Die Elektro-Nische. Mit Miss Kittin, Moonbootica, Fischerspooner, Lützenkirchen

Die Musikkolumne von Friedemann Karig, für alles was diesen Monat besonders interessant knarzt, blubbert und berzt.
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Sicherlich der Scoop für diesen Monat: Miss Kittin bringt ein neues Album raus. Die Französin, die vor zwei Jahren von Berlin nach Paris zurück zog, hatte irgendwann Anfang des Jahrtausends fast im Alleingang die europäische Elektro-Szene umgekrempelt, und von ihrer kreativen Energie ist auch 2008 noch mehr als genug übrig. Die erste Single „Kittin is High“: „Batbox“ ist abwechslungsreiche, mal langsam wabernde, mal schnell pumpende elektronische Avantgarde. Zum Schluss wird es zwar richtig entspannt und schön („Mightmaker“), meistens aber drischt Madame Hervé uns ordentlich eins um die Ohren. Und Kittins unverwechselbare Vocals holen aus einer Menge guter Ideen und gewohnt gekonnter Produktion das entscheidende Quäntchen Exzellenz raus. Anzuhören sind aktuell immer sechs zufällige Tracks bei ihrem myspace-Avatar. Für alle, die sie nicht (mehr) kennen, flimmert hier das Video zu ihrem immer noch gern gespielten Durchbruch-Track „Frank Sinatra“

von 2001 – da spätestens müsste eine Glocke läuten: ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Einen Namen, den man sich mal hinter die Ohren schreiben sollte, trägt mein Liebling des Monats Mark Mendes - kanadischer Jungspund und schon ein bisschen mehr als „the next big thing“ der minimalen Elektronik. Ein typischer Fall von Neidkumulation: Gerade mal 19 Jahre alt, grundsympathisch und mit jeder Veröffentlichung besser. „Another level“ ist gerade rausgekommen und klingt super, noch einen Tick mehr Atmosphäre und Größe hat aber „Beneath you“, hier per Standbild-Video zu hören. Bei so viel schöner Harmonik, treibender Beatfläche und gelungenem Spannungsbogen bleibt nur eins: Kopfhörer auf und spätestens ab Minute 3:03 fett grinsen. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Eine Generation zurück: Altmeister ist zwar ein doofes Wort, aber wer wie Moby seit anderthalb Jahrzehnten immer wieder in Charts und Clubs mitmischt, ist halt einer. Sein neues Album „Last night“ soll irgendwann im März erscheinen, die erste Single „Alice“ (feat. Aynzli, 419 Crew und Lady Rizo – mir bisher auch gänzlich unbekannt) klingt jedenfalls schon mal mehr als ansprechend. Schwer einzuordnen mischen sich da ein schleppender Beat und Raps und Gitarrensounds zu einem sauberen

Stück Musik, typisch eklektisch wie Moby eben am Besten klingt. Das Video stammt von Andreas Nillson (hat schon für The Knife und Jose Gonzalez gedreht), und Moby darf dazu sinngemäß wie folgt zitiert werden: „Es gefällt mir, dass es absolut keinen Sinn macht. Ich wollte einfach nur möglichst viele Sache explodieren lassen, das war mein einziger Input.“ Aber sehen Sie selbst: ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

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Illustration: Julia Schubert

Und dann auch mal was aus Amerika: Fischerspooner, das multitaskingfähige DJ/Mode/Kunst-Duo aus New York, veröffentlichen auf dem Französischen In-Label Kitsuné eine Single namens „The Best Revenge“, als Vorgeschmack auf ihr baldigst erscheinendes neues Album. Das übrigens von Jeff Saltzman (schon wieder bekannt von Arbeiten für, genau, The Killers) produziert wurde. Die Single klingt gleichzeitig arty-verspielt und eingängig direkt, will sagen: richtig gut. Autokratz und Alex Gopher machen daraus dann in den Remixen die erwarteten Bretter. Da freut man sich auf mehr.

Martin Solveig ist der Typ, der aussieht wie ein braver englischer Internatsbub und seit Jahren hitträchtigen Vocal House macht. Jetzt hat er nach längerer Pause wieder etwas veröffentlicht, und das ist okay: „C´est la vie“ scheint genau richtig für die House-Stunde in der musikalisch gemischten Disko mit Anspruch, und bringt uns etwas verfrüht ein Ostereier-Video. Wiederum für anderes Klientel interessant: Fedde le Grand durfte als erster remixen, und Minimalschwede John Dahlbäck macht sicher auch noch Ansprechendes für die dunkleren Räume daraus. Solveig ist übrigens trotzdem Franzose. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Heiteres deutsche Prominente-Raten (Jan Delay, Markus Kavka, Sarah Kuttner, Kowesix und sehr viele mehr) im Video zur brandneuen Kollaboration von Lexy&K-Paul mit Das Bo: „The Clap“. Stellt sich die Frage: Ist das nur neuer deutsche Elektro-Pop Dadaismus oder doch der offizielle Styler-Song zur EM? Ich bin da ambivalent: Banane und gleichzeitig irgendwie saugeil. Insbesondere die visuellen Verweise auf OldSchool HipHop-Größen per riesiger Halsbanduhr. Was meint Ihr? ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Die Hamburger Moonbootica noch mal: Nach dem Ende letzten Jahres erschienen Album „Moonlight Welfare“ kommt jetzt die Single-Auskopplung „Der Mond“, zusammen mit Näseler Jan Delay, plus etlicher schöner Remixe von zart bis hart. „Der Mond ist unsere Sonne“, das sollte nicht unerwähnt bleiben. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Ein Musterbeispiel, wie man aus einem zwar erfolgreichen, aber relativ drögen Party-House-Track ein hochgradig aktivierendes Techno-Monster macht, liefert Popof mit seinem Remix von „Bells of Brighton“ (Original von Steve Mac & Merk Brown). Hier kann man beides kurz anhören und vergleichen. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

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Illustration: Julia Schubert

Schon Mitte Januar erschienen, aber einfach zu umwerfend um nicht hier gelobt zu werden: Siriusmo mit „Allthegirls“. Der junge Berliner Moritz Friedrich liefert mal eben spinnerten Elektro für Fortgeschrittene, seine Beats zwischen Funk und Futur spotten eigentlich jeder Beschreibung, und eigentlich sollte dieser Satz und das Foto genügen, damit Ihr das alle kauft. Okay? ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Zum Schluss endlich mal wieder ein Song, der eine wunderbar öde Drogen-Debatte anstoßen könnte, oder hoffentlich einfach nur den fälligen Frühlingsübermut in die Clubs pustet: „3 Tage wach!“ von Lützenkirchen. „Pille, palle, alle pralle, druffdruffdruffdruffdruff.“ Da bleibt wenig Raum für Interpretationen, ich persönlich glaube ja grundsätzlich an Ironie. Trotzdem oder gerade deswegen: Super Beat, anregender Text, albern geiles Video. Das hat ja auch unter anderem DJ und Produzent Oliver Koletzki („Mückenschwarm“)gedreht, und der weiß bekanntlich, wie man Leute wach hält. Meine Lieblingszeile: „Du und deine Oma sind drei Tage wach!“ Das Schlusswort überlasse ich also...

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