Ein Streifzug durch Madrids Stadtviertel oder: Die Geschäftsordnungen afrikanischer Händler

Beliebtestes Ziel ist bei deutschen Teilnehmern des Erasmus-Programms immer noch Spanien, jeder fünfte schlägt seine Zelte im Land der Siestas und Fiestas auf. Philipp-Braun lebt seit Oktober 2005 in Madrid und streift in Folge sieben durch die Stadtviertel. Er sieht flüchtende Afrikaner, Kinder in Lederslippern und Transvestiten, die mit rauchigen Stimmen spanische Schlager interpretieren.
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Madrid ist vielfältig. Damit dieser Vielfältigkeit ein geographischer Rahmen gegeben wird, gibt es in Madrid Stadtviertel. Dieser geographische Rahmen erleichtert dem Madrilenen seine gezielte Wohnortsuche und Freizeitgestaltung. Im Zentrum, nahe dem Parlament, wo viele Banken und Ministerien ihren Sitz haben, wohnen Geschäftsleute und Politiker. Sie wohnen in ihren Büros. Die dazugehörigen Fahrer hausen vor den Büros in den Limousinen, meistens Langversionen mit mehr Beinfreiheit und getönten Scheiben. Deshalb gibt es im Zentrum auch fast keine Wohnungen oder Appartements. Einfach kein Bedarf. Wenn ich morgens zum Joggen gehe, muss ich erst mal das Zentrum durchqueren, um den Parque del Retiro, den Stadtpark, zu erreichen. Dabei werde ich des Öfteren von einer Schar Schwarzafrikaner überholt, die weniger aus Gründen der Leibesertüchtigung, sondern zwecks Flucht vor der Polizei keuchend unterwegs ist.

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Illustration: Julia Schubert

Diese „rennenden Händler“ verkaufen nämlich illegal in der Innenstadt Parfüm, Sonnenbrillen und DVDs, die sie auf ihren Teppichen ausbreiten. Von den Enden der Teppiche laufen Schnüre zu einem Knoten in der Mitte zusammen, so dass sie bei Gefahr mit einem Ruck ihr Hab und Gut zusammenziehen, schultern und damit flüchten können. Ich habe mir von den Jungs einmal ihre AGBs (Allgemeine Geschäftsbedingungen) geben lassen, die ich auszugsweise zitiere: § 1Geschäftsbetrieb: Der Geschäftsbetrieb umfasst die Bereitstellung und den Verkauf von gefälschten oder raubkopierten Waren in der Madrider Innenstadt. Der Geschäftsbetrieb wird in der Regel durch patroullierende Polizisten auf Motorrollern gestört. Diese scheuchen die Verkäufer auf und verfolgen sie halbherzig in benachbarte Stadtviertel. § 2 Geregelter Verkauf: Der geregelte Verkauf der Waren gestaltet sich wie folgt: Ein taubstummer Afrikaner steht an einer Straßenecke Schmiere und warnt mittels Pfiff die Kollegen, allesamt ausgesprochen lauffreudige Verkaufstalente. Zum geregelten Verkauf gehören nämlich die rechtzeitige Warnung und Flucht vor der spanischen Polizei. Hierbei flüchten Taubstumme und Verkaufstalente gemeinsam. Die Polizei macht dieses Spielchen Tag für Tag bereitwillig mit. Und wenn die Polizisten nicht gestorben sind, dann rennen die Afrikaner noch heute. Das Rennen endet oft in Lavapies. Ein Stadtteil, in dem es von Indern, Chinesen und Afrikanern wimmelt, die dort kleine Läden führen. In diesem multikulturellen Stadtteil kann man lecker indische Spezialitäten essen, bis zur Unterhose ausgeraubt werden und sich dann für drei Euro neu einkleiden. Eines meiner Lieblingsviertel. Was im feinen Viertel Salamanca eher schwierig ist. Entlang der Calle Serrano führen Franzosen, Italiener und Deutsche Läden, in denen ich mich für 300.000 Euro einkleiden könnte, wenn ich das denn wollte. Die Herren Vuitton, Armani und Boss werden aber eher selten in ihren Läden gesichtet und wohnen auch nicht gerade in der Nähe. Das unterscheidet sie grundlegend von den Ladenbesitzern in Lavapies. In Salamanca, scheint mir, werden Kinder am Samstagvormittag nicht zum Brötchenholen, sondern zum „Kleiderkaufen“ geschickt. Aus „Acht Mohnbrötchen, fünf Sesam und eine Breze!“ wird „Acht Sommerkleider, fünf Oberteile und eine Jeans!“. Kinder und Jugendliche streunen durch die Designerläden und kommen mit vollgepackten Taschen wieder heraus. Auch spanische Familien mit adrett gekleideten Kindern (kurze Hosen, Kniestrümpfe, Lederslipper) sieht man hier flanieren. Man zeigt was man hat – und wenn es nur die eigenen Kinder sind. Ganz anders geht’s in Chueca zu, dem Schwulen- und Lesbenviertel von Madrid. Hier fand vor Kurzem der „Dia del Orgullo Gay“ statt. An diesem bunten Wochenende zelebrieren alle gleichgeschlechtlichen Paare ihre sexuelle Orientierung. Christopher Street Day in der spanischen Version. Eigentlich aber sehr ähnlich: Eine fröhliche Fiesta mit einer Parade, mit Transvestiten, die mit tiefen, verrauchten Stimmen spanische Schlager interpretieren, mit Konfettiregen und lauter Musik. Man zeigt was man hat – und wenn es nur die eigenen Brusthaare sind. Seit dem Tod Francos im Jahr 1975 wurde Spanien und vor allem Madrid immer offener und liberaler im Umgang mit Homosexuellen. Nach einer Verfassungsänderung steht die Ehe zwischen Homosexuellen in Spanien der Ehe zwischen Heterosexuellen gleich - zum Mißfallen von Papst Benedikt, der vergangenes Wochenende zum Weltfamilientreffen in Spanien weilte. Bei all der Vielfalt frage ich mich, nur nebenbei und ganz zum Schluss, wofür es in Madrid eigentlich noch mehr Stadtviertel braucht? Diese vier Viertel sind doch, nicht nur mathematisch, eine wunderbare Stadt. Illustration: Eva Hillreiner

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