Die Elektronische. Heute mit: NAPT, Thunderheist, Munk und natürlich auch ein bisschen Elektrolore.

Die Musikkolumne von Friedemann Karig, für alles was diesen Monat besonders interessant knarzt, blubbert und berzt.
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Illustration: Julia Schubert

Alexander Marcus – „Spiel, Satz und Sieg“ Bevor die Geschichte endgültig durch die Decke geht, möchte ich ganz zu Anfang noch einmal hinweisen auf: Alexander Marcus und seine Elektrolore (= Elektro + Folklore). Ein früher mittelerfolgreicher House-DJ mit Dauergrinsen, Geltolle und schleimigen Schlagertexten trällert Belangloses über durchaus knackige Elektro-Beats – und es funktioniert. Irgendwie kann sich fast niemand dieser vor Ironie triefenden Elektrisierung Schlager-Revivals entziehen – Re-Retro quasi. Dabei bleiben die Texte gerne mit Simplizitäten wie „Komm wir tanzen und haun uns auf die Knie, komm mach ma´ lauter, jetzt komm unsre Melodie, Hossa Hossa...“ in den Niederungen deutscher Dichtkunst, also irgendwo zwischen Roberto Blanco und den Flippers stehen. Aber das holt im EM-Sommer diejenigen ab, die sich zwischen Public Viewing und Minimal-Clubnacht verirrt haben, und so kann man die Deutschtümelei bei „1,2,3,“ („Oh Du wunderschöne Lorelei, schwarz-rot-gold, das sind unsere Farben“) leicht unter „Party-Patriotismus“ wegordnen. Marcus´ gerade erschienenes Debütalbum „Spiel, Satz und Sieg“ hat zwar deutliche Schwachpunkte, ist aber durchaus als Gesamtkunstwerk zu begreifen. Wer traut sich heute denn noch, seinem Bruder ein Liebeslied („Brüderchen“) mit Beasty-Boys-Beat und „Hollahi“-Rufen zu servieren und mit einem saftigen „Ich liebe Dich, Volkmar!“ abzuschließen? Die Videos liegen übrigens irgendwo zwischen „Fear and Loathing in Las Vegas“, „Denver Clan“ und „Einsatz in vier Wänden“ und sind absolut sehenswert. Sie machen zur Zeit auf Youtube, obwohl teilweise schon seit zwei Jahren online, großen Umsatz. Aber seht selbst... +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Focus on Argy

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Illustration: Julia Schubert

Einen grandiosen Mix, vornehmlich aus eigenen Tracks bestehend und unter anderem von Jerome Sydenham unterstützt, hat Argy bei Poker Flat abgeliefert. Die elf Tracks haben, hintereinander verkostet, einen so unglaublich hohen Aktivations- und Aufmerksamkeitsfaktor, dass man kaum dazu kommt, einen Text drüber zu schreiben. Kaum ist die Spannung kurz unten, schnellt sie mit ein paar einfachen Beat-Tricksereien wieder auf Maximum, und man selber zuckt unter dem Schreibtisch wieder unkontrolliert mit den Extremitäten. Ungeschminkter Wahnsinn, hier gibt es einen Vorgeschmack. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Gigolo Records: DJ Woody und Marascia Münchens Gigolo Records haben in letzter Zeit gleich mehrere interessante Veröffentlichungen herausgebracht, und zwei davon mag ich hier genauer vorstellen:

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Illustration: Julia Schubert

Einmal der Berliner DJ Woody , der mich mit seinem quasi Best-Of Album „SelctedWorks (2002-2006)“ absolut begeistert. Jeden zweiten Track kennt man als hiesiger Club-Gänger von überfüllten Tanzflächen gegen Morgen, und gerade „Jack“, „August“ und „Take it down“ funktionieren heute sicher besser denn je. Hier kann man ein bisschen von diesem ausgezeichneten Elektro anhören. Dazu ein italienischer DJ namens Marascia mit seiner Debüt-EP „Rayn“ bei den Gigolos, das tiefen Minimal mit fein produzierten Sounds und gelungenem Spannungsbogen versieht. Kann man wunderbar nebenher, vorher und nachher hören, wird nicht langweilig und bleibt dezent im Kopf sitzen. Was AscII Disko spielen, kann ja nur gut sein. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Tom Novy – Snap Remix Ein nächstes Revival kündigt sich seit Längerem auf diversen Mottopartys an: Die 90er sind back, und mit ihnen einige der schrägsten, schlechtesten, entlarvendsten Musikmomente der Popgeschichte. Ein Jahrzehnt, klebrig-pervers wie Hubba-Bubba Cola, schüttet also noch mal seinen klebrigen Teenie-Sound über uns aus, und Snap machen zusammen mit Tom Novy mit seinem Remix der Hymne „Rhythm is a Dancer“ den Anfang. Nicht umsonst nannte man das damals „Eurotrash“, und nicht umsonst schreien heute durchaus vernunftbegabte Menschen wie am Spieß, wenn der DJ sich tief genug herablässt. Es bringt scheinbar einfach irgendwie masochistischen Lustgewinn, und so muss man auch die kommende Remix-Welle und ihren ersten Vertreter sehen: Professionell auf heute getrimmt, aber eben 90er. Nur damit keiner sagt, ich hätte ihn nicht gewarnt. 

Thunderheist – Jerk it Im Kommen sind auch die hier: Thunderheist. Irgendwo zwischen HipHop und Elektro angesiedelt und aus Toronto stammend. Gut ist nicht nur die Verbindung von trashigem Beat und Kelis-artigem Frauenrap, sondern auch die Idee, das Video zum Song „Jerk It“ zum Wettbewerb auszuschreiben. So hat man gleich drei Videos, zwischen denen man wählen könnte, ich habe mich hier nur zu einer Vorauswahl „2 aus 3“ entschieden - also entscheiden Sie sich bitte jetzt!

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