Studieren in Madrid oder: Gebräunte Dekolletes und die Kampagne "Land der Launen"

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Studieren in Madrid, das ist für einen fleißigen Mitteleuropäer gar nicht so einfach. Das spanische Wetter ist für meine Begriffe einfach zu trocken, zu heiß, eben zu südländisch, als dass es einer anständigen Arbeitsatmosphäre dienlich sein könnte. Wer geht in die Bibliothek, wenn sich draußen keine einzige Wolke den Sonnenstrahlen in den Weg wirft? Dummerweise macht es mir die kulinarische Infrastruktur meiner Fakultät auch nicht leichter. In der hauseigenen Cafeteria samt angeschlossener Bar nämlich befindet sich eine Maschine. Diese Maschine machte es mir zeitweise unmöglich, ein geregeltes Studium überhaupt aufzunehmen. Sie ist allem Anschein nach ein getunter Kaffeeautomat aus einem deutschen Krankenhaus. Man braucht nur Münzen hineinwerfen, worauf sie einen Bon ausspuckt, mit dem man sich beim Barkeeper Gin Tonic, Whiskey oder ein kaltes, spanisches Bier abholen kann.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Gern nahm ich mir ein Beispiel an meinen spanischen Kommilitonen: Die tranken bereits mittags kleine kühle Biere („cañas“), um danach leicht benebelt und gutgelaunt Wort für Wort mitzuschreiben, was der Professor verträgt, äh…, vorträgt. Ob Alejandro Amenábar auch mittags den cañas zusprach? Der spanische Regisseur ist Star und Stolz meiner Fakultät, er hat hier vor einigen Jahren „Audiovisuelle Kommunikation“ studiert und drehte unter anderem mit Nicole Kidman „The Others“. Amenábar ist gerade mal 34 Jahre alt und hatte bereits großen Erfolg. Und ich? Habe noch einiges vor mir. Ich muss meine Tätigkeit als „Deutscher Botschafter der guten Laune“ endlich mit Inhalten füllen. Ein Slogan muss her, eine Imagekampagne, hier in Spanien, zur WM! Die ersten Ideen („Gute Laune – Made in Germany“ und „Dahinter steckt immer eine gute Laune. Deutschland.“) verwarf ich schnell, da erste Ideen in der Regel nicht die Ausgereiftesten sind. Ich entschied mich stattdessen für den Claim: „Land der Launen“. Der ist authentisch und realitätsnah. Er beschreibt und kommuniziert ehrlich die deutsche Befindlichkeit. Dazu kann ich als Botschafter stehen, das kann ich erklären, ja: sogar leben! In Gedanken plakatierte ich Madrid mit dem Claim und schlenderte durch meine Fakultät. Wieder einmal hatte ich das seltsame Gefühl, von allen angestarrt zu werden. Zu Recht, wie ich mittlerweile weiß! Ich komme mir manchmal vor wie ein neugeborenes Elefantenbaby im Zoo, weil ich etwas habe, was man in Deutschland recht häufig findet, was in Spanien aber eher selten zu finden ist: Ich habe blonde Haare und blaue Augen. Allein dieser Umstand hat zur Folge, dass sich hier in Madrid die Leute für einen interessieren. Unter anderem auch Studentinnen, die mein Fach „Werbung und Public Relations“ studieren. Nun ist das, wäre ich Single, eine recht nette Vorstellung - so allein unter Frauen. Aber ich bin ja schließlich glücklich vergeben und so plagen mich nun angesichts der spanischen, sonnengebräunten Dekolletes doch ein wenig Schweißausbrüche... Sie bringen mich genaugenommen aus dem Konzept! Jahrelang habe ich verzweifelt nach einer Frau gesucht - und nun soll hier in Spanien alles so einfach sein? Nur weil ich blond und blauäugig bin? Hemmungslos überfordert vom spanischen Temperament (die Damen sind mitunter sehr hektisch und laut) besann ich mich auf meine mir angeborene Schüchternheit und ließ mich auf tiefer gehende Gespräche nicht weiter ein. So wurde ich dem neuen Laune-Claim gerecht, bekam meine Schweißausbrüche in den Griff und machte eindeutig klar: So einfach bin ich nicht zu haben. Illustration: Eva Hillreiner

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