Das Facebook-ABC: R wie Rettet meine Tochter

Die 15-jährige Kim Fluchs aus Aachen wurde von ihrem Vater auf Facebook als vermisst gemeldet. Besonders hilfreich war das nicht. Im Gegenteil.
mercedes-lauenstein

In einem Anfall von akuter Sorge postete Marco Fluchs, Vater der fünfzehnjährigen Kim Fluchs aus Gummersbach, am Montag auf Facebook einen Aufruf zur Suche nach seiner vermissten Tochter. Die war angeblich bei ihrer Oma in Aachen zu Besuch gewesen und dann verschwunden. Die Facebook-Community reagierte prompt, die Meldung verbreitete sich innerhalb weniger Stunden. Vielleicht hatten viele noch den Schock über die Nachricht vom kürzlich ermordeten Mirco im Kopf und taten deshalb ihr bestes, die Suchanfrage schnell weiterzuleiten. Doch so viele Unterstützer Kims Vater dadurch fand, so viel Misstrauen schürte er auch. Viele User behaupteten plötzlich, sowohl die Person Marco Fluchs, als auch die vermisste Tochter seien nichts weiter als ein geschmackloser "Hoax", eine absichtliche Fehlmeldung.

Illustration: Julia Schubert



Als sich die Diskussionen auf Marco Fluchs Facebook Pinnwand schließlich mit bis zu 4000 Kommentaren unter einem einzigen Post beinahe überschlugen, löschte Fluchs seinen Account. Der Entschluss löste eine noch viel größere Welle an Mißtrauensbekundungen von Seiten der Facebook-User aus. Löscht er seinen Account, weil er etwas zu verbergen hat?

Jemand gründete auf eigene Faust eine neue Vermisstenseite für Kim. Unterdessen muss es bei der für Aachen zuständigen Oberbergischen Polizeizentrale zum Ausnahmezustand gekommen sein. In einer Pressemitteilung sprach sie die dringende Bitte aus, von weiteren Anrufen bei der Polizei abzusehen. Es könnten wegen der nicht mehr zu bewältigenden Flut von Anrufen keine individuellen Auskünfte mehr erteilt werden. Desweiteren bestätigte die Polizei in ihrem Schreiben, dass Kim Fluchs zwar tatsächlich als vermisst gelte; betont wurde aber auch, dass Kim Fluchs der Polizei als sogenannte „Läuferin" längst bekannt sei. Kim sei demnach eine bekannte Ausreißerin, die häufiger von zu Hause weglaufe. Dieses Mal, so die Annahme, sei sie wohl mit einer Freundin unterwegs, mit der sie schon diverse Male von zu Hause abgehauen war. Eine Ähnlichkeit mit dem Fall Mirco, so die Polizei, sei abwegig.

Bisher gibt es keine Neuigkeiten darüber, wo Kim sich aufhält und wie es ihr geht. Sicher ist nur, dass das gutgemeinte Anliegen ihres Vaters, das Land über ihr Verschwinden in Kenntnis zu setzen, alles andere als eine Hilfe für die Aufklärung des Falles darstellt. In eigens für Kim ins Leben gerufenen Gruppen und Fanseiten wüten die Kommentarkriege zwischen ihren Unterstützern und denjenigen, die die Aktion für ein böses Fake halten. Ihr Verschwinden wird von einigen Usern sogar in Zusammenhang mit verschiedenen Entführungs-"Hoaxes" aus den USA gebracht. Will man sich über den Fall informieren, muss man sich an offizielle Presseberichte halten. Welche der Facebook-Infos über Kim und ihr Verschwinden und die diversen zugehörigen Verschwörungstheorien verlässlich sind, ist längst nicht mehr zu durchblicken.

Die Idee, eine Vermisstenmeldung im Internet zu verbreiten, scheint im ersten Moment einleuchtend. Doch auf den zweiten Blick wird klar, dass die große Aufmerksamkeit oft mehr Schaden anrichtet. Im Fall Kim kursiert mittlerweile sogar ein Video im Internet, in dem die Vermisstenanzeige filmisch zusammengeschnitten wurde und unter anderem die echte Adresse von Kims Eltern zu sehen ist. Im Fall der vor einigen Monaten verschwundenen Anne H. aus Hamburg trug die Internetgemeinde übrigens auch nicht zur Rettung bei. Die Polizei war dem großen Ansturm an Hinweisen kaum gewachsen. Aufgetaucht ist Anne schließlich ohne jede Hilfe. Sie konnte ihrem Entführer entkommen und stand eines Tages wieder vor der Tür ihres Elternhauses. 

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