Die 23-jährige Kommunikationsdesignstudentin Veronika Dräxler aus München wollte herausfinden, wie viele ihrer digitalen Freunde sich noch spontan zu einer nondigitalen Handlung bewegen lassen würden. Sie machte ein Experiment: Per Veranstaltungseinladung auf Facebook forderte sie ihre 556 Freunde dazu auf, ihr eine analoge Postkarte zu schicken. Sie begrenzte das Projekt auf gerade einmal eine Woche – und bekam in dieser Zeit 63 Karten. Was sie dazu bewegt hat, was das Wort „Freundschaft“ in sozialen Netzen eigentlich bedeutet und warum das so ein heikles Thema ist – im Interview haben wir mit ihr darüber gesprochen. jetzt.de: Veronika, sind 63 zugeschickte Karten bei 556 Facebook-Freunden viel oder wenig? Veronika: Viel! Ich hatte mit gerade einmal zehn gerechnet – mit Karten von meinen wirklich engen Freunden. „Freunde“, ist auch ein zu bedeutungsvolles Wort für das, was der Rest meiner Kontakte auf Facebook sind. jetzt.de: Was sind die denn? Veronika: Kommilitonen, alte Mitschüler, Kollegen und Ex-Kollegen, befreundete Blogger – bekanntere Bekannte und weniger bekannte Bekannte eben. F wie Freundschaft

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jetzt.de: Von denen du aber doch für deutlich mehr als nur zehn wichtig genug warst, um sich zum Briefkasten zu bequemen. Veronika: Ja, sicherlich. Und das war ein tolles Gefühl, jeden Tag ein paar Karten im Briefkasten zu finden. Da kamen sogar welche aus Estland und Spanien. Am schönsten waren jene, die Freunde wirklich bloß für mich geschrieben oder mühevoll gebastelt haben– ohne Hintergedanken, manchmal gar anonym. Einfach so für das Projekt. Ich habe aber auch einige Karten bekommen, auf denen Bekannte für ihre Firma oder ihren Blog werben. Dass ich die erhaltenen Karten immer gleich eingescannt und veröffentlicht habe, hat wohl viele motiviert. Sie haben gemerkt: Da ist man Teil von etwas. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es da bloß um mich ging. Es ging hauptsächlich um die ungewöhnliche Idee und ein Stück weit auch um die Möglichkeit der Selbstdarstellung – wie so oft im Internet. jetzt.de: Wie ist dir die Idee denn eigentlich gekommen? Veronika: Das war im Rahmen eines Uni-Projekts, in dem es darum ging, eine eigene Zeitung zu entwerfen. Ich wollte eine Facebook-Zeitung machen, in der ich der Sache auf den Grund gehe, was uns da eigentlich tagtäglich so magisch anzieht. Der Inhalt kann es nämlich nicht sein. jetzt.de: Warum nicht? Veronika: Im Rahmen desselben Projekts habe ich mich einen Tag lang an meine Schreibmaschine gesetzt und von morgens bis abends die Statusmeldungen meiner Freunde in der Timeline abgeschrieben. Was da für ein Gedankenmüll publiziert wird, ist unerträglich. Ein, zwei interessante Links – das war’s. Da wurde mir dann auch bewusst, wieso mir dieses lange vor Facebook hängen oft so ein Leeregefühl verschafft. Weil ich etwas hinterher eifere, was schlichtweg gar nicht da ist.

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Veronika jetzt.de: Welcher Sache eiferst du hinterher? Veronika: Echtem Leben. Facebook gaukelt es uns ja so vor: Interaktiver Cliquentreff, Büroküche, öffentliche Bühne und geheimes Tagebuch – diese Plattform ist alles auf einmal. Praktisch denkt man und sitzt den ganzen Tag vor seiner Nachrichtenwand. Konsumiert und produziert belanglose Eckdaten. Wartet auf eine Reaktion, eine Bestätigung. Und glaubt, aktiv am Leben seiner Freunde teilzuhaben. Tatsächlich ist aber die Wahrheit eine andere: Man ertrinkt in einem Informationsfluss der Belanglosigkeit. Gleichzeitig wird man faul. Sogar ein Geburtstagsanruf scheint zu viel verlangt, wenn es per Pinnwandeintrag schneller geht. Und zum Schluss bleibt nichts übrig. Man sitzt doch nur mittellos und allein auf seinem Schreibtischstuhl. jetzt.de: Und die Postkartenaktion war dein Wink mit dem Zaunpfahl, sich wieder einmal auf das echte Leben zu konzentrieren? Veronika: Die Postkarten sollten etwas Beständiges schaffen. Etwas, das länger bleibt als die flüchtigen Facebook-Timelines, die nach drei Tagen keiner mehr nachvollziehen kann. Sie sollten andere motivieren, mal wieder tatsächlich zu handeln. Dieser unmerklich entstandenen Trägheit Einhalt zu gebieten. Sich nicht vom digitalen Sog komplett außer Gefecht setzen zu lassen. Sondern die virtuelle und die echte Welt zu verbinden. Ich wollte beweisen, dass wir dieser diffusen Leere nur entgehen können, indem wir ein Stück weit aus Facebook heraustreten. Und unser Verhältnis dazu neu definieren. jetzt.de: Wie meinst du das? Veronika: Vielleicht liegt die Lösung darin, zu erkennen, dass Facebook nicht mehr als ein enorm erweitertes Adressbuch ist. Der Ort, an dem man sein Leben zwar organisieren, aber eben nicht ausleben kann. Auch wenn es vielleicht spannender wirkt, weil man sich besonders interessant darstellen kann, darf man nicht anfangen, sich vollständig mit seinem Internetauftritt zu identifizieren. Einem virtuellen Bild von sich selbst nachzueifern, macht krank, weil man den Bezug zu sich und seinen echten Beziehungen verliert. jetzt.de: Sollte man dann vielleicht nicht lieber ganz aus Facebook austreten? Veronika: Nein! Das wäre der falsche Weg. Social Networks im Internet sind ja nichts Schlechtes. Wir müssen nur den Umgang damit lernen. Wie eben den Umgang mit dem Fernseher. Denn Facebook ist doch schon in eine Reihe zu ordnen mit Fernsehen und Telefon. Es ist die Zukunft. Nur macht so ein soziales Netzwerk es uns nicht gerade einfach, vernünftig mit ihm umzugehen. Seine Interaktivität lässt uns vergessen, dass wir außer Klicken ja gar nicht viel tun. Dass wir eben nicht mit unseren Freunden im Straßencafé sitzen, sondern auf einen Bildschirm starren. jetzt.de: Sollten wir also bewusst misstrauischer sein? Und nicht, nur weil Freundschaft draufsteht, gleich Freundschaft erwarten? Veronika: Genau. Facebook-Freundschaften sind zwar gut für unsere Beziehungen, aber sie sind nicht unsere Beziehungen selbst. Sie sind Kontakte. Das klingt einfach und deshalb wahnsinnig naiv, aber man kann das wirklich leicht verwechseln. Man muss sich schon aktiv vor Augen führen, dass Facebook bloß ein Kanal ist, der immer im echten Leben münden muss. Nur so kann er wirklich das tun, was er verspricht: Menschen zusammenbringen. jetzt.de: Würdest du sagen, dass dir das erst durch deine Postkartenaktion so richtig bewusst geworden ist? Veronika: Die Diskussion um die Facebook-Freundschaften ist ja nichts Neues. Aber durch die Aktion habe ich mir tatsächlich ein Stück echte Wertschätzungsfähigkeit zurückgeholt. Ich habe gemerkt, wie wahr das Sprichwort ist: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“ Es ist eben doch schön, wenn jemand sich außerhalb des Internets Zeit für dich nimmt. Und genau damit habe ich auch gleich postwendend angefangen: mir mehr analoge Zeit für meine Freunde zu nehmen. Nicht für die 556, sondern eben für die, bei denen ich weiß, dass sie für mich da sind, egal welches Projekt mir auch einfällt. Wenn du mehr über Veronika und ihre Aktion erfahren willst: Sie bloggt unter www.selbstdarstellungssucht.de

Text: mercedes-lauenstein - Fotos: privat