Macht Freiheit einsam? Die Plätze 2 und 3 des Essay-Wettbewerbs

Gemeinsam mit der "Initiative Freiheit" rief jetzt.de vor kurzem dazu auf, Essays zu der Frage Macht Freiheit einsam? zu verfassen. Mehrere Hundert spannende Beiträge erreichten uns. Die Jury hat beraten und in den vergangenen Tagen haben wir die Plätze 10 bis 4 im Label EssayWettbewerb veröffentlicht. Heute stellen wir die Plätze zwei und drei vor. Am Mittwoch erscheint hier und auf der jetzt.de-Seite in der Süddeutschen Zeitung das Siegeressay. Platz zwei belegt Peter Wünschinger*, 25 Jahre. Er studiert in Berlin Philosophie und Katholische Theologie. Sein Beitrag trägt den Titel Es tut uns ja auch leid. Die Jury lobt, dass Peter gängige Annahmen auf den Kopf stellt und neue und kluge Gedanken spinnt. Platz drei belegt Tobias Haberkorn. Sein Beitrag, zu lesen auf der nächsten Seite, ist mit Wir sind so frei überschrieben. Die Jury findet den Text fulminant geschrieben, eine "Tirade", die von großem Überblick zeuge.
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Illustration: Julia Schubert



Platz 2: Peter Wünschinger*, 25, mit "Es tut uns ja auch leid"

Holm Keller ist Kulturmanager und Dramaturg, zurzeit Kanzler der Universität Lüneburg und Mitglied der Jury. Er schreibt zum Text: "Dieser Essay ist einfach in sich stimmig. Die ohne störende Brüche erfolgenden Gedankengänge werden von einer sehr ausgefeilten, flüssigen Sprache getragen und durch sie entfaltet. Der Essay liefert ein konzentriertes Bild der konsequenten Freiheitsverweigerer - talentierte, kreative, absolut arbeitsbeflissene Realo-Hippies, die sich im immer schneller von ihnen angetriebenen Rad der Paradoxa ihrer Generation selbst verwirklichen."

Man könnte zur Abwechslung damit beginnen, sich den Praktikanten als glücklichen Menschen vorzustellen, um dann zu fragen, warum er nicht glücklich ist. Man könnte fragen, warum es arbeitslos und nicht arbeitsfrei heißt, um dann zu überlegen, was Arbeit überhaupt mit Freiheit zu tun hat, und was es bedeutet, eine Generation nach einem Arbeitsverhältnis zu benennen, dass eigentlich ein Verhältnis zur Arbeitslosigkeit ist. Man könnte den Zynismus wagen, festzuhalten, dass unbezahlte Arbeit auch eine Form von Unabhängigkeit ist. Unrasiert und dennoch alle drei Wochen einen neuen Job. Hier bekommt man Geld dafür, ganz individuell man selbst zu sein – das heißt, es gibt natürlich kein Geld, damit am Ende niemand denkt, er hätte sich selbst verkauft. Entfremdet wird hier nicht mehr! Anstatt Ausbildung zur Arbeit, Arbeit als Ausbildung – und das, solange man sich ein Praktikanten-Leben leisten kann. Früher wollten alle reich werden, heute sind wir talentiert, und jeder weiß, dass der Praktikant die Festangestellten längst überflügelt hat. Aus Höflichkeit kommt er dafür immer ein bisschen zu spät. Kein Grund also für ständiges Selbstmitleid.

Inzwischen kursiert unter dem Stichwort Digitale Bohême ein Modell des freiberuflichen Praktikanten, das versucht, die Selbstmitleidsgemeinschaft zu verlassen, um mit elektronischen Mitteln den Traum der Vereinbarkeit von Individualität, Freiheit und Karriere zu leben: Projekt-orientiert, spontan, mit Spaß bei der Sache und völlig überflüssig. Denn die einzigen, die die Digitale Bohême brauchen, sind die Bohêmiens selbst – und die können sich ja auch nicht bis ans Ende der Tage gegenseitig zum Milchkaffee einladen. Zum langen Weg zur Einsamkeit, Erschöpfung und Desillusionierung der Praktikantenschleife ist es im Grunde nur eine Abkürzung – immerhin bezahlt und mit Kaffee. Aber ist es nicht seltsam? Wie der Versuch, durch Reichtum frei zu werden, sich langsam gedreht hat, und nun jeder glaubt, durch Freiheit reich werden zu können? Diese komische Vorstellung von Freiheit, die sich darin zu erschöpfen scheint, für Selbstverwirklichung schlecht bezahlt zu werden, lebt von der Eigenschaft, die sie zu schaffen glaubt: Individualität.

Es mag ein Selbstschutzmechanismus derer sein, die feststellen, dass das, was sie Arbeit nennen, keine ist, aber die unselige Verknüpfung von Individualismus und Karriere scheint auf eine Diskriminierung der Normalität hinauszulaufen, die eine soziale Ungerechtigkeit birgt. Nämlich immer dort, wo sich die Vorstellung von bezahlter Selbstverwirklichung soweit durchgesetzt hat, dass ein Selbst ohne Arbeit gar nicht mehr denkbar ist, gleichzeitig aber nur die einen Job bekommen, deren individuelle Talente überhaupt verwirklichungswert scheinen. Vielleicht ist es Zeit, sich daran zu erinnern, dass Freiheit auch bedeutet, sich mit seinem Arbeitsplatz nicht identifizieren zu müssen. Schließlich ist man schon das ganze Wochenende man selbst.

Vielleicht sollte man Generationen nicht an ihren Arbeitsverhältnissen, sondern an ihren Sehnsüchten messen. Dazu müsste man einen Blick zwischen die Kopfhörer werfen: All die traurigen Lieder für den selbstgewählten Autismus in der U-Bahn. Die teilweise obszön zelebrierte Einsamkeit zwischen Indie-Pop und Rührung. Das Leben, so scheint es, findet mit geschlossenen Augen statt, jenseits der Festanstellung – das ist schon wahr – aber eben auch jenseits der Arbeit überhaupt, jenseits der Selbstverwirklichung, irgendwie auch jenseits der Welt. Der Digitalen Bohême wird eine digitale Romantik entgegengesetzt, die gegen das Ideal einer Freiheit, die am Ende einsam macht, auf eine Ästhetik der Einsamkeit setzt, die sie befreit. Alles, was sie dazu benötigt, ist eine Politik, die den Rahmen sichert, aus dem man getrost fallen kann. Solange die Freiheit nicht bedroht ist, kann man es sich leisten, auf sie zu verzichten, für ein Gefühl von Sehnsucht nach irgendeiner Form von Nähe.

Ja, Nähe! Die Digitale Bohême umarmt die Informationstechnologie kollegial, die Digitale Romantik umarmt sie zärtlich. Und ist damit genauso dumm, zu glauben, dass sich hierarchische Strukturen und der Gewinn, den man aus ihnen ziehen kann, ohne Reibungsverluste in kollegiale beziehungsweise freundschaftliche Strukturen aufheben lassen.

Aber wie immer bei dem Versuch, eine Struktur menschlich zu gestalten, kommt es schneller zu einer strukturellen Verunstaltung des Menschen selbst.

Was mal als Berufs- Sozial- und Liebesleben die Fragmente eines glücklichen Lebens bildete, wird nun, ohne Blick auf das Risiko, zu Freundschaft verbreit. Die sexuelle Aufklärung erlaubt es ja längst, körperliche Bindungen jenseits einer festen Partnerschaft einzugehen, das Internet ermöglicht es, Beziehungen jenseits der Köper zu schließen und der Wegfall von festen Arbeitszeiten führt nicht zu mehr Freizeit, sondern zu einer Grauzone, in der man irgendwie immer und irgendwie nie arbeitet. Die Verwandlung von Kollegen in Freunde und von Freundschaften in Netzwerke macht nicht alles netter, sondern Nettigkeit selbst zu einer Art Beruf. Und der ist so anstrengend, dass man gar keine Zeit hat, das Netzwerk, das man knüpft, überhaupt in Anspruch zu nehmen. Nicht zufällig gehen der Freundschafts-Boom und die Angst vor der Einsamkeit Hand in Hand. Es wird nicht lange dauern, bis Sex unter Freunden vom Tabu zur Regel wird. Auch das ist eine Folge der Einsamkeit. Und es wird von da an wieder nicht lange dauern, bis man feststellt, dass das Ideal der Freundschaft der große Irrtum dieser Generation war. Ein Irrtum immerhin, der weniger Schaden angerichtet haben wird, als so manch ein Irrtum der Freiheit.

Und das ist, warum ihr uns nicht versteht.

Die Eigenart dieser Generation ist ihre konsequente Freiheitsverweigerung. Dass wir, wo immer es möglich ist, Freiheit für Gefühl aufzugeben bereit sind. Wir sind Realo-Hippies, sozusagen, und Langeweile unsere Selbstverteidigung. Selbst unsere Drogen sind irgendwie fad. Wir wissen, dass man, um alles richtig zu machen, auch ein bisschen was falsch machen muss. Wir sind schon okay und unsere Harmlosigkeit kotzt euch an! Denn in dieser vermeintlichen Harmlosigkeit verweigert die Digitale Romantik die Handreichung mit den Revolutionären und Rebellen vor ihnen, die nun registrieren, wie alt sie geworden sind.

Wir treten aus der Tradition von Freiheitskämpfern aus, um das zu leben, wofür sie gekämpft haben. Es tut uns ja auch leid, falls wir damit jemanden enttäuschen. Aber letztlich ist unsere Harmlosigkeit auch unsere Stärke. Politik, und was damit zusammenhängt, ist für uns ein Praktikumsjob jenseits unserer Einsamkeit. Den werden wir natürlich kreativ, beflissen und pünktlich erledigen.

In der TEMPO (wer bitteschön hat die denn gefragt?) erwartet Georg Diez von uns einen Ausbruch aus der Harmlosigkeit. Ein bisschen Eindeutigkeit, ein bisschen mehr revolutionären Zorn bitteschön, ein bisschen französische Verhältnisse. Aber ist es nicht auch ein bisschen unfair, uns vorzuwerfen, dass wir keine Autos anzünden? Schließlich hätten wir wirklich das Zeug dazu, die Welt zu retten. Wir befürchten nur, wir kommen ein bisschen zu spät.

Auf der nächsten Seite liest du den Text von Tobias Haberkorn. Er trägt den Titel "Wir sind so frei" und brachte Tobias Platz drei im Wettbewerb ein.





Platz 3: Tobias Haberkorn mit "Wir sind so frei"

Mateo Kries leitet das Vitra Design Museum in Berlin und ist Mitglied der Jury. Er schreibt über den Text: "Tobias Haberkorns Essay ist fulminant geschrieben. Keine gestutzten Sätze oder Gedanken, sondern eine Tirade, in der nicht nur die Möglichkeiten von Freiheit, sondern auch die damit einhergehende Verwirrung greifbar wird. Dennoch ist sein Text präzise verfasst, zeugt von großem Überblick und ehrlicher Betroffenheit."

Es ist der letzte Imperativ, den wir Nachgeborene der Unfreiheit vernehmen. Mauern, eiserne Vorhänge und andere Schranken sind gefallen, seit wir auf die Welt kamen. Uns wird glauben gemacht, in der entgrenzten Moderne sei die Freiheit tatsächlich grenzenlos, dank Cyberspace, Billigfliegern, harmonisierten Märkten, work&travel und, wenn's mal eng wird, Papas nötigem Kleingeld. Dafür diktiert uns der Zeitgeist ins Bewusstsein: "Du sollst frei sein!" Und mit diesem Befehl muss man erstmal zurechtkommen.

Wie war das noch bei unseren Großeltern und Eltern? Gegen den Muff von tausend Jahren, gegen Castor und Pershing-II, für die enthemmte Liebe und das Ausschlafen auch an Wochentagen. Das "Ende der Geschichte" entzauberte zwar euren Jugendeifer, aber immerhin habt ihr uns in eine Welt gesetzt, in der wir uns nicht mal mehr von euch befreien müssen. Stattdessen gehen wir lieber gemeinsam Bier trinken oder auch mal in die Oper. Wir sind privilegiert, keine Frage, denn wir stammen aus der Mittelschicht und genießen trotzdem die Freiheit, unsere Ausbildung, unsere Reisen, Projekte und Praktika nach Belieben, manchmal auch zusammenhangslos, aneinanderzureihen. Dafür weht uns der globalisierte Wind schärfer ins Gesicht. Kampagnen zu privater Altersvorsorge und Ich-AGs säumten unsere Jugendzeit; wir haben verstanden, dass jeder auf sich alleine gestellt ist.

Doch bevor wir an die Risiken der entgrenzten Welt denken, greifen wir zuerst nach den unerhörten Möglichkeiten. Früher genügte vielleicht ein Joint zu New Yorker Garagen-Rock, um euren Freiheitsdrang zu stillen. Für uns sollte es heute mindestens eine Rucksacktour durch ein Land sein, in dem wir vom Essen Durchfall bekommen und in dessen Sprache wir nicht mal ein Etagenbett mieten könnten. Aber wozu das überstrapazierte Wir überhaupt? In Kollektive steckt man uns nur unter Protest, und erst recht nicht in die Schublade "Generation P.". Wir nehmen Unabhängigkeit mindestens so wichtig wie Freiheit, eigentlich sind das für uns Synonyme. Für euch war Freiheit eine gemeinsame Unternehmung, bei uns kämpft jeder für sich: Wer ist hier eigentlich am freisten?

Es scheint aber auch so leicht zu sein. Die Globalisierung planiert die Erde für uns, macht sie so flach wie die Hierarchien der Projektteams, die auf unsere temporäre Mitarbeit setzen. Mit Broken English und jugendlicher Abenteuerlust stehen uns Berufswege offen, die ebenso wenige Grenzen kennen wie die Geldströme multinationaler Unternehmen. Der Schritt vom Praktikanten zum Junior Manager ist oft ein kleiner, ebensogut kann man nach dem x-ten Praktikum aber auch wieder mit leeren Händen dastehen. Mobilität und Risikofreude sind gefordert, und wir springen auf den beschleunigten Zug der Zeit, alleine um nicht abgehängt zu werden.

Und auch wenn uns die frei-flache Welt keine Enttäuschungen erspart, puzzeln wir unser Leben weiter nach Kräften zusammen. Schließlich wollen wir so wenige Freiheiten ungenutzt lassen wie möglich. In handlichen Drei- oder Sechsmonats-Päckchen fügen sich Auslandssemester, Trainings, Freiwilligendienste, Jobs, Arbeitslosigkeit und serielle Partnerschaften zu unseren Lebensläufen zusammen. Die sind schon längst nicht mehr linear, sondern modularisiert. Jeder Abschnitt bildet eine auswechselbare Einheit mit Erfahrungen, E-Mail-Adressen, einer handvoll Erinnerungen und ein paar hundert Digitalfotographien. Wir sind nicht nur so individuell wie die Liste der Songs auf unseren MP3-Playern, sondern auch wie die Liste der von uns bewohnten Städte. So profilieren wir unsere hochgeschätzte Unabhängigkeit. Kein Wunder, dass unser Mainstream "Indie-Rock" heißt und unser Lieblingsaccessoire der Ansteck-Button ist, mit dem wir dem H&M-Jackett die individuelle Note geben. Wie jedermensch durchs Leben zu gehen, ist uns ein Graus.

Unsere Alleingänge durch die neue Freiheit haben aber auch kopfzerbrechende Nebenwirkungen. In schlaflosen Nächten plagt uns der Gedanke, trotz aller Aktivität nicht gebraucht zu werden. Für die Ströme der flachen Welt sind wir jederzeit ersetzbare Variablen, die nirgends richtig dazugehören. Wo finden wir Halt? Die Schreiber und Deuter unserer Elterngeneration sähen uns gerne als neue Biedermeier, die nach Sittsamkeit, Pantoffeln und Hausmusik streben. Vielleicht einmal, wenn wir in die Jahre kommen, im Moment aber erstickt unsere gruppendynamische Mobilität bürgerliches Leben im Keim. Und FDP wählen wollen wir, ehrlich gesagt, auch nicht alle.

Die im Zug der Zeit ganz vorne fahren, machen aus der neuen Haltlosigkeit eine Tugend. Ihre Zentrale ist Berlin und sie glauben an die "digitale Bohème" mit selbstbestimmten Arbeitsformen jenseits der Festanstellung. Laptop, Internet und ganz viel Kreativität sind die Zutaten, aus denen wenigstens soviel Kapital zu schlagen gilt, dass es für die moderaten Mietkosten reicht. Ihre Vorreiter schreiben nebenbei Bücher, dank deren Tantiemen es tatsächlich reichen dürfte. Ein Modell für eine wendige Elite, für eine ganze Altersgruppe taugt es wohl kaum. Nicht jeder beherrscht das Guerilla-Marketing des Netzes, um seine Träume zu Geld zu machen.

Dem von der neuen Freiheit aufgescheuchten Durchschnitt, weder Bohemien noch Biedermeier, bleibt der Jammer unserer Jungautoren. Wie deren Protagonisten können wir uns vor lauter Möglichkeiten weder für heiß noch kalt entscheiden. So mümmeln wir uns in den Deckmantel einer Generation, die nur das gemeinsame Pech vereint, und drücken uns längstmöglich auf dem lauwarmen Ruhekissen elterlicher Subventionen herum. Irgendwie (unser Lieblingswort) wird das schon gehen, später mal.

Und irgendwie sind wir auch verdammt alleine in der entgrenzten Freiheit. Der Baukasten, aus dem wir leben, ist voll verlockender Module, und es nimmt uns völlig in Anspruch, sie auszuwählen und aufeinander zu stapeln. Da muss ein Abendessen mit Freunden schonmal hintanstehen, und manchmal auch die große Liebe. Aber es mangelt uns nie an Projektionen auf Zukünftiges, mit denen wir emotionale Tiefs überbrücken. Immer in Bewegung bleiben, lebenslang lernen und niemals ankommen, meint der Zeitgeist. Dabei wird die Vergangenheit entwertet, denn man lässt die zurück, mit denen man sie teilt. Jedes auf Digitalfoto eingefrorene Lächeln steigert die Vergänglichkeit, und unsere Handys sind voll verwaister Nummern. Darum wollen wir zumindest die Gegenwart in hastigen Schüben konsumieren, so wie Party-Drogen.

Um der Einsamkeit abzuhelfen, die mit dem Kater folgt, hat die flache Welt neue Formen von Geselligkeit geschaffen. Ein zweites Leben fesselt uns vor die Bildschirme: Wir skypen, gruscheln und chatten uns durchs Internet. Gegen die Vergänglichkeit schreiben wir Blogs und laden Videos hoch. Wenigstens in der unendlichen Verästelung des Netzes wollen wir eine Spur hinterlassen. Wir treffen immer mehr Menschen, also müssen Anreize her, damit die wertvollsten Kontakt halten. Retuschierte Fotos auf MySpace können da helfen, oder Reiseberichte aus Neuseeland. Die Wertvollsten, ganz recht, denn wir evaluieren Profile schnell und suchen uns unsere Freunde natürlich aus, auf dem Jahrmarkt der Playlists und Eitelkeiten.

Besteht unsere Generation also aus eiskalten Egoisten? Von wegen, denn zu jedem lauthals-narzisstischen Blog finden sich mindestens zwei teestubig-verträumte. Dort legen wir unsere Masken ab, in zaghaften Gedichten zwischen Google-Kleinanzeigen. Wir sind eine Generation, die sich ihrer Romantik schämt. Statt sie persönlich vorzutragen, schicken wir sie lieber als Flaschenpost ins Netz. So heben wir das direkte Erleben auf und versichern uns gegen direkte Enttäuschungen. Wir verlernen natürliche Eleganz und begnügen uns mit virtueller Langeweile.

Und spätestens da sollten wir merken, wie der letzte Imperativ uns betrügt. Er bezirzt uns mit Cyber-Geselligkeit, damit wir uns mit einer verflachten Welt abfinden. Er legt uns Patchwork nahe, weil sein Projektrhythmus aus einem Guss nicht zu halten ist. Er lockt uns mit Praktika, aus denen keine Festanstellungen werden. Wir wollen aber unseren Lebensunterhalt verdienen und nicht nur Erfahrungen; unser Leben soll eine runde Sache sein und kein Flickwerk; und wir wollen auch angefasst werden statt nur gegruschelt.

Wir können etwas tun gegen den Imperativ, der uns scheinbar unvermeidlich in Module zerlegt und, noch schlimmer, in die Einsamkeit hetzt: Bewerbungen liegen lassen, ein Abendessen mit Freunden vorziehen, und anschließend keinen Blogeintrag darüber verfassen. Vom Zug der Zeit abspringen. Lernen, in den globalen Strömen den Anker zu werfen. Wieder politischer werden, damit wir uns künftig noch auf andere Institutionen als Google und Wikipedia verlassen können. Wir brauchen Mut, uns unserer eigenen Freiheit zu bemächtigen – auch der Freiheit, Nein zu sagen. Und vor allen Dingen sollten wir aufhören, verschämt zu jammern. Wir sollten brüllen, wenn unsere Freiheit nur zum Schein ist. Und wenn wir wieder lernen, das gemeinsam zu tun, wird es umso lauter sein.

*Name von der Redaktion geändert

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