“Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf”

Unserer Autorin bekam diesen Satz von ihrem Frauenarzt über Whatsapp geschickt. Wie reagiert man da?
Von Anonym
Collage Jessy Asmus

"Gute Partie", kommentiert ein Freund, als ich ihm den Screenshot einer Whatsapp-Nachricht schicke, die mir mein Arzt geschrieben hat. Der Freund neigt zu sehr trockenem Humor. Denn in der Nachricht steht, dass ich ihm, dem Arzt, seit unserem letzten Termin nicht mehr aus dem Kopf ginge. Er erkundigt sich auch, ob mir die Sache, deretwegen ich bei ihm war, noch Probleme bereite, entschuldigt sich im gleichen Zuge dafür, dass er mir schreibt, und weist mich darauf hin, dass ich "auch nicht drauf antworten" müsse. Ach so: Wir reden übrigens von meinem Frauenarzt.

Als ich die Nachricht lese, bin ich baff. Darf der das? Ich frage eine enge Freundin, die Medizin studiert und deren Mutter Ärztin ist. Eine bessere Vertrauensperson fällt mir im ersten Moment nicht ein. "Verboten, das geht gar nicht!", antwortet sie. Doch was jetzt? Den Arzt melden? Bei wem? Und würde ich dann aussagen müssen?

Grundsätzlich gilt für Ärzte das "Abstinenzgebot"

Um das herauszufinden, rufe ich die Bayerische Landesärztekammer an. Und bekomme als Antwort: eine gewisse Ratlosigkeit. "Das sind alles so Grenzfälle, die es im Zeitalter der Digitalisierung gibt und die auch uns bekannt sind", sagt Sprecherin Dagmar Nedbal. Bei sexueller Belästigung und Missbrauch rät sie, sofort Strafanzeige zu erstatten. Aber beim digitalen Flirtversuch? Das sei zwar in der Berufsordnung nicht verboten, grundsätzlich gelte für Ärzte aber das "Abstinenzgebot". Insbesondere natürlich, wenn sie mit minderjährigen Patienten zu tun haben und bei psychotherapeutischen oder psychiatrischen Behandlungen (das alles liegt hier also nicht vor).

Das Abstinenzgebot besagt, dass Ärzte die Beziehung zum Patienten nicht zur Befriedigung eigener Interessen und Bedürfnisse nutzen dürfen. "Ein professionell arbeitender Arzt kommt seinem Wunsch nach einem privaten Kontakt gar nicht erst nach – auch nicht per Whatsapp", sagt Nedbal am Telefon.

Und wenn er es, wie in meinem Fall, eben doch tut?

Habe die Patientin das Gefühl, dass eine Grenze überschritten wurde und ein Bruch im vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnis entstanden ist, rät Nedbal, den jeweiligen ärztlichen Bezirksverband zu kontaktieren. Der beschuldigte Arzt würde dann dort zunächst angehört und der Fall könnte beim Berufsgericht landen. Im schlimmsten Fall müsste er mit einer Rüge und einer Geldstrafe rechnen. Doch der Arzt, so vermutet Nedbal, könnte sagen, dass die Patientin den Eindruck erweckt hat, dass ihr die Kontaktaufnahme recht ist. Wenn Aussage gegen Aussage steht und kein Tatbestand ermittelt werden kann, sei die Wahrscheinlichkeit einer Rüge oder gar eines Verfahrens sehr gering, so Nedbal.

Ich überlege, woher der Arzt überhaupt meine Handynummer hat. Ich komme auf die Patientenakte. Erst dann fällt mir wieder ein, dass ich sie ihm selbst gegeben habe. Beziehungsweise er mir seine, als er mir anbot, dass ich ihn bei Problemen auch gerne am Wochenende kontaktieren dürfe. Nachdem ich die Nummer eingespeichert hatte, bat er mich, anklingeln zu lassen, um zu checken, dass sie auch stimmt.

Und wenn ich das jetzt so schreibe, klang ja auch das schon sehr eindeutig. Und ich wohl naiv. Aber im echten Leben, mit seinen kurzen Einzelmomenten und den verfluchten Zwischentönen, da sind solche Dinge ja eben nie so klar.

Und die Verhältnisse zu anderen Menschen sind es eben auch nicht. Der Mann ist ein sehr fleißiger Arzt. Er stöhnt oft über die 80-Stunden-Wochen, die er in der Praxis verbringt. Er tut mir leid. Und ich mag ihn eigentlich. Er war von Anfang an so ein Kumpel-Typ. Duzt mich. Stellt mir Fragen zu meiner Beziehung. Erzählt aus seiner Ehe. Das machte auf der einen Seite die intimen Behandlungen lockerer. Auf der anderen war es aber immer wieder einen Tick unangenehm, weil zu privat. Zu eindeutig. Und dann doch auch wieder nicht. Diese verfluchte Grenze also, die doch immer alles offen lässt.

Einmal, als er eine Leistung nicht voll berechnete, sagte er, dass ich ihn als Dankeschön ja auf ein Eis einladen könne. Es klang wie ein Scherz. Vielleicht wollte ich aber auch nur, dass das so klang. Die Aussicht auf ein Eis mit ihm war mir schließlich schon damals sehr unangenehm.

Bin ich selber schuld? Wieder mal "zu nett"?

Und vielleicht überlege ich deshalb auch, wie meine Rolle bei all dem war? Ob ich nicht schon viel früher eine Grenze hätte ziehen sollen, etwa mit der Bitte, mich zu siezen. Oder, ganz einfach: mit einem Arzt-Wechsel. Denn, und das ist mein Glück, ich bin in keinster Weise an diesen einen Arzt gebunden, wie etwa an einen Arbeitgeber. Auch von seiner Gunst bin ich nicht abhängig, wie bei einem Lehrer oder Professor. Ich hätte den Wechsel nicht einmal begründen oder mich irgendwo abmelden müssen. 

Trotzdem blieb ich und mit jedem Mal, das ich wieder kam, fühlte er sich vielleicht bestätigt. Bei unserem letzten Termin, dem vor der Nachricht über mich in seinen Kopf, war er wieder mal sehr abgespannt. Er jammert über Probleme in der Praxis. Ich hatte das Gefühl, ihm gut zureden zu müssen – und tat das auch. Habe ich ihm damit Hoffnungen gemacht? Noch mehr falsche Signale gesendet?

Und warum, zum Teufel, drehe ich die Perspektive jetzt schon wieder um? Versuche mich in die Lage des Arztes zu versetzen? Suche Entschuldigungen für sein Verhalten? Ich denke an die unangebrachten Nachrichten, die ich betrunken an irgendwelche Ex-Freunde oder Ex-Affären versende, und für die ich mich jedes Mal am nächsten Morgen furchtbar schäme. Und: wie ich mich darüber freue, wenn sie etwas Höfliches antworten, anstatt meinen Fehltritt komplett zu ignorieren.

Also schreibe ich zurück. Ich bedanke mich für die Nachfrage nach meiner Gesundheit, rate ihm, weniger zu arbeiten und wünsche ihm, dass er bald Unterstützung für die Praxis findet. Ich hätte seinen Kontaktversuch auch ignorieren können, habe aber die Sorge, dass er mir dann erneut schreibt. Es melden? Würde ich damit nicht die Karriere und damit die Existenz (und die Ehe) dieses Mannes gefährden? Das will ich nicht. Wie gesagt: Er tut mir halt Leid.

Und weil ich mir immer noch nicht sicher bin, ob das die richtige Entscheidung war, bleibt – außer dem Entschluss, den Arzt zu wechseln - hier wohl nur die Erkenntnis, beim nächsten mal früher auf mein Gespür zu vertrauen. Schon beim ersten Signal auf den Bauch zu hören. Der Bauch weiß so was – und er ist bei diesen Themen unbedingt und dringend entscheidungsberechtigt.

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