Junge Menschen verlassen Facebook? Stimmt nicht

Das Portal wird nur zum Einwohnermeldeamt des Internets: Irgendwann muss jeder hin.
Von Jakob Biazza
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Illustration: Katharina Bitzl

Jonas ist ein Problem für Facebook. Eines von vielen, die das soziale Netzwerk seit ein paar Jahren hat, aber laut Experten und solchen, die sich dafür halten, möglicherweise das mittelfristig größte. Jonas ist nämlich jung. 17, um genau sein. Und Jonas sagt, dass Facebook „sowas von durch“ sei. Weder er, noch seine Freunde oder Klassenkameraden würden das Netzwerk deshalb „noch wirklich“ nutzen. Jonas könnte damit möglicherweise auch ein Lügner sein – oder zumindest den Ausspruch „noch wirklich“ sehr missverständlich nutzen. Dazu aber gleich mehr.

Zunächst mal ist Jonas mal symptomatisch für ein Phänomen, das seit ein paar Jahren immer wieder beschworen wird (in Teilen sogar von Gründer Mark Zuckerberg selbst): Facebook sei „uncool“ geworden, und das könne – sehr langfristig – den Untergang bedeuten. Was als Austauschplattform für junge Menschen anfing, ist inzwischen nämlich infiltriert von deren natürlichen Fressfeinden: Eltern, Lehrern, (zukünftigen) Chefs. Oder wie Jonas’ Bruder Benny sagt: „Als meine Mutter zum ersten Mal einen Post von mir geliket hat, habe ich aufgehört, Bilder hochzuladen. Als ich meine Tante auch noch gefunden habe, habe ich mit fast allem aufgehört.“ Jonas und Benny machen jetzt viel bei Snapchat.

Und an beide richtet sich deshalb eine Werbebotschaft, die Facebook gerade von Plakatwänden und Fernsehschirmen sendet: "Mache Facebook zu deinem Facebook". Auch dazu gleich mehr.

In etwas globaler erhobene Zahlen übersetzt bedeutet „uncool“ werden nämlich zunächst mal, dass Facebook zum Beispiel in den USA Anfang 2014 etwa elf Millionen Nutzer im High-School- und College-Alter weniger gehabt haben soll als noch 2011. Ebenfalls 2014 gaben nur noch 23 Prozent der Teenager das Netzwerk als ihr bevorzugtes an (2012: 42 Prozent), während 30 Prozent (2010: zwölf Prozent) Instagram zum Favoriten kürten. Im April 2016 berichtete fortune.com außerdem, dass unter den mittlerweile monatlich etwa 1,6 Milliarden aktiven Nutzern bei der Interaktion der Anteil an „original sharing“, also an Posts mit selbst erzeugtem Content, um 21 Prozent gesunken ist. Heißt: Die Menschen scrollen sich wohl noch durch die Timelines, posten aber immer weniger Bilder, Statusmeldungen oder Kommentare.

Das klingt bedrohlich. Und ist es möglicherweise doch nicht. Noch nicht zumindest. Auch, weil Facebook im Moment wohl noch zu mächtig ist, um zu scheitern. Die größte Form von Macht ist schließlich, die Menschen durch das (vermeintlich) beste oder wenigstens umfangreichste Angebot freiwillig anzuziehen. Und das Angebot von Facebook mag zwar in den wenigsten Bereichen noch state of the art sein (weniger Fachboutique, mehr Kaufhaus), aber es gibt eben noch alles. Was vor allem heißt: quasi jede öffentliche Information – gebündelt und vorsortiert. Und das reicht offenbar. Noch.

Zur Erklärung, warum, kann man andere, aktuellere Zahlen anschauen – oder Benny und Jonas genau zuhören: „NOCH wirklich“ und „mit FAST allem“ sind die entscheidenden Worte. Die, die vor allem das „original sharing“ erklären.

Was sich auf Facebook nämlich gerade spürbar ändert, ist weniger die absolute Menge der jungen Nutzer. Und auch nicht so sehr die Zeit, die sie dort verbringen. Laut einem linkedin-Bericht gehören in den USA immer noch 93 Prozent der Menschen zwischen 13 und 29 zu den monatlichen Usern. Bei den 18- bis 43-Jährigen sind es einer Statistik von comScore zufolge sogar knapp 98 Prozent, die im Schnitt mehr als 1000 Minuten im Monat auf der Seite verbringen. Was sich ändert ist, wie junge Menschen das Netzwerk nutzen. Und das erklärt wiederum auch, warum Facebook gerade plötzlich Werbung im Fernsehen und auf Straßenplakaten schaltet.

Facebook ist der Ort, an dem man alles bekommt, um ein vollwertig registrierter (Netz)Bürger zu sein – aber halt keine geilen Partys

Der Zugang zu Facebook wird nämlich nicht so sehr weniger, er wird nur passiver. Vor allem Menschen unter 30 konsumieren dort eher nur noch – und zwar Inhalte (professioneller) Dritter –, statt selbst Inhalte zu generieren. Sie finden dort also die Nachrichten von sz.de oder Buzzfeed, die gesammelten Memes von Schlecky Silberstein oder die Albumankündigung von Kollegah. Möglicherweise sogar tatsächlich die geänderten Öffnungszeiten des nächsten Wertstoffhofes oder neue Fahrpläne der U-Bahn. Ihre Urlaubsbilder snappen sie lieber einem kleinen Kreis von ausgewählten Kontakten.

Facebook wird damit also immer mehr zum Einwohnermeldeamt des Internets. Zum Ort, an dem man alles bekommt, um ein vollwertig registrierter (Netz)Bürger zu sein. Kein 16-Jähriger ist da gerne. Aber auch jeder 16-Jährige muss irgendwann hin, um erwachsen zu werden. Weil es da – und nur da – alles gibt, was es für die Teilhabe am öffentlichen Leben so braucht: Nachrichten, Witze, Gesprächsstoff für Schulhof und Vorlesungspause. Auf Facebook bist du in der Gruppe, in der Leute gebrauchte Fahrräder und alte Möbel verschenken. Wo sie Wonungsgesuche und vielleicht sogar -angebote posten. Und wo die Referatsgruppe Dokumente und Links teilt.

Die geilen Partys gibt’s woanders. Dort, wo niemand zusieht. Oder nur diejenigen, mit denen man auch saufen will.

Und weil so ein Amt besser funktioniert, wenn die Bürger ihm vertrauen, kommt nun die Image-Kampagne ins Spiel – das "Mache Facebook zu deinem Facebook" also. Und dazu die so konkreten Antworten auf die im ersten Moment etwas befremdlichen User-Sorgen: „Ich habe mal etwas gepostet, was ich nie, nie, nie hätte teilen sollen“, grämt sich da eine junge Frau. Lösung von Facebook: „Lösche es und es ist verschwunden“. Einem drolligen Lockenkopf schreibt man dies zu: „Du postest ein Bild deiner Kinder und die ganze Welt sieht es“. Rettung für die Kinder-Privatsphäre: „Poste Fotos an: Familie“.

Das klingt freilich banal bis peinlich – und angesichts der öffentlichen Intransparenz des Unternehmens auch schwer heuchlerisch. Interpretiert man das Netzwerk aber als eine Art öffentliche Stelle, wirkt es sofort konsequent.

Denn zu welchem Amt, so wohl der Gedanke, geht man lieber: einem anonymen Überwachungsapparat, der einem pauschal, nach langwieriger Prozedur und nur aufgrund kompliziertester Anfragen ein Dokument ausstellt? Oder zu einem, das man nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten kann? Bei dem man selbst entscheidet, was es einem gibt und was man ihm geben muss?

Man kann Jonas eine recht brauchbare Antwort darauf entlocken – wenn man ihn eher ums Eck fragt. Nicht: Nutzt du Facebook noch? Sondern: Woher bekommst du jetzt die Informationen, die du früher über Facebook bekommen hast? „Snapchat, Whatsapp und Instagram“, sagt er dann. Und fügt an: „Also das Zeug von meinen Freunden.“ Und die öffentlichen Sachen? „Ach so. Ja, da schaue ich schon noch bei Facebook. Schauen kann man da ja noch.“

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