Geld verdienen in Madrid, oder: Es handelt sich um Ihr Sperma, Philipp!

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Nach den ersten Wochen in Madrid suchte ich mir einen Job. So kam ich in eine schöne Madrider Stadtwohnung und gab einmal die Woche León, 14, und Martín, 11, Deutschnachhilfe. Na ja, eigentlich war ich dazu da, eben „da“ zu sein, wenn die Hausangestellte ging.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Vor dem ersten Deutschtest von León stellte ich mir die Frage: Was ist „pädagogisch wertvoll“? Aus finanzieller Sicht („bare Werte schaffen“) geht es ja eigentlich um schlechte Noten! So kann man demonstrieren, dass „da noch viel zu machen ist. Also: packen wir’s an!“ Oder geht es doch um gute Noten, dass die Eltern mich am Ende entlassen können, weil ich nicht mehr gebraucht werde? Der moralische Konflikt löste sich schnell, da León in der Schule eine hervorragende 5+ schrieb („mit Luft nach oben“). Dafür war ich ihm sehr dankbar, denn nun war Aufbauarbeit gefragt. Auf seine nächste Klassenarbeit konnte ich ihn aber nicht vorbereiten, weil ich krank war. Er schrieb eine 2-. Er empfing mit fortan mit einem Lächeln. "Wenn du kommst, Philipp,", sagte er, "schreibe ich zwei Noten schlechter. Wenn du nicht kommst, eine Note besser. Du musst also nur nicht kommen!" Ich nahm ihn so ernst, wie man einen 14-jährigen eben ernst nehmen muss und sprach von "langfristigen Effekten". Genau wie deutsche Kanzler immer sagten, dass sich Steuersenkungen erst "mit zeitlicher Verzögerung" auf den Arbeitsmarkt auswirken. Mein zweiter Job führte mich zur elfjährigen María. Sie brauchte Hausaufgabenbetreuung. Hierfür fuhr ich zweimal die Woche in eine Siedlung im Norden Madrids, in eine Wohngegend voller SUV’s (Sport-Utility-Vehikels) und Swimmingpools. María war wissbegierig und es machte großen Spaß, sie zu unterrichten. Sie schrieb schnell bessere Noten. Ich hätte nicht gedacht, dass mir Kinder einmal so aufmerksam zuhören würden. Noch dazu Mädchen! Seitdem wünsche ich mir eine Tochter. Da ich aber immer noch genug Zeit und noch immer zu wenig Geld zur Lebensfinanzierung hatte, hielt ich die Augen offen. Ich sah den Aushang eines Friseursalons, dessen Betreiber eine Aushilfe suchte. Der nur an wenigen Stellen nicht tätowierte Besitzer grinste mich vielsagend an: „Bring nur deinen Lebenslauf vorbei, dann sehen wir schon. Mit Bild, bitte!“ Da in diesem Friseursalon nicht nur die Angestellten, sondern auch fast die ganze Kundschaft David Beckham von Real Madrid nicht nur für seine Fußballkunst verehrte, ging ich erstmal an die frische Luft. Mit dem festen Willen, doch nicht dreimal die Woche den Leuten im Schwulen- und Lesbenviertel den doch recht einheitlich gebürsteten Kopf waschen zu wollen. Es ergab sich schnell eine neue Job-Chance. Per Mail wurden Leute für eine Gerichtsshow im spanischen Privatfernsehen gesucht. Vor allem Erasmus-Studenten mit eindeutig fremdländischen Äußeren waren gefragt. Ich schaute in den Spiegel und sah einen Deutschen, einen Schweden, einen Norweger: blond und blauäugig. Also schrieb ich zurück: „Sehr interessiert!“ Daraufhin rief mich eine Frau an, die mir die Probeszene schickte. Darin wurde ich verdächtigt, eine Frau umgebracht zu haben, mit der ich ein Verhältnis hatte. In einer Verhör-Situation mit einem spanischen Polizisten sollten mir Sätze wie der folgende entgegnet werden: „Es handelt sich eindeutig um Ihr Sperma, Philipp! Sie haben mit ihr geschlafen und sie dann erdrosselt!“ In der anderen Szene war ich ein Zeuge, der die Polizei gerufen hatte, weil dessen Freund gestorben war. Ich hätte wenig sagen müssen, dafür aber aber weinen. Ich sah mir die Internetseite der Sendung an und merkte, dass die spanischen Gerichtsshows noch billiger anmuten als die deutschen. Und da ich, als ich die zweite Szene vor meinen Mitbewohnern einstudieren wollte, immer eher lachen als weinen musste, sagte ich das ganze Casting schlussendlich ab. Da tat sich mein dritter Job auf! Ich sollte einmal die Woche mit dem siebenjährigen Alex spielen und Deutsch sprechen. Auch er ging auf die Deutsche Schule in Madrid. Auch er sollte seine Deutschkenntnisse verbessern. Wir spielten Playmobil, Fußball und Monopoly. Das heißt, der kleine Alex spielte „Bescheißen“. Beim Playmobil, beim Fußball, beim Monopoly. Er zerstörte mit seinen kleinen Händen meine Ritterburg, er machte im Park aus einem 3:4 ein 3:2, er kaufte sich die Schlossallee, baute Hotels und sorgte dafür dass ich „draufkam“ und bezahlen musste. Ich lernte damit zu leben, schließlich war er jung und ich brauchte das Geld.

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