"So krasse Prügeleien habe ich noch nie erlebt"

Berichtet ein Augenzeuge aus Marseille, der als Fan schon viel gesehen hat.
Von Max Sprick
Foto: Carl Court / getty

Jagdszenen, Dutzende Verletzte, ein Mann ringt mit dem Tod - schwere Ausschreitungen überschatten den EM-Start. Am Hafen von Marseille und im Stadion kam es vor und nach dem Spiel zwischen England und Russland zu heftigen Krawallen. Dennis war mittendrin. Der 26-jährige Student hat innerhalb der Ultras eines deutschen Erstliga-Clubs nach eigener Aussage schon eine Menge Auseinandersetzungen verfeinderter Lager mitbekommen. Er heißt eigentlich anders. Was er in Marseille gesehen hat, beschreibt er so. 

"Rund um den Hafen waren extrem viele Engländer, die hatten quasi das gesamte Gebiet eingenommen. Ich habe mich noch gewundert, dass einige bekannte englische Hooligans dabei waren, 3000 hatten ja eigentlich Einreiseverbot nach Frankreich. Ich habe sie 2006 bei der WM in Deutschland im Frankfurter Bahnhofsviertel erlebt. Rund um den Marseiller Hafen hat sich schon ab mittags angebahnt, dass diese Situation eskalieren würde. Die Frage war, ob es bei einer Flaschen-Werferei von besoffenen Engländern auf Polizisten bleiben würde, oder ob die Russen mitmischen.

Kurz nachdem das Spiel Albanien gegen Schweiz vorbei war, haben Provokationen angefangen. Besoffene gegen Polizisten. Und dann kamen wie aus dem Nichts 70 bis 100 Russen. 

Die sind gegen bestimmt 1000 Engländer angelaufen und haben sofort auf jeden eingeprügelt, den sie nicht kannten. Dass die russischen Hool-Gruppen zusammen agieren, ist eher ungewöhnlich. Normalerweise sind die untereinander als Anhänger verschiedener Vereine Rivalen. Es hatte den Anschein, als hatten sie sich vorher organisiert und abgesprochen. Denn sie wussten genau, was sie tun. Die Engländer waren einfach nur eine chaotische, besoffene Masse. 

Was dann passierte, habe ich noch nie so gesehen. Wenn in Deutschland verfeindete Hooligan-Truppen aufeinandertreffen, weiß die Polizei vorher genau, auf wen sie wo und wann achten muss. Falls es doch mal knallt, dann nur kurz, weil die Polizisten schnell vor Ort sind und die Sache auflösen.

Für die Polizei in Marseille war das anders. Vor allem wegen der vielen kleinen Gassen rund um den Hafen war die Lage von Anfang an sehr schwierig zu kontrollieren. Dann entstanden überall Brandherde, an etlichen Plätzen haben die minutenlang lang aufeinander eingeschlagen. Innerhalb von etwa 20 Minuten haben sich die Rennereien und Schlägereien abgespielt, die man auf den ganzen Videos sieht.

Die Polizisten haben dann in die jeweiligen Herde ihre Gas-Patronen geworfen, um die Menschen auseinander zu treiben. Ich habe auch davon abbekommen. Aber das ist nicht wie Tränengas, das dir den ganzen Tag richtig zu schaffen macht. Nach zwei Minuten habe ich nichts mehr gemerkt.

Von den Auswärtsspielen in Deutschland wusste ich, was alles passieren kann. Ich bin deshalb im halbwegs sicheren Abstand zu den Krawallen geblieben. Aber ich war die ganze Zeit da. Angst hatte ich zu keiner Zeit. Jemand neben mir meinte: „Krass, wie viele Polizisten!“ Aber ganz ehrlich: Bei Risiko-Spielen in Deutschland sind viel mehr Beamte.

Wir sind dann weiter ans Stadion. Wahnsinn, wie viele Tickets da noch zum Kauf angeboten wurden. Die waren zwar personalisiert, aber die Einlass-Kontrollen waren viel lascher als in Deutschland. In meinen Rucksack wollte keiner reingucken. Im Stadion war ich erst genau da, wo es später abging. Wir haben das Spiel aber aus dem England-Block verfolgt. Kurz vor dem Abpfiff hat sich dann wieder gezeigt, wie organisiert die Russen waren. Als der Schiedsrichter abgepfiffen hatte, sind 100 bis 150 Mann geschlossen in den anderen Block gestürmt. Ich dachte erst, es kommt zur Massenpanik, weil so viele Menschen einfach in den Innenraum gesprungen sind. Aber da war die Lage dann schnell unter Kontrolle. Nach dem Spiel hatten die Engländer auch keine Lust mehr, neue Schlägereien anzufangen. 

Foto: Darko Bandic / AP

Nach dem Spiel wollten wir noch etwas essen gehen, aber wirklich jede Bar und jedes Restaurant hatte geschlossen. Die Gassen sahen aus wie Schlachtfelder, überall geworfene Flaschen und Stühle.

 

Ich glaube, was in Marseille passiert ist, war keine Ausnahme. Das hatte zwar sehr viel mit den Krawallen von 1998 zu tun - in der Stadt herrscht noch immer viel Hass gegenüber den Engländern. Deswegen haben auch Hooligans von Olympique Marseille mitgemischt, vermute ich. Dazu noch die organisierten Russen, da kam einfach viel zusammen. Aber wenn Deutschland gegen Polen spielt, werden wahrscheinlich auch wieder Hooligans aufeinander losgehen. Marseille war ein Weckruf."

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