Facebook-ABC: I wie I Drink

Wie man mit minimaler Arbeit maximale Selbstzufriedenheit plus Außenwirkung erreicht? Änderung der Statusanzeige genügt!
christina-waechter

Wie kann ein ganz normaler Mensch, so einer wie du und ich, etwas gegen Kindesmissbrauch unternehmen? Oder gegen Brustkrebs? Ach so, und bitte: allzu anstrengend sollte es nicht sein und wenn irgend möglich mit maximaler Außenwirkung verbunden sein.

Illustration: Julia Schubert

Kein Problem, seit es Facebook gibt. Denn seitdem der Facebook-Account fast schon Pflicht ist, kann man darauf nicht nur Exfreundinnen stalken und sein eigenes Leben in Statusanzeigen schönen, sondern auch für Awareness sorgen. Soll heißen: seine Freunde darauf aufmerksam machen, dass die Welt nicht nur aus Katzenvideos und lustigen Wurstteppichen besteht, sondern auch aus Krebs, Umweltverschmutzung und Kindesmisshandlung. Und weil man da jetzt auch nicht ständig wie Debbie Downer daher kommen möchte, sind die Awareness-Kampagnen auch noch lustig anzusehen und stören fast überhaupt gar nicht. Solche Aktionen werden von Kritikern als Slacktivism bezeichnet, eine Neuschöpfung aus den Wörtern Slacker und Activism - und die Bezeichnung für eine Art von Engagement, das mit minimalem Aufwand ein möglichst gutes Gewissen und vor allem maximale Außenwirkung bringt. Aktuell gibt es in den USA zwei solcher Kampagnen auf Facebook: Die eine soll den Kindesmissbrauch beenden, und die andere soll ganz im geheimen durch Getränke-Statusanzeigen dem Brustkrebs mindestens den Kampf ansagen, wenn nicht gar ihn ebenfalls: ausrotten. Und das geht so: Dass man sein Profilbild gegen Comic-Figürchen austauschen soll, ist bei europäischen Facebook-Nutzern ja schon ein alter Hut. Doch bei uns war diese Aktion noch bar jedem Aktivismus anscheinend reicht auf dem alten Kontinent schon ein bisschen Nostalgie aus, um die Massen zu bewegen. Doch irgendwo auf dem Weg über den Atlantik wurde aus dieser einfachen Spaß-Geschichte eine gute Tat mit Breitenwirkung. Denn indem man sein Profilbild gegen eine Comicfigur aus seiner Kindheit austauscht, macht man so auf Kindesmissbrauch aufmerksam, was wiederum scheinbar zum Ende desselbigen führt. Oder doch nicht? Kaum war allen das Herz übergelaufen vor lauter Gutmenschentum, wurden Stimmen laut, die behaupteten, die ganze Aktion sei in Wahrheit von Pädophilen gestartet worden, als ein perfider Trick, um damit Kinder dazu zu bewegen, ihren Freundschaftsantrag anzunehmen. Diese Angst ist wohl eher unbegründet. Die Kampagne gegen Brustkrebs ist noch ein bisschen verschwurbelter. Um die Aufmerksamkeit der Facebook-Öffentlichkeit auf Brustkrebs zu lenken, wurden Mädchen und Frauen von Freundinnen dazu aufgefordert, in ihrer Statusanzeige aufzuschreiben, was sie gerade trinken. Allerdings war es damit noch nicht getan, denn das Getränk der Wahl ist in Wahrheit ein geheimer Code für den Beziehungsstatus derjenigen, die das postet. Also: I drink tequila heißt dann in Wahrheit Ich bin Single, Champagner bedeutet verlobt, Bier trinkende Frauen sind verheiratet, und so weiter und so fort.  Der "Witz" der Aktion: Diese Codes sollten nur von Frau zu Frau weitergegeben werden und unter keinen Umständen an Männer verraten werden. Wie die Erfinderinnen dieser Aktion damit allerdings in die Medien kommen wollen, bleibt schleierhaft. Ebenso wie die Frage, was genau Aktionen, wie diese, bewirken und ob sie wirklich eines Tages dazu beitragen werden, todbringende Krankheiten und Missbrauch zu beenden.

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