Die Elektro-Nische. Mit Gui Boratto, Prodigy, Miss Kittin etc.

Friedemann Karig erzählt von minimalem Techno, maximaler Disco und noch mehr geilem BummBumm.
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Gui Boratto - Take my breath away

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Illustration: Julia Schubert

Das Problem von Artist-Alben im elektronischen Bereich sprach ich schon mehrfach an: Meistens sind die 2,5 eigenständigen Ideen, die ein Produzent und DJ aus seinem Computer kratzt, plus eine Handvoll zeitgemäßer Bleeps und Booms nicht Stoff genug, um über eine Stunde und mehrere eigenständige Tracks hinweg zu unterhalten. Langeweile hält Einzug, wenn kein echtes Konzept und Talent vorliegt. Faszinierendes Gegenbeispiel: Gui Boratto und sein Album „Take my breath away“. Schon der Titeltrack ködert mein Gehör wie ein geschickter Fliegenfischer und lässt mich mit seinen gleitend-kratzenden Harmonien und klanglichen Untiefen so schnell nicht mehr los. Ein Lied für den nächsten großen Moment. Und erlaubt sich Boratto auch bei „Colors“ die Sünde der Seichtheit, findet er ansonsten immer wieder einen Weg, einzigartig und dabei gleichzeitig vielfältig zu musizieren. So geraten „Ballroom“ und „Atomic Soda“ als lupenreine Minimal/Tech-House Perlen zu hitverdächtigen Tanzbären, „No Turning Back“ zu Elektro-Pop-Spielerei und „Godet“ zum besten Lullaby für etwaige schlaflose Nächte. Für mich sicherlich das beste Release diesen Monat und damit ein Name, der in Zukunft mehr Aufmerksamkeit verdient. Und jetzt viel Spaß.

The Prodigy - Invaders must die

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Illustration: Julia Schubert

Wenige Bands, das kann man ganz ohne Nostalgie oder Vergötterung sagen, haben die 90er so geprägt wie dieser Haufen Verrückter aus England, die für die elektronische Musik ihre Funktion als Einstiegsdroge ähnlich legendär erfüllten wie Oasis für alle Arten von Britpoppern und -Rockern. Dieses Frühjahr 2009 also sieht ein neues, von allen Seiten mit einer gewissen Mischung aus kindlicher Vorfreude und purem Pessimismus erwartetes Album, welches zumindest meine Erwartungen übertrifft. Denn der originale Prodigy-Sound hat ein Jahrzehnt Stillstand überlebt, sich an den Quellen neuer Produktionsparameter erfrischt und dabei die Konkurrenz nicht aus den Augen gelassen. Selbstbewusst und rotzig statt trotzig, wie es eben nur eine solche Super-Band sein kann, mit deutlich ausgeprägtem Hang zu eingängigen Riffs und Vocals, zeigen sich uns drei zwar sichtlich gealterte, aber keineswegs brav gekiffte Musiker besonderer Machart. Die erste Single „Invaders Must Die“ rezensierte ich hier zwar schon als höchstens befriedigend, die weiteren Tracks jedoch steigen deutlich höher ein: „Colours“ zum Beispiel ist ein astreiner Popsong wie es damals schon „Smack my bitch up“ in die Charts schaffte, „Stand Up“ klingt nach Moby in cool, „Warriors Dance“ traut sich eine catchy Hook mit Frauenstimme. Jeder Beat sitzt, knallt und lässt keine Luft, die meisten Fiepser stecken da, wo sie stecken sollen, und manche Refrains kriegt man tagelang nicht mehr aus dem Kopf. Das ganze Album bleibt dabei konstant auf maximaler Energie, was auf Dauer etwas nervenraubend sein kann, bei Prodigy aber ja noch nie wirklich anders war. Für alte Fans also definitiv interessant, für neue der Beweis, dass die 90er nicht ganz so tot sind, wie viel behaupten, respektive: gute Musik stirbt nicht.

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Miss Kittin & The Hacker

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Illustration: Julia Schubert

Einflussreich, Teil 2: Wer irgendwann zwischen 2001 und 2004 nächtens in dunklen Räumen den Derwisch machte, kam um die Elektro-Clash Sensation des musikalischen Traumpaares Kittin/Hacker nicht herum. „Frank Sinatra“ zum Beispiel müssten Soulwax per Mash-Up erfinden, gäbe es den Song mit den weltbekannten französisch-englischen Vocals der Miss K. nicht schon, „1982“ und „Stock Exchange“ sind moderne Klassiker dieses Jahrzehnts. Nach allerlei Solo-Umtrieben tun sich die zwei nun wieder zusammen, und das Ergebnis lebt, wie zu erwarten, vornehmlich von Caroline Herves wunderbar herablassenden Vocals (besonders zu genießen beim Opener „The Womb“) und der eklektischen Mischung aus 80iger Beats, 90er Techno und 00er Sound. Insgesamt klingt „Two“ poppiger und melodiöser als „One“. Trotzdem erlaubt man sich bei „Pppo“ zum Beispiel wieder komplizierte Avantgarde, während Songs wie „Party In My Head“ oder das grandiose „1000 Dreams“ für mich eher House bzw. eben Elektro-Clash sind - und das Album dominieren. Auffallend sind dabei die starken Anleihen an der Wave-Ästhetik früher Depeche Mode Platten, um mal eine Genese zu versuchen. Die süßen Synthies und die verspielten Melodien arbeiten erfolgreich zusammen an einer tiefen, dichten Produktion. Zusammen ergibt das ein Album, das mir persönlich ein wenig zu weich, zu wenig Club ist, seine Liebhaber aber sicherlich finden wird. Denn als Gesamteindruck subsummiere ich eine zeitgemäße, frische und zugleich klar verwurzelte musikalische Botschaft. Und freue mich auf Remixe, die das ganze noch ein bisschen nach vorne schieben. 1000 Dreams kann an hier anschauen. Und auf der baldigen Tour wird natürlich auch performt, wie das Live-Video des Elvis Presley Covers „Suspicious Minds“ dokumentiert:

Mistabishi - Printer Jam Eigentlich und normalerweise kann man mich mit allerlei Formen von D'n'B jagen. In diesem Fall jedoch mag ich das originelle Video und den wirklich funkigen Song nicht vorenthalten, und ein bisschen Dogmen-Reduktion schadet sowieso nicht. Hier kann man weiterhören.

Zehn Jahre Poker Flat

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Illustration: Julia Schubert

Gleich mit mehreren Compilations feiert das hier oft gelobte Label Poker Flat seinen zehnten Geburtstag. Auf dem grandiosen „The Classic Tracks“ Teil finden sich lauter wunderbare Songs von u.a. Guido Schneider, Martin Butterich und den Detroit Grand Pubahs, auf der aktuellen Zusammenstellung „The Current Tracks“ darf man wieder einmal erleben, welch ansprechende Musik Poker Flat dauerhaft auf der Hand hat. Das ist, wie wir es gewohnt sind, entspannter Techno auf allerhöchstem Niveau und Stammgast in meiner Playlist. Die ganze Box sieht dann auch noch gut aus, enthält zahlreiche Gimmicks und darf auf obigem Foto bewundert werden. Sportsday Megaphone - Meet me in the middle

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Illustration: Julia Schubert

Hypnotischer Computerspiel-Sound von einem jungen Multitalent: Hugh Frost alias Sportsday Megaphone bringt auf seinem Album „So Many Colours / So Little Time“ nerdigen Sound direkt aus dem Laptop. Dazu sing er in feinem nasalen Englisch hauptsächlich über Liebe. Nichts neues also, aber irgendwie liebenswert. Der hier gezeigte Song, dessen Video der Junge selber gestaltete (sag ich doch, ein Multitalent), beginnt zu allem Überfluss auch noch mit dem nie vergessenen Modem-Verbindungsgeräusch der späten Neunziger. Nostalgisches Rauschen des Aufbruchs, nettes Gedudel und viele Farben - irgendwie adäquat frühlingshaft, oder?

Ähnlich Low Budget und irgendwie geil sind die Gleitschirmflieger von „I think it´s love“:

Terence Fixmer - Fiction Fiction

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Illustration: Julia Schubert

Aus der EBM-Ecke kommt dieser deepe Release von Terence Fixmer. Sicherlich nicht jedermanns Sache, da schon sehr pathetisch und verspielt, aber wie ich finde hochinteressant in Produktion und Songwriting. Auf der ansprechend gestalteten Homepage kann man Teile des Albums hören, da spare ich mir weitere Worte und zeige lieber ein Video mit Hunden im Schnee von „Can´t you see me“, neben „Hypnose“ vielleicht dem besten Song auf „Fiction Fiction“:

Und ein fieses Live-Video mit mehr Dampf:

edIT

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Illustration: Julia Schubert

Auf Empfehlung des Users bestgucci, und weil jüngst so ein probates Mixtape aus der Ecke gab, weise ich jetzt noch auf edIT hin. edIT (als Teil des Kollektivs „The Glitch Mob“) macht elektrifizierten Hip-Hop oder verrappten Elektro, der für unsere deutschen Ohren ein bisschen klingt wie Boys Novize runtergepitcht, plus Rapper. Für mich mal eine willkommene Abwechslung, extrem knarzig und durch die schwereren Beats irgendwie erträglicher als die schnellere Variante. Das kann ich mir live bestens vorstellen, wo kriegt man solchen Sound? Hinweise an mich, bitte.

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