Die Elektro-Nische. Heute mit We Love, Uffie, Chemical Brothers und vielen anderen Mechatronikern

Friedemann Karig sichtet wieder minimalen Techno, maximale Disco und noch mehr geilen BummBumm.
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Deadmau5 - At Play 3

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Illustration: Julia Schubert

Vergesst Flugeinlagen zu miesem Electro-House vor 40.000 Zuschauern - hier kommt die echte Maus! Deadmau5 scheint sich von den Party-Nummern abgekehrt und wieder mehr Lust auf ernstere Töne zu haben. „Templar“ rauscht mit Hilfe von Bongos (!) direkt in einen verspielten, aber harten Techno, „Apply Overnight“ bildet eine funky Ausnahme der ansonsten kompromisslosen Platte. Bei „Whispers“ darf die olle Melleefresh mal ab Minute 3:00 kurz etwas über den schroffen Beat hauchen, ansonsten herrscht wohltuende Ruhe: Keine Vocals, keine Raps, selten mal eine Melodie. Manchmal klingt der Sound fast ein bisschen sehr nach dem, was sich ein Mittzwanziger unter 90er-Jahre Techno vorstellt, uzzbummbumm eben. Genau dadurch jedoch bleibt das Album an jeder Stelle authentisch. Und weil die Tracks ähnlich einer Tropfsteinhöhle schroff anfangen, um dann in der Tiefe zu wahrer Schönheit zu finden, gibt es viel zu entdecken. Deadmau5 hat ohrenscheinlich die dafür notwendige Vision, reichlich Mut und vor allem: einen eigenen (Mäuse)Kopf. Ein schöner Zwitter zwischen seinem altem Stil und seiner neuen Härte ist „Stereo Fidelity“:

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ We Love - We Love

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Illustration: Julia Schubert

Giorgia Angiuli und Piero Fragola sind zwei von Ellen Allien in einer toskanischen Spelunke aufgegriffene italienische Elektro-Pop-Wunderkinder und zusammen We Love. „Ciao und scusi“, sagte Allien damals, „your music is better than sunset on Capri, wanna sign at my label Bpitch in Berlino?“ Okay, das habe ich jetzt erfunden, aber irgendwie würde es passen, denn die Musik ist wirklich recht wundervoll: Schön harmonisierter Gesang, atmosphärische Sounds, eingängige Songs und eine angenehm melancholische Grundstimmung. Und selbige transportieren sie live in besonderen Kostümen, inklusive selbst produzierter bichromatischer Visuals - toll! Ihr selbstbetiteltes Debütalbum erscheint dieser Tage und ist eine absolute Empfehlung.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Robosonic - Sturm & Drang Remixes

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Illustration: Julia Schubert

Die zwei kuscheligen Boys von Robosonic haben schöne Remixe ihres Debüt „Sturm & Drang“ gemacht bzw. machen lassen. „Yasmin“ hat mir schon immer ausnehmend gut gefallen, der Robosonic Refresh z.B. macht es noch mal neu spannend:


Uffie - Sex, Dreams and Denim Jeans

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Illustration: Julia Schubert

Die Ed-Banger-Chanteuse ist quasi das Idol jeder Post-Milleniums-Hipsterine: Aufreizender Kleiderstil, offensive Girlpower und jetzt auch noch ein Kind mit einem Graffiti-Künstler. Zudem macht sie referenzreiche 2.0-Musik: Es werden direkt Daft Punk und indirekt die halben 80er zitiert, mit Produzenten-Prinz Pharrell Williams und Madonna-Mirwais kollaboriert und damit insgesamt ein Album gemacht, das nach neonfarbenen Ray Bans und abgeschnittenen Jeans auf Netzstrumpfhosen klingt. Genregrenzen sind zu der Party nicht eingeladen, und so treffen Hip-Hop-Raps und -Attitüde („Art of uff“) auf 00-Jahre-Riffs und zuckrige Auto-Tune-Vocals auf Texte von sehr wechselhafter Qualität (siehe unten: „Pop the glock“). Das ist im Endergebnis nett, das ist angenehm, das ist eingängig, manchmal sogar ein bisschen wild und vor allem: das ist in. Oder wie das Musikmagazin Computer-Bild feststellt: „Nicht originell, nein. Aber angenehm frech, schnoddrig und zu gleichen Teilen an Elektro und Old-School-HipHop andockend.“ Uffie ist eben inzwischen soweit bekannt, dass der Mainstream berichtet, aber durch ihre Präsenz in Klatschspalten auch nicht schlechter geworden. Nicht umsonst haben schon Trillionen Internetuser ihre Songs goutiert, bevor Uffie sie zu diesem soliden Debütalbum zusammengefasst hat, welches wiederum ein Erfolg werden wird. Aber bringt es mich signifikant nach vorne? Sind die teilweise mädchenhaft harmlosen Melodien über zeitgemäß trashigen Beats wirklich satisfaktionsfähig? Lugen Ecken und Kanten aus der gefälligen Produktion heraus, die mich zwingen, das Album mehr als dreimal zu hören? Interessieren bei einer Künstlerin für die breite Masse an Individualisten solche Kriterien überhaupt? Eher nicht.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Niconé & Sascha Braemer - Thank you Hipper Berlin-Sound, könnte ein Sommer-Hit werden:

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Robert Hood - Omega

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Illustration: Julia Schubert

Den inakzeptablen Terminus „Techno-Urgestein“ kann man ausnahmsweise schmerzfrei anbringen, wenn Robert Hood ein neues Album veröffentlicht. Als Mitbegründer der Detroit-Schiene und Vorreiter minimalistischer neuerer Strömungen hat er Techno entscheidend mitgeprägt und war schon immer irgendwie dabei - auch wenn das nach der nächsten Floskel klingt. „Omega“, sein drölfzigster Release, ist jedoch gänzlich frei von prätentiösen Schnörkeln und angenehm dunkel, reduziert, simpel. Wie man es von jemand erwartet, der schon alles gemacht und gesehen hat. Da bauen sich Tracks auf vier Spuren über Minuten zu Lehrstücken zusammen, warum vier Spuren eben reichen, wenn man nur genug Ahnung von der Materie hat. Und die hat Hood - höre „Omega (End Times)“:

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Chemical Brothers - Further

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Illustration: Julia Schubert

Apropos Altmeister: Die Brüder aus Manchester sind zurück mit einem kurzen Album von acht Songs. Das fängt mit einem hymnischen Lovesong („Snow“) an, ernennt ein, zwei Hitkandidaten („Swoon“), klingt ganz reizend von Anfang bis Ende. Angeblich soll es zu jedem Track ein Video geben, das finde ich gut und modern. So wie die zwei Burschen eben sind: Immer auf der Höhe der Zeit - für mich aber leider auch etwas langweilig. So ist „Further“ auch kein großer Wurf, zu dem mir bezeichnenderweise hier auch nichts mitteilenswertes mehr einfällt. Oder um die schlimmste Musikkritik-Watsche zu benutzen: Fans werden es mögen. Zum Download gibt´s hier den Boys Noize Summer Remix von „Swoon“, das Original im Video zuerst und danach als Standbild die andere Single „Escape Velocity“:


Rebecca & Fiona - Luminary Ones

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Illustration: Julia Schubert

Schwedische Elfen mit transzendenten Klängen. Jedes weitere Wort wäre zu viel.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Reboot - Shunyata

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Illustration: Julia Schubert

...ist eine super Minimal-Platte mit exotischem Einschlag von Reboot, dem Projekt des Frankfurter Frank Heinreich. Mag der Wikipedia-Eintrag des titelgebenden buddhistischen Grundsatzes (alles ist frei von Dauerhaftigkeit und Nichtexistenz) noch schwer verständlich erscheinen, geht einem beim Hören des Albums ein echtes spirituelles Licht auf. Es manifestieren sich Sinn und Zweck elektronischer Musik: Minimal, auf rhythmische Details bedacht, mit einem klaren Konzept, zu Tanz gleichermaßen wie zu Kontemplation geeignet. Man merkt dieser Platte die Liebe ihres Produzenten zu ausgefeilten Tracks und gut durchdachten Songstrukturen an, man meint förmlich die Arbeit zu hören, die in jedem Sound steckt, man ist Heinreich dankbar für die Sorgfalt, die er seiner Musik angedeihen lässt. Denn so baut er aus klickenden Beats und offenen Sounds eine Welt, in der man sich sofort wohl fühlt und die man weiter erkunden möchte. Dauerhaft. Der Titeltrack:

Im Uruana Luciano Remix:

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ 10 Years of Trunkfunk Das schwedisch-berlinerische Label packt den Kofferraum seiner Labelgeschichte aus und präsentiert einige Perlen, die Anders Hellman im unten zu sehenden 4-Minuten-Mix wunderbar visualisiert hat.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Homework

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Illustration: Julia Schubert

Die Hemdenträger aus den Niederlanden machen frischen House oder so, irgendwo zwischen Party und Programm. Noch sind sie ganz jung und unverbraucht, also los, zeigt sie Euren Freunden und behauptet "die hab ich zuerst gesehen"!

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ DJ Hell - Body Language 9

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Illustration: Julia Schubert

Und zum Abschluss noch der smoothe, eklektische, tolle Mix des Monats vom guten Hell im Auftrag Get Physical, dessen nerdiges Highlight ich hier vorstellen möchte: Eine Streichquartett-Version von Kraftwerks Robotern (1992)!

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