Das erste Semester – eine Bilanz

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Folge 1: „In Yale sind die Rollos auch mal kaputt“ Lars Weisbrod, 20, studiert seit Oktober 2005 Germanistik, Philosophie und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Universität zu Köln. Ist das erste Semester ein wichtiger Einschnitt im Leben? Es heißt ja immerhin, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, und ein bisschen Recht hat der angestaubte Hesse damit schon. Man bekommt schließlich die seltene Chance, jetzt alles besser zu machen als früher. Anfänge sind spannend, weil das, was man gerade tut, entscheidend sein könnte für den Rest des Studiums und des Lebens. Zumindest glaubt man das. Der erste Eindruck ist der Wichtigste, heißt es ja auch. Neben wen man sich setzt, welche Witze man erzählt, wohin man abends geht und was man anzieht – was sonst normal und egal ist, wird plötzlich wichtig und besonders sorgenvoll bedacht. Was man als Erstes an der Uni Köln als Anfänger lernt, ist dagegen ganz banal: möglichst geschickte Strategien, um den Flyer-Verteilern und Abo-Anwerbern vor der Mensa zu entgehen. Was ist zu tun, wenn einem ein Flyer hingehalten wird? Persönlich habe ich da drei Favoriten. 1. Den Kopf schütteln und möglichst niedlich lächeln. 2. Die Arme vollkommen überrascht zu einer Kapitulationsgeste hochreißen. 3. So tun, als hätte man keine Hände (in den Ärmeln verstecken). Studiere ich das Richtige? Als zweites habe ich gelernt, dass Zweifeln sicher nie aufhört. So unsicher, wie ich nach dem Abitur darüber war, was ich studieren will, bin ich immer noch: Was ich am liebsten lernen will, werde ich wohl nie so genau wissen. Freunde, die jetzt erst ihr Abitur machen, kann ich nicht damit trösten, dass die Unschlüssigkeiten verschwinden, wenn man einmal mit dem Studieren angefangen hat. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so dramatisch, die Unsicherheiten sind eben dauernd da, das kann ja auch ein Trost sein. Und zumindest kann ich sagen, dass ich im Gegensatz zu vielen meiner Kommilitonen nach dem ersten Semester keins meiner Fächer gewechselt habe. Ich glaube, das könnte ich gar nicht: ein Fach ganz aufgeben oder das ganze Studium abbrechen. Ich hätte wohl ein furchtbar schlechtes Gewissen und wäre zu gekränkt in meinem Ehrgeiz (Selbstliebe passt hier wohl besser). Das Studium hat für mich also direkt eine fatale Eigendynamik entwickelt, was mir zum Verhängnis werden könnte – oder auch gerade nicht. Aber wahrscheinlich denke ich in zwei Jahren sowieso anders darüber und schmeiße alles hin. Hurra, unsere Uni ist im Mittelfeld Aber in Köln zweifelt man nicht nur darüber, was man eigentlich noch mal studieren wollte, sondern auch, warum man das unbedingt hier tun muss. Die Albertus-Magnus-Universität ist schließlich nicht als das deutsche Yale bekannt – man freut sich eher, wenn man sie im Focus-Ranking wenigstens noch im Mittelfeld findet. In den schlechten Momenten malt man sich dann aus, wie schön es doch sicher an der LMU wäre oder in Berlin. In den guten Momenten ist es mir wurscht und ich denke: In Yale sind die Rollos sicher auch mal kaputt. 200 Kilometer an die Uni Einmal, ganz zu Beginn habe ich mich gefragt, wie man mich wohl als Erstsemester enttarnen kann? Heute weiß ich: Wer pünktlich ist, liefert schon mal ein Indiz. Und richtig deutlich wurde mein Erstsemester-Status, wenn ich erzählte, dass ich noch nicht in Köln wohne. Es ist viel schlimmer, ich fahre jeden Tag 200 Kilometer mit dem Zug. Gut, für das nächste Semester habe ich mir fest vorgenommen, eine Wohnung zu suchen – wenngleich ich auch dann wenig Lust haben werde, mir in der ganzen Stadt Wohnungen anzuschauen und blöde Internetportale zu durchforsten. Ich bin zu perfektionistisch, wenn es um Materielles geht. Eine Woche brauche ich, um mir einen neuen Pullover zu kaufen. Weil ich jedes Mal denke: Es gibt sicher noch einen anderen, der dir besser gefällt. Wie soll ich da bitte eine Wohnung finden? Erstsemester hin oder her, es liegt also beileibe nicht an Köln, dass ich noch nicht umgezogen bin. Ich mag die Stadt, sie ist schön. Nun ja, zumindest auf gewisse Weise. Und sowieso gibt es ja auch viele Gründe, Hässliches zu mögen. Ganz einfach: Freunde finden Was, seltsamerweise, viel einfacher als die Wohnungssuche war (ich hatte nur Gegenteiliges gehört): Freunde finden. Das passierte einfach so. Schwupps. Darüber denkt man nach, wenn man das erste Semester hinter sich hat und schüttelt mit einem Lächeln den Kopf: Wäre ich an dem einen Abend nach Hause gefahren und eben nicht an der Uni geblieben und dann ins Kino gegangen, dann hätte ich nicht mit dem Studenten neben mir gesprochen und würde jetzt vielleicht mit ganz anderen Menschen um die Häuser ziehen. Oder mit gar keinem. Wer weiß. Ich kann es Zufall nennen oder auch, wie eine meiner Kommilitoninnen, Schicksal. Am Ende ist es nur schön zu wissen, dass Freundefinden so einfach sein kann

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