Warum essen alle plötzlich diesen Schleim?

Eine Suche nach dem Sinn von Chia-Samen.
Von Max Sprick

Was ist so geil an Chia-Pudding? Diesem Schleim, der sich aus aufgequollenen Samen entwickelt und ein bißchen aussieht wie Kaviar. Aber nach wirklich gar nichts schmeckt. Und den sich grade trotzdem alle jungen Hipstermenschen in den Innenstädten zum Frühstück reinfahren, bevor sie in ihren Coworking-Space oder ihr Design-Büro gehen.  Ein "Superfood", sagen die, die ihn bewerben. Lebensverändernd (zum Guten) schreiben die, die in ihrer täglichen Ernährung auf Chia-Samen schwören. So gesund quasi, dass man schon abnimmt, während man den Pudding noch löffelt.

Nichts ist geil an Chia-Pudding, sagt die andere Hälfte. Ganz im Gegenteil, die Versprechen der Vertreiber seien nur Humbug. Kaum Magnesium, kaum Eiweiß, kaum Vitamin C. Wenn man sich so durchs Internet, durch Magazine und Blogs liest, scheint es fast, als polarisiere die Frage nach "Chia – gesund oder ungesund?" fast genau so sehr wie die Frage nach "Bayern München – geil oder nicht?".  

Alessa Kaiser zählt definitiv zu den Chia-Fans. Sie hat die Puddings nach München gebracht, hat in ihrer "LAX Eatery" in der Maxvorstadt nach eigenen Angaben als erste in der bayerischen Metropole Chia-Frühstück angeboten. Alessa lernte die Samen in Los Angeles kennen. Am Venice Beach, um genau zu sein. Dort, wo es von coolen, reichen Ökos nur so wimmelt. "Und die fahren voll auf Chia-Samen ab", sagt die 27-Jährige. Kaiser hatte sich zuvor mit gesunder Ernährung beschäftigt und suchte im Bereich Frühstück eine Antwort auf die Frage: Was macht satt, aber nicht dick? Bircher-Müslis, Haferflocken-Joghurts und Acai-Bowls gab es da schon an jeder Ecke. 

"Ich finde Chia-Pudding perfekt zum Start in den Tag", sagt Kaiser. Kaum Kalorien, ein leichtes Frühstück ohne Kohlenhydrate, das nicht schwer auf den Magen drückt. Man könne danach locker zum Sport oder ins Büro gehen. "Und weil die Samen nach dem Essen noch nachquellen, halten sie lange satt." Sie hübscht den Schleim mit Fruchtmus und frischen Obst-Stücken auf. Das macht ihn so vorzeigbar, dass so ziemlich alle Münchner Fashion-Bloggerinnen und jene, die sich für solche halten, längst bei ihr waren und Fotos von den Frühstücks-Gläsern gepostet haben. Für ihren #healthy #foodporn kassieren sie auf Instagram dafür nicht selten ein paar hundert Likes. Aber nicht nur die Ökos und Hipster stehen auf die Samen. "Ich habe eine Menge älterer Kunden, die nur wegen der Puddings kommen", sagt Kaiser. 

Magdalena Silber kann den Hype nicht nachvollziehen. Sie ist Diät-Assistentin und beschäftigt sich schon länger mit den Samen, die der Legende nach schon Mayas und Azteken im mittelalterlichen Südamerika Kräfte verliehen. Dieser Satz scheint auch sowas wie der Lieblingssatz der Menschen zu sein, die irgendwelche Öko-Food-Trends vermarkten. Die Vorstellung, wie ein schwer mit Muskeln bepackter, bunt bemalter Maya-Krieger sich erstmal eine Ladung Schleim reinballert, bevor er mit wildem Geschrei auf seine Gegner einhaut, ist zugegebenermaßen aber recht witzig.

"'Superfood' ist auf jeden Fall die falsche Bezeichnung für Chia", sagt Silber. "Das sind keine schlechten Lebensmittel, aber auch keine Wundermittel. Sie werden einfach in diesem veganen Wahn mitgehyped." Weil es bislang zu wenig Langzeit-Studien gibt, gibt es empfohlene Tagesmengen, die man nicht überschreiten soll. 15 Gramm – eine Menge, in der die Samen Silber zufolge im Vergleich zu heimischen Samen oder Nüssen hinterherhinken. Die hätten zwar mehr Kalorien, aber eben auch mehr gute Fettsäuren, mehr Eiweiß, mehr Ballaststoffe. "Und man sollte nicht vergessen, dass Chia-Samen keinen besonders guten ökologischen Fußabdruck hinterlassen."

Die Samen werden hauptsächlich aus Mexiko importiert, nur da wachsen die Salbei-Gewächse, die sie produzieren. Vor nicht allzu langer Zeit war es ziemlich schwer und teuer, sie in Deutschland zu kaufen. Heute sind sie viel günstiger, es gibt sie in jedem Drogeriemarkt und Supermarkt-Discounter. Ein Kilo Samen kostet je nach Anbieter zwischen fünf und zehn Euro

Also, was ist nun so geil an den Körnern? Ein gesundheitlicher Nutzen wurde ihnen bislang nicht nachgewiesen. Vielleicht endet ihr Hype, wenn irgendwann der vegane Hype endet (falls das überhaupt jemals passiert). Vielleicht endet er auch nie. "Ich sage auch nicht, dass Chia-Samen ausreichen, um sich komplett gesund zu ernähren", sagt Alessa Kaiser. "Aber als Teil einer ausgewogenen Ernährung tragen sie dazu bei. Und besser als ein Nutella-Brot sind sie auf jeden Fall." 

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