner vom Flughafen abholen. Aber nur, wenn wir ihm zwei Gläser süßen Händlmaier-Senf und einen Laib Vollkornbrot mitbringen Hat wohl kulinarisches Heimweh. Na, dann machen wir das doch. Es ist ja noch Platz im Koffer. Protokoll:

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