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Evelyn (1): Der Umzug

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Sie hat gerade ein sinnloses Studium der Philosophie hinter sich, zieht nach Berlin, hat aber keinen blassen Schimmer, wie ihr Leben dort aussehen soll. Du darfst Evelyns Leben lenken, du darfst die Geschichte mitbestimmen, indem du Vorschläge machst, Entwürfe erfindest. Alle zwei Wochen kannst du dann mitverfolgen, wie deine Ideen die Evelyn-Kolumne vorantreiben. Viel Spaß!

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

„Berlin ist schöner“, behauptet Evelyn. Das behauptet sie immer, wenn man sie fragt, warum sie von Leipzig wegziehen will. Wir denken an Endloseinkäufe im schönsten Kopfbahnhof Europas, wir sehen das gigantische Leipziger Rathaus vor uns und gehen in die Knie, in Gedanken hüpfen wir noch einmal in den Cospudener See, streunen durch den Clara Zetkin Park, sammeln Bärlauch im Auenwald, wir begeben uns in die Südvorstadt, essen einen letzten 1-Euro-Döner und hangeln uns der Karl-Liebknecht-Straße entlang von Puschkin über Nato und Volkshaus ins stuckverzierte Heim. Es kann nirgendwo schöner sein als in Leipzig. Wir können Evelyns Aussage nicht nachvollziehen, wir glauben ihr schlichtweg nicht. Es muss noch einen anderen Grund für diesen Umzug geben. Hat Evelyn etwa Arbeit gefunden? Aber wer findet schon Arbeit, wenn er Philosophie studiert hat! Nicht im Nachgehen von Arbeit, nein, im Nachgeben von Gefühlen, vermuten wir also Evelyns Entschluss. Sie ist verliebt in … „Ich liebe!“, berichtigt sie uns. Nun gut: Sie LIEBT Lucas. Lucas und Evelyn sind ein bisschen dumm. Ganze 9 Semester hatten sie Zeit, einander näher zu kommen, ganze 9 Semester vergingen, und passiert ist nichts. Woran liegts? „An mir nicht!“, tönt Evelyn, „an mir nicht!“ Was die Sache für Evelyn nicht unbedingt vorteilhaft erscheinen lässt. Vielleicht ist Lucas gar nicht dumm, vielleicht will er dich nur einfach nicht, liebe Evelyn! Doch E. ist ehrgeizig, E. ist emanzipiert, erpicht und entschlossen, wenn es darum geht, Lucas in seine Heimatstadt Berlin zu folgen. Denn Lucas ist lieb. Lucas ist schön. Lucas ist gescheit, geschmeidig, charmant und vor allem: Lucas ist Lucas. Dem gibt es nichts hinzuzufügen, findet Evelyn, ihr werdet noch sehen! Sicher werden wir Lucas zu Gesicht bekommen, in einer der späteren Folgen. Dafür wird Evelyn sorgen. Wir werden uns dann ein Bild von ihm machen. Wir werden Evelyn mit Rat und Tat zur Seite stehen, denn wir wollen, dass Evelyn glücklich wird. Ich will, dass Lucas glücklich wird, spricht sie in ihr Kopfkissen. Sie spricht aus destillierter Emotion heraus, was bemerkenswert ist, doch wenig hilfreich, wenn es darum geht, einen Umzug zu planen. Denn der Termin naht, an dem Evelyn ihr Zimmer in Leipzig zu räumen hat. Und ein konkretes Ziel liegt nicht vor Augen. Also wenn schon Berlin, dann Stadtteil. Welcher soll es sein? Schick wohnen in Charlottenburg, hip in Friedrichshain, szenisch in Prenzlauerberg oder rütli in Neukölln? In Kreuzberg wohnt Lucas. Evelyn findet Kreuzberg somit wahnsinnig attraktiv. All die Cafés, Bars und Clubs, all die Straßen, Plätze und Parks, in denen man Lucas zufällig treffen könnte. Ein spontanes Gespräch würde uns gut tun, denkt Evelyn, alles würde sich von selbst ergeben … Oder doch lieber den Sicherheitsabstand wahren? In getrennten Stadtteilen schlafen. Sich nicht unfreiwillig begegnen müssen … Was ist besser? Illustration: dirk-schmidt melanie-arns hat gerade ihr zweites Buch veröffentlicht: Traumpaar, nackt ist im Verlag Jung und Jung erschienen und kostet 15, 80 Euro.

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