Leben in Madrid oder: wie spanische Gelassenheit Schimmel beseitigt

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Seit Sylvester habe ich kein Glück mehr. Damals, vor gut einem halben Jahr, war in meinem Leben noch alles in Ordnung – gerade hatte ich mich in Madrid eingelebt und der Jahreswechselabend stand bevor. Ich feierte mit Freunden an der Puerta del Sol, nur einen Raketenwurf von meiner Wohnung entfernt, wo uns eine feiernde Menschenmasse erwartete, die aus Betrunkenen, Touristen und betrunkenen Touristen bestand. Die einzigen Madrilenen schauten – que sofisticado – mit gefüllten Gläsern in der Hand von ihren Balkonen auf das einfache Touristenvolk herab und überließen das Zentrum lieber den „giris“ (Touristen), die alles dafür taten, sich gekonnt und gezielt daneben zu benehmen. Sie warfen (gekonnt) Gegenstände „in die Luft“ oder urinierten in die Blumentöpfe vor der Stadtverwaltung (und gezielt daneben). Um kurz vor zwölf starrten wir alle auf die große Uhr im Glockenturm der Casa de Correos und aßen bei jedem Glockenschlag eine Weintraube. Diese spanische Tradition soll Glück bringen fürs folgende Jahr. Nun, von Traditionen halte ich normalerweise sehr viel, aber diese ist mehr als gewöhnungsbedürftig. Die „Stiftung Traditionentest“ kommentierte kürzlich das hastige Traubenessen der Spanier mit den Worten: „Spitzenreiter unter den längst hinfälligen Sylvestertraditionen. Erhebliche Mängel in puncto Praxisbezug – jede Sekunde eine Traube verschlingen zu müssen ist eine Zumutung für jeden Jahreswechsler, das Schlucken wird zur Qual. Erheblich kleinere, weil vertrocknete Trauben (auch bekannt als Rosinen), lösen das Problem nur ansatzweise. Gravierende Mängel auch beim selbsternannten Anspruch, Glück bringen zu wollen. Gesamturteil: Mangelhaft.“ Ich kann mich dem Urteil anschließen, denn seit dem lustigen Traubenessen läuft es nicht mehr besonders rund in meinem Leben hier in Madrid: Als Nachhilfelehrer bin ich kaum noch gefragt, vor meinem Fenster wurde eine Großbaustelle eröffnet und in der Wohnung haben wir Wasser in der Wand. Seit die Eltern meinen Sprachvermittlungsdienst nur noch sporadisch in Anspruch nehmen, fehlt mir Geld für den Lebensunterhalt. Zur Zeit lebe und ernähre ich mich deshalb hauptsächlich von Bier, Feta und spanischen Tomaten – günstige Zutaten für einen „Tomaten-Feta-Salat an Bier-Vinaigrette“. Und während ich bei mittlerweile fast 38 Grad über neue, noch billigere Rezepte nachdenke („geschmolzener Feta“), höre ich durch mein geschlossenes Schlafzimmerfenster die Großbaustelle an der Puerta del Sol, im Zentrum Madrids, wo gerade ein unterirdischer Umsteigebahnhof für Langstreckenzüge gebaut wird. Wegen der Hitze gehen die Bauarbeiter nur noch in der Dunkelheit ans Werk. Wenn ich nun gegen drei Uhr nachts die Calle Montera, den benachbarten Straßenstrich, entlang schlendere, sehe ich all die Bauarbeiter, die mit den Prostituierten „Mittagspause“ machen: Sie sitzen auf dem Gehsteig, essen belegte Brote, trinken Bier. Nach der Mahlzeit verschwinden die Bauarbeiter mit den Damen in einem kleinen Hotel und investieren ihren Nachtzuschlag noch in der selben Nacht.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das ist Nachtarbeit á la Madrid und Nachtwache á la Philipp: Mir fällt seit Baustellenöffnung das Einschlafen so schwer wie das Aufwachen am nächsten Morgen. Und dann kam das Wasser und es ging der Strom. Wenige Wochen nach Sylvester fiel in unserer Wohnung der Strom aus und drei nicht ganz unwichtige Haushaltsgeräte gingen kaputt: der Herd, die Mikrowelle, die Waschmaschine. Sie war wohl auch der Grund der Malaise. So lernten wir Valentin und seinen namenlosen Kompagnon kennen. Die zwei spanischen Dilettanten schickte uns unsere Vermieterin Cristina und bezeichnete sie als Fontaneros (Klempner). „Wo liegt das Problem?“ fragte Valentin. Wir erklärten, dass wir Wasser in der Wand hätten. Sie schauten sich alles an und sagten, sie kämen direkt von einer Baustelle und im übrigen morgen wieder. Sie hatten weder Werkzeug noch Arbeitslaune mitgebracht. Nachdem wir in den folgenden Tagen mehrfach versucht hatten, Valentin und seinen namenlosen Kompagnon zu erreichen, tauchten sie zwei Wochen später unvermittelt wieder auf. Unangemeldet. „Hola, wie geht’s? Wir haben viel gearbeitet die letzten Tage. Mussten ausspannen!“ begrüßte mich Valentin offensichtlich gutgelaunt, in der Hand eine Plastiktüte, die auf Mitbringsel schließen ließ. Er war verschwitzt und braungebrannt, seine grauen Haare glänzten. „Naja, die Wand schimmelt schon“ , meinte ich. „Hast du ein Messer?“ fragte er. Ich gab ihm eines unserer Küchenmesser. Valentin schraubte damit die Waschmaschine auf. Offensichtlich hatten sie diesmal wieder kein Werkzeug, aber immerhin eine leere Plastiktüte mitgebracht. Valentin und sein Kollege teilten mir nach einer sehr kurzen Inspektion der Waschmaschine mit: „Wir verstehen keine Waschmaschinen.“ Ehrlichkeit kann manchmal auch beeindruckend sein. Immerhin kratzten sie daraufhin mit dem Messer den Schimmel ab und verputzten die Wand neu. Für die Reparatur der Waschmaschine bestellte unsere Vermieterin dann einen „Spezialisten“, auf den wir gespannt warteten. Er hieß Pablo, arbeitete nicht schwarz wie Valentin und sein Kompagnon, dafür effektiv, schnell, präzise. Im Vergleich zu Valentin war Pablo fast langweilig. Pablo erinnerte mich einen Moment lang an Deutschland. Vielleicht, dachte ich mir dann, hat „Glück“ gar nichts mit „Funktionieren“ zu tun. Ich freue mich schon auf Sylvester. Illustration: Eva Hillreiner

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