Ein Jahr Madrid oder: Wo der Müllmann nächtens Witze macht

Ein Jahr an einer Hochschule im Ausland verbringen - für viele ist das der Höhepunkt des Studiums. Beliebtestes Ziel ist bei deutschen Teilnehmern des Erasmus-Programms immer noch Spanien, jeder fünfte schlägt seine Zelte im Land der Siestas und der Fiestas auf. Aber stimmen die Klischees von Dauerparty und gemütlichem Leben unter südlicher Sonne? Unseren Autor Philipp-Braun hat es nach Madrid verschlagen. Von dort schreibt er jetzt jede Woche die Wahrheit über Erasmus. Folge eins: Das Lebenswerk beginnt.
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Illustration: Julia Schubert

Nun bin ich ein übernächtigter, verschwitzter und sonnengebräunter Student und Kolumnist in einer Madrider Stadtwohnung, habe Mitbewohner und sogar einen „Portero“, auch „Concierge“ genannt, oder, für alle Sprachgewandten und Weltenbummler: „H-a-u-s-m-e-i-s-t-e-r“. Mein Portero heißt Antonio. Antonio erzählte mir gestern verschnupft, während er kehrte: „Es ist so heiß hier, seit Tagen bin ich nur am Schwitzen! Jetzt habe ich mich auch noch an meinem eigenen Schweiß erkältet.“ Das sind die Zustände hier. 38 Grad. Die Klimaanlagen surren. Ständiger Wechsel von heiß und kalt. Wie kam es dazu, dass ich hier lebe? Irgendwann während meines PR-Studiums wollte ich ins Ausland gehen. Zuerst wollte ich nach Barcelona, aber ich bekam eine Absage. Auch in Manchester bekam ich keinen Platz. Als ich dann an die Universidad Complutense Madrid gehen konnte, überlegte ich nicht lange und sagte zu. Schließlich hatte ich eine Weile darum gekämpft und: Welcher Torero kämpft schon gegen einen Stier und trabt dann lustlos aus der Arena, ohne das Tier zu töten? Das Akademische Auslandsamt meiner Hochschule hatte nämlich den einen Platz für Madrid bereits vor Ende der Bewerbungsfrist vergeben. Das erzählte mir ein befreundeter BND-Mitarbeiter, der es von einem befreundeten Journalisten (ab)gehört hatte. Daraufhin schrieb ich einen zweiseitigen Beschwerdebrief an den Leiter des Akademischen Auslandsamtes. Am Ende meines Schreibens behielt ich mir weitere Schritte vor. „Die Anwälte der Familie prüfen den vorliegenden Fall gerade“, schrieb ich, um dem Brief einen corleonesken Ton zu geben. Kurz darauf bekam ich den Platz in Madrid. „Fein, das Schreiben hat sich gelohnt“, ging mir durch den Kopf, als ich im Flugzeug von München nach Madrid saß. Am Flughafen Barajas sah ich die Werbung eines deutschen Billigfliegers mit dem Slogan: „No bromeamos, somos alemanes!“ - Wir scherzen nicht, wir sind Deutsche! Dieses und andere Klischees, das hatte ich mir zum Ziel gesetzt, galt es in den folgenden Monaten zu widerlegen. Ich wollte es machen wie Rudi Carrell: Ins Ausland gehen, gute Laune verbreiten und auf einer Gala kurz vor dem Tod den Preis für „Das beste Lebenswerk“ entgegennehmen. Ich stellte mir Julio Iglesias vor. 128-jährig, der Jopi Heesters Spaniens, zerknirscht mit rotverbranntem Gesicht und achter Frau im Publikum sitzend. Pech, Julio! Knapp Zweiter geworden! Aber du darfst am Ende noch auf die Bühne und singen! Mit der Metro fuhr ich vom Flughafen in die Innenstadt. Lautes Sprachgewirr. Ich sah zwei Spanier neben mir, die sich anbrüllten. Ich dachte, der eine haut dem andern bald eine runter. Nur noch eine Frage der Zeit! Gerade als ich einschreiten und schlichten wollte, merkte ich, dass der eine dem andern lediglich von seinem Autokauf erzählt hatte, und dass er mit seinem neuen Auto sehr zufrieden sei. Die Spanier sprechen nicht, sie schreien. An der Puerta del Sol, dem Zentrum von Madrid, angekommen, traf ich mich mit Janine, einer Freundin. Sie war schon eine Weile in Madrid und hatte eine Wohnung, in der ich unterkommen konnte. Verschwitzt und erledigt entschloss ich mich an diesem ersten Abend lediglich zu duschen, zu essen und zu schlafen. So gegen ein Uhr, als ich gerade dabei war, im Halbschlaf eine To-Do-Liste für meinen einjährigen Aufenthalt zu entwickeln, weckten mich die Müllmänner, die unten auf der Straße arbeiteten. Gutgelaunt und pfeifend leerten sie die Tonnen und machten dabei, soweit ich das verstehen konnte, genau das, was Müllmänner eben machen – dreckige Witze. Ein Land, in dem Müllmänner gutgelaunt nachts um eins arbeiten - das gefiel mir! Ich beschloss, schnellstmöglich mein Spanisch zu verbessern. Ich wollte die Müllmänner und ihre dreckigen Witze besser verstehen.

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Illustration: Julia Schubert

Meine imaginäre To-do-Liste sah außerdem Folgendes für mich und meinen Aufenthalt vor: a) Leben genießen und Studium der „Werbung und Public Relations“ nicht vergessen. b) Fernbeziehung durchstehen. Koste es, was es wolle. c) Verwandlung in einen blonden Spanier vollziehen („Philipp, darf ich dir „Felipe“ vorstellen?“) d) Adäquate Jobs suchen, um den Beginn des Lebenswerks "Botschafter der guten Laune" einzuläuten. Während ich bereits an meiner Dankesrede für die erwartete Ehrung im Jahr 2071 feilte, erzählte mir mein Portero Antonio, als er hüstelnd den Boden wischte: „Ich habe eine Allergie. Gegen Arbeit.“ Er zwinkerte mir zu und lachte. Er hat Humor, den er sich auch trotz Erkältung, Hitze und Arbeit nicht nehmen lässt. Wenn ich irgendwann erkennen sollte, dass das nichts wird mit dem Lebenswerk, dann werde ich „Portero“ einer Stadtwohnung in Madrid. Etwa mit 67. Wenn die deutschen Hausmeister in Rente gehen. Illustration: Eva Hillreiner

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